Wolfgang Thierse: Ostdeutscher, Sozialdemokrat und Katholik
Wolfgang Thierse: Ostdeutscher, Sozialdemokrat und Katholik

10.06.2020

Wolfgang Thierse über Corona-Krise, Demokratie und Kirche "Demokratie ist anstrengend"

Wie lässt sich in der jetzigen Zeit der Unsicherheit die Demokratie stärken? Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sieht auch die Kirche in der Pflicht. Sie habe die Aufgabe, Emotionen aufzunehmen und das gegenwärtige Geschehen zu deuten.

DOMRADIO.DE: "Der Staat will den Bürgern Überwachungs-Chips implantieren". Das ist nur eine von vielen Verschwörungstheorien, die gerade kursieren. Können wir Leute, die so etwas denken, überhaupt noch erreichen? Oder leben die nicht schon in einer komplett anderen Welt? 

Wolfgang Thierse (Ehemaliger Bundestagspräsident, SPD-Politiker und Mitglied des Zentralkomitees deutscher Katholiken/ZdK): Sie sprechen eines der schwerwiegendsten Probleme an. Unsere Gesellschaft ist ja in vielfacher Hinsicht gespalten, nicht nur sozial, sondern auch kulturell. Und was vielleicht das Bestürzende ist: Dass wir uns nicht mehr einigen können auf die Wahrnehmung dessen, was Realität ist, was wirklich ist.

Verschwörungsmythologen leben in einer eigenen Welt. Sie bleiben unter sich. Das Internet gibt ihnen die Möglichkeit, sich in einem Echoraum der eigenen Vorurteile und der eigenen Wahrnehmung aufzuhalten. Die zu erreichen, ist ganz schwierig. Da kann ich nur sagen: Von Nachbar zu Nachbar, von Verwandtem zu Verwandtem, von Freund zu Freund reden, konkret zu fragen nach den Fakten. Das scheint mir der einzige Weg. Ich weiß, man wird nicht alle erreichen und in ein Gespräch bringen können.

DOMRADIO.DE: Verschwörungstheorien sind tatsächlich auf dem Vormarsch, auch Richtung Mitte der Gesellschaft. Unsere Zivilgesellschaft wirkt ja oft richtig machtlos gegen diese Entwicklung. Ist sie das wirklich? 

Thierse: Nein. Wir müssen uns doch auch vergewissern, dass sich nach allen Umfragen und auch nach unserer subjektiven Wahrnehmung die große Mehrheit der Deutschen vernünftig und solidarisch verhält und der Überzeugung ist, dass es die Regierung im Prinzip richtig gemacht hat: Der Staat ist seiner Pflicht nachgekommen, die Bürger vor einer wirklichen Gefahr zu schützen. Das ist die große Mehrheit. Die muss sichtbar sein, die muss sich auch zeigen.

Es passiert ja auch, dass Menschen sich wehren und die Plätze nicht den Verschwörungsmythologen und anderen einseitigen Menschen überlassen. Das ist schon wichtig. Die Bürger müssen begreifen, dass sie eine Verantwortung haben für den Zustand unserer Demokratie. 

DOMRADIO.DE  Sie haben gestern bei einem Podium in der katholischen Akademie "Die Wolfsburg" des Bistums Essen in Mülheim an der Ruhr auch mit dem Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, diskutiert. Wo sehen Sie denn die Aufgabe der Kirchen in dieser Zeit der Unsicherheit? 

Thierse: Die Kirchen könnten ein Raum sein oder einen Raum bieten, in dem Gespräch möglich ist, indem auch Vernunft zur Sprache kommt, in dem das gegenwärtige Geschehen gedeutet wird. Diese Pandemie-Erfahrung, die wir machen, ist ja eine Erfahrung der Verletzlichkeit der globalisierten Welt, auch der Verletzlichkeit des Einzelnen. Sie erinnert daran, dass unser Leben begrenzt ist.

Darüber zu reden, halte ich für eine Aufgabe der Kirche. Nicht auf frömmelnde Weise oder in der Weise, dass man Ängste forciert, sondern daran zu erinnern, dass wir in all unseren Allmachtsphantasien und in unseren begrüßenswerten und vernünftigen Anstrengungen, gesund zu bleiben und die Welt zu regeln, immer wieder an Grenzen stoßen. Und dass Freiheit auch ihren Preis hat.

Darüber zu sprechen und insofern sowohl Ängste wie Emotionen aufzunehmen, das gegenwärtige Geschehen vernünftig auf einen größeren Zusammenhang hin zu deuten, ist, glaube ich, eine Aufgabe der Kirchen. 

DOMRADIO.DE: Kommen wir nochmal auf die Ausgangsfrage von gestern zurück. Für wie gefährdet halten Sie persönlich unsere Demokratie in Deutschland? 

Thierse: In dieser Krise ist nur sichtbarer geworden, was ja vorher auch schon der Fall war, dass wir in unserer Gesellschaft vielfältige Spaltungen erleben und dass die Spaltungen eben nicht nur ökonomisch-sozialer Art sind, sondern auch kultureller Art. Das meint, wie Menschen sich verstehen, ihre Identität, ihre Prägungen - das alles wird plötzlich konfrontativer ausgehandelt, als vielleicht vorher wahrnehmbar war.

Es geht ja nicht nur um Pandemie und Gesundheitsgefährdung. Wir leben in einer kulturell, weltanschaulich, religiös, ethnisch pluralistischen Gesellschaft. Wir erleben, dass das eine verdammt anstrengende Angelegenheit ist. Pluralität heißt auch immer, Konflikte auszutragen, weil man Verschiedenheiten und Differenzen ertragen muss. Und die Demokratie ist genau der Raum, in dem das geht, weil nicht einer das Sagen hat und weil nicht diktatorisch verfahren wird. Aber genau deshalb ist die Demokratie so anstrengend.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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