Friedliche Demonstration um den Märtyrerplatz in Beirut (28.10.2019)
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Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerks Misereor
Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerks Misereor

13.02.2020

Misereor-Hauptgeschäftsführer zu Sorgen und Nöten des Libanon "Die Sehnsüchte nach einem anderen Libanon sind groß"

Die politische und wirtschaftliche Krise im Libanon deutet ein Ende der bisherigen Ordnung des Landes an, sagte Pirmin Spiegel. Unklar sei aber, wie der Weg in einen "anderen Libanon" aussehen könne.

Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): Herr Spiegel, Sie waren eine Woche im Libanon unterwegs. Welche Eindrücke nehmen Sie mit?

Pirmin Spiegel (Misereor-Hauptgeschäftsführer): Wir waren in Beirut und Baalbek 90 Kilometer nordöstlich in der Bekaa-Ebene. Wir waren mit Projektpartnern unterwegs, mit denen Misereor seit Jahren zusammenarbeitet. Der Libanon scheint auf den ersten Blick friedlich, aber wir haben vielschichtiges Leiden gesehen. Schilderungen von Konflikten und Herausforderungen zeigen die Ohnmacht. In diesem Kontext waren wir auf der Suche nach Friedenspotenzialen.

Es ging darum, welche Wege die Menschen hier selbst sehen, um zu Versöhnung zu gelangen. Mir ist deutlicher geworden, wie sehr der Krieg der vergangenen zehn Jahren nicht nur Syrien betrifft, sondern wie der ganze Nahe Osten und darüber hinaus die Großmächte verwickelt sind. Der Libanon ist ein Land, an dem die verschiedensten Interessen und Spannungen aufeinander treiben.

KNA: Welche Ihrer vielfältigen Begegnungen hat einen besonderen Eindruck hinterlassen?

Spiegel: Die starke Motivation der Projektpartner und die Identifikation mit der Mission waren beeindruckend. Die Zärtlichkeit und Wärme, mit der sie versuchen, traumatisierten, leidenden Menschen Hoffnung zu ermöglichen und durch Präsenz Zuversicht zu geben, haben mich sehr berührt. Gleichzeitig schmerzt es, keine konkreten Auswege aus diesem Konflikt zu sehen. Der Libanon durchlebt eine politische und wirtschaftliche Krise. Die bisherige Ordnung einer über die Konfessionen organisierten Demokratie scheint an ihr Ende zu gelangen. Die Sehnsüchte nach einem anderen Libanon sind groß - aber wie der Weg dahin aussehen könnte, dazu haben wir keine Antworten erhalten.

KNA: Sie haben auch Gesprächspartner aus Syrien getroffen. Was haben sie über die aktuelle Lage berichtet?

Spiegel: Alle Sätze haben begonnen mit "Syrien leidet". Ein Satz hat sich mir besonders eingebrannt: Auf dem Boden und aus dem Himmel streiten fünf große Militärmächte gegeneinander - Russland, die USA, Türkei, Iran und Israel. Es geht nicht nur um Syrien, sondern um verschiedene Interessen, und die Verletzlichsten sind die Armen, die Angst haben und deren Heimat zerstört ist. Es wurden Kriegsverbrechen begangen. Wie soll das Land zur Ruhe kommen, wenn fünf wichtige militärische Mächte streiten und jeder seinen Vorteil sucht?

Ein weiterer Satz, der uns immer wieder begegnet ist: Syrien leidet unter dem Schweigen. Man wird nicht mehr in den Medien erwähnt, als hätte sich die Welt an den Krieg gewöhnt, obwohl eigentlich ganz Syrien auf der Flucht ist, entweder als Binnenvertriebene oder in Ländern wie dem Libanon. Ein Gesprächspartner sagte, dieses Schweigen sei die letzte große Bombe, die zurzeit fällt. Als Theologe würde ich sagen, Syrien ist ein großer Kalvarienberg und befindet sich am Karfreitag. Die Frage ist, wie man darin die Hoffnung an Ostern aufrechterhalten kann.

KNA: Nehmen Sie Hoffnung mit von hier, dass am Ende der Fastenaktion etwas Positives steht?

Spiegel: Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat gesagt, als er ins Gefängnis kam, dass wir nicht nur die Opfer unter dem Rad trösten, sondern einmischend in die Speichen greifen müssen. Das Bild gefällt mir sehr. An dem Schweigen sind Europäer beteiligt, auch Deutschland. An der Waffenindustrie ist Europa beteiligt, ist Deutschland beteiligt. An den wirtschaftlichen Spannungen sind die USA beteiligt und darüber auch Deutschland und Europa. Die Verflochtenheit auf unserem Planeten ist hier seit zehn Jahren in schrecklichem Maße sichtbar - und es wird deutlich, dass es jeweils Herausforderungen des Landes, aber auch der Nachbarländer und letztlich der Weltgemeinschaft sind.

Papst Franziskus lädt in seiner Enzyklika "Laudato Si" zum Dialog ein. Dem möchte ich mich anschließen - auch wenn mir bewusst ist, wie schwach Dialog ist angesichts der enormen Herausforderungen. Wir brauchen Dialog zwischen Religionen, Generationen, Parteien. Wichtig ist uns auch, Leiden und Ausgrenzung wahrzunehmen, unter der eine ganze Generation steht. Wenn wir dazu in der Fastenaktion zusammen mit unseren Projektpartnern etwas beitragen können, haben wir einen kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit und Frieden geleistet.

Andrea Krogmann
(KNA)

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