Tor zur KZ-Gedenkstätte in Dachau
"Arbeit macht Frei"-Tor in Dachau
Priesterbaracke in Dachau
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Priestermesse in Dachau
Priestermesse in Dachau

29.04.2020

KZ Dachau vor 75 Jahren von US-Soldaten befreit Heimliche Wunder in der Hölle

In Dachau befand sich seit 1933 die "Mörderschule der SS". Und bald auch das größte Priestergefängnis der Geschichte: Das KZ war die Hölle. Aber eine, in der sich auch Wunder ereigneten. Heimlich.

Nur zwei Monate nachdem die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gekommen waren, nahmen sie in Dachau ihr erstes Konzentrationslager in Betrieb. Dort lernte die SS, wie man Terror und Vernichtung am effektivsten organisiert. Als das Lager am 29. April 1945 von US-Soldaten befreit wurde, wogen etliche Häftlinge kaum mehr als 40 Kilogramm.

Geistliche im "Priesterblock"

Anfangs für politische Gefangene geschaffen, wurden später auch Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Sinti und Roma dort inhaftiert. Ab 1940 pferchte die SS im Dachauer "Priesterblock" Geistliche aus ganz Europa zusammen, um die 2.800 Mann aus 20 Ländern, unter ihnen auch Hermann Scheipers. "Das Böse war in Dachau, das irrational Böse", sagte der Münsteraner Priester einmal. Und doch habe er in dieser Hölle die rettende Nähe Gottes sehr häufig gespürt. Scheipers war der letzte Überlebende des Priesterblocks, er starb 2010.

Dachau ist wie Auschwitz ein Synonym dafür, zu welcher Bestialität Menschen fähig sind. Aber das KZ war auch ein Ort kleinerer und größerer Wunder. Einige wirken bis heute nach.

Am dritten Adventssonntag 1944 ist das KZ Schauplatz einer der ungewöhnlichsten Priesterweihen der Geschichte. Der 29-jährige Kandidat Karl Leisner ist schwer lungenkrank und bereits vom Tod gezeichnet. Alles geschieht im Verborgenen.

Eine junge Ordensfrau schmuggelt das Benötigte ins Lager: Dokumente, liturgische Bücher und heilige Öle. Um die Wächter von der Zeremonie abzulenken, spielt vor der Kapelle ein Häftling Geige. Auf dem handgeschnitzten Krummstab von Bischof Gabriel Piguet ist eine Inschrift angebracht: "Victor in vinculis - Sieger in Fesseln".

An dem historischen Ereignis nimmt auch der polnische KZ-Häftling Kazimierz Majdanski teil. Polnische Priester wie er dürfen eigentlich nicht zu den Gottesdiensten. SS-Ärzten dienen sie dafür bevorzugt als Versuchsobjekte. Sie werden mit Malaria infiziert oder in Unterdruckkammern künstlich den Bedingungen unterworfen, denen Kampfpiloten bei Abstürzen aus großen Höhen ausgesetzt sind.

Majdanski erhält Eiter in den Oberschenkel gespritzt. Er überlebt die Infektion nur, weil ihm ein deutscher Pfleger heimlich ein Gegenmittel verabreicht.

Ungewöhnliche Geste

1975 kommt es vor dem Münchner Schwurgericht zum Prozess gegen den einstigen Peiniger des Priesters, den ehemaligen Sturmbannführer Heinrich Schütz. Er konnte nach dem Krieg jahrzehntelang unbehelligt als Internist praktizieren. Majdanski, inzwischen Bischof, reist als Hauptzeuge der Anklage an und gibt in einer persönlichen Erklärung zu verstehen, dass ihm jedes Rachemotiv fremd sei. Schon vor Jahren habe er allen Beteiligten verziehen. Dann geht er auf den Angeklagten zu und reicht ihm die Hand mit den Worten: "Mein Herr, wir können uns doch in die Augen sehen."

Der KZ-Häftling Nummer 26.147 erhält von seinen Mitgefangenen den Spitznamen "Engel von Dachau", und das nicht nur wegen seines Vornamens. Engelmar Unzeitig, ein mährischer Ordensmann, nimmt sich selbstlos derer an, die in der Lagerhierarchie ganz unten stehen: russische Kriegsgefangene. Während Hitler mit seinen Truppen einen erbarmungslosen Feldzug gegen die Sowjetunion führt, teilt Unzeitig mit gefangenen Rotarmisten seine karge Essensration und rettet so einige vor dem Hungertod. Er lernt ihre Sprache und bringt ihnen heimlich das Evangelium nahe.

Als in der russischen KZ-Baracke wenige Monate vor Kriegsende eine Typhusepidemie ausbricht, meldet sich Unzeitig mit 19 anderen Priestern freiwillig zur Krankenpflege. Wenige Wochen später erliegt er selbst der Seuche. Wegen dieser heroischen Tat wird der 2016 seliggesprochene Pater auch "ein deutscher Maximilian Kolbe" genannt.

Und dann sind da noch die wundersamen Früchte des oberbayerischen Landpfarrers Korbinian Aigner. Treue Seelen aus seiner Gemeinde Hohenbercha bringen dem Bauernsohn zur Aufbesserung seiner Verpflegung Äpfel ins KZ. Die Kerne setzt der obstkundige Aigner zwischen den Baracken heimlich in die Erde. Wider alle Wahrscheinlichkeit geht die Saat auf. Aus einem Verzweiflungsakt entstehen neue Sorten. 

Nach seiner Flucht bei einem Todesmarsch kann Aigner in Hohenbercha vier Sämlinge in Empfang nehmen, wo sie in seinem Garten heranreifen: Der Pfarrer nennt sie schlicht KZ-1 bis KZ-4. Nummer drei trägt seit 1985 seinen Namen: Der Korbiniansapfel hat festes Fleisch, schmeckt leicht säuerlich und ist gut lagerbar. Im Erdinger Land, Aigners Heimat, wird die Frucht bis heute angebaut.

Christoph Renzikowski
(KNA)

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