Eine Gedenkstätte soll in Berlin an die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnern
Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg

08.05.2020

Kirche und Politik gedenken 75 Jahre Kriegsende Still und ohne Staatsakt

An diesem Freitag jährt sich die Befreiung vom Nationalsozialismus zum 75. Mal. Der Gedenktag sollte Anlass für einen Staatsakt in Berlin sein. Wegen der Corona-Pandemie wird die Erinnerung stiller ausfallen.

Kein Staatsakt und keine Gäste: Das Gedenken zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs fällt am Freitag wegen der Corona-Pandemie anders aus als ursprünglich geplant.

In Berlin werden Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie die Spitzen von Bundestag, Bundesrat und Bundesverfassungsgericht Kränze niederlegen. Steinmeier erinnert anschließend in einer Ansprache an die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus. Ein breites Publikum kann das Gedenken wegen der Pandemie nur im Fernsehen oder online verfolgen. Ein Staatsakt mit Gästen aus dem In- und Ausland wurde abgesagt.

Ökumenischer Gottesdienst

Vor dem Gedenken der Staatsspitzen an der Neuen Wache am Freitagmittag wird im Berliner Dom ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert. Auch er findet ohne Gemeinde statt und wird in der ARD übertragen. Die Predigt halten der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing.

Zur Erinnerung an den 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation Deutschlands, war ursprünglich ein Staatsakt geplant. Im Berliner Regierungsviertel sollten rund 1.600 Gäste unter anderem aus dem diplomatischen Corps und von einer internationalen Jugendbegegnung teilnehmen, wie es aus Kreisen des Bundespräsidialamts hieß. Bereits im März wurde der Staatsakt abgesagt, der in der Geschichte der Bundesrepublik erst der zweite anlässlich des Tages der Befreiung gewesen wäre.

Die Absage sei "bitter", erklärte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) am Donnerstag und versicherte gleichzeitig: "Nie werden wir Deutschen vergessen, welches Leid und Elend wir mit dem Zweiten Weltkrieg über andere Völker gebracht haben."

Mit dem Überfall auf Polen begann das Deutsche Reich am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg. Zwischen 60 und 70 Millionen Menschen kamen ums Leben. Sechs Millionen Juden fielen dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer. Das militärische Eingreifen der Alliierten - der USA, der Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien - führte zur Kapitulation der Deutschen, die bereits am 7. Mai in Reims erklärt und einen Tag später in Berlin wiederholt wurde.

Diskussion um 8. Mai als Feiertag

Zum 75. Jahrestag flammte in diesem Jahr erneut eine Diskussion darüber auf, den 8. Mai zum bundesweiten Feiertag zu erklären.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat sich dafür ausgesprochen. Der Umgang mit dem Datum des Weltkriegsendes habe immer auch den Umgang der deutschen Bevölkerung mit dem Krieg und dem Holocaust widergespiegelt, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Freitag). "Ein jährlicher Feiertag würde die notwendige politische Aufmerksamkeit dafür schaffen, diese Debatten adäquat in die Zukunft zu tragen." Er unterstützte damit eine entsprechende Initiative des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Klein verwies auf eine Aussage des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, wonach es ohne Auschwitz keine deutsche Identität gebe. Deswegen sei es angemessen, dem Ende des Krieges mit einem eigenen Feiertag zu gedenken, so der Antisemitismusbeauftragte. Zudem sei es wichtig, neue Formen der Erinnerungskultur zu schaffen, auch weil es immer weniger Zeitzeugen gebe.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) erklärte in Erfurt, das würde der Bedeutung des Datums Rechnung tragen. Der 8. Mai ist in diesem Jahr nur in Berlin einmalig ein Feiertag. Für ihren Antrag, das künftig bundesweit durchzusetzen, erhielt die Linksfraktion am Donnerstag im Bundestag nur Zustimmung von den Grünen. Die Mehrheit im Parlament stimmte dagegen.

Bischöfe zum Zweiten Weltkrieg: Kirche machte sich mitschuldig

Die deutschen katholischen Bischöfe hatten sich zuvor zu Verfehlungen ihrer Vorgänger im Zweiten Weltkrieg bekannt. "Indem die Bischöfe dem Krieg kein eindeutiges 'Nein' entgegenstellten, sondern die meisten von ihnen den Willen zum Durchhalten stärkten, machten sie sich mitschuldig am Krieg", heißt es in einem am Mittwoch vergangener Woche veröffentlichten Wort der Deutschen Bischofskonferenz zum Kriegsende vor 75 Jahren. "Auch gegen die ungeheuerlichen Verbrechen an den als 'rassenfremd' diskriminierten und verfolgten Anderen, insbesondere den Juden, erhob sich in der Kirche in Deutschland kaum eine Stimme", so die Bischöfe.

Der Bischofskonferenz-Vorsitzende Georg Bätzing nannte das 23-seitige Papier ein "Schuldbekenntnis". Zugleich betonte er, dass es ihm und seinen Amtsbrüdern nicht leicht gefallen sei, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. "Denn wir wissen, dass uns die Rolle des Richters über unsere Vorgänger nicht gut zu Gesicht steht."

Die Nachgeborenen müssten sich aber der Geschichte stellen, "um aus ihr zu lernen für Gegenwart und Zukunft", so Bätzing weiter. Er warnte davor, einen Schlussstrich unter die NS-Geschichte zu ziehen.

"Wir dürfen uns nicht zurücklehnen, sondern müssen das Erbe in die Zukunft tragen." Es gelte stattdessen, gegen neue Formen von Nationalismus und Antisemitismus entschieden Stellung zu beziehen.

Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer sprach mit Blick auf das Schreiben von einem "komplexen Unterfangen" und verteidigte zugleich die Tatsache, dass der Holocaust nicht eigens thematisiert wurde.

Dazu laufe bereits seit langem eine intensive Auseinandersetzung und Aufarbeitung. Wilmer ist Vorsitzender der Kommission Justitia et Pax (Gerechtigkeit und Frieden), die an der Erarbeitung des Textes federführend beteiligt war. Wilmer kündigte an, die Bischöfe wollten die Versöhnungs- und Erinnerungsarbeit unter anderem mithilfe der Maximilian-Kolbe-Stiftung ausbauen.

Für Frieden und Gerechtigkeit eintreten

Auch weitere Kirchenvertreter riefen anlässlich des 8. Mai dazu auf, weltweit für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten.

Die westfälische Präses und stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus erklärte in einer Videobotschaft, der Gedenktag verpflichte zu einem Engagement gegen Antisemitismus und für einen gerechten Frieden.

Der rheinische Präses Manfred Rekowski schrieb in einem Blog-Beitrag, zum Gedenktag gehöre nicht nur ein "Nie wieder" sondern auch ein "Immer wieder" verbunden mit der Aufforderung, immer wieder für den Frieden einzutreten. Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung erinnerte daran, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Gründung der Vereinten Nationen und dem

Versöhnungs- und Integrationsprozess in Westeuropa die Basis für Frieden und Wohlstand gelegt worden sei. Die UN wollen am Freitag mit einer Gedenksitzung in New York ebenfalls an das Kriegsende erinnern.

(KNA, epd)

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