Zur Spiritualität des Widerstandskämpfers Nikolaus Groß

Als Katholik Haltung gegen den Nationalsozialismus zeigen

Der Familienvater und Widerstandskämpfer Nikolas Groß ist vor 75 Jahren von den Nationalsozialisten hingerichtet worden. Er lebte in der Köln und war überzeugter Christ. Wie schwer war der Widerstand gegen das NS-Regime für seine Familie?

Nikolaus Groß / © N.N. (KNA)
Nikolaus Groß / © N.N. ( KNA )

DOMRADIO.DE: Papst Johannes Paul II. hat Nikolaus Groß 2001 selig gesprochen. In dieser Woche erinnert die Kölner Pfarrei St. Agnes mit Veranstaltungen an diesen mutigen Mann. Wie ist denn Nikolas Groß dazu gekommen, unter Einsatz seines Lebens gegen Hitler Position zu beziehen?

Markus Roentgen (Referent für Spiritualität und Exerzitien im erzbischöflichen Generalvikariat​ des Erzbistums Köln): Das ist eine längere Geschichte. Nikolaus Groß kommt aus dem Arbeitermilieu, hat sich dann im zweiten Bildungsweg in andere Richtungen entwickelt. Er wurde Journalist und Redakteur und hat dann schon in den Zwanzigerjahren, als er mit seiner Frau und der ganzen Familie nach Köln zog, angefangen, in den Anfängen der NSDAP deutlich gegen Hitler Position zu beziehen. Er hat ihn früh als Scharlatan und falschen Propheten bezeichnet. Auf der Ebene, die er als Journalist und später als Hauptjournalist der Westfälischen Arbeiterzeitung und der Westdeutschen Arbeiterzeitung hatte, versucht er zunächst gegen Hitler und die NSDAP vorzugehen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das dann immer komplizierter.

Als Vater von sieben Kindern musste er auch auf seine Familie Rücksicht nehmen, das letzte Kind kam 1939 zur Welt. Er musste immer schauen, wie er das mit dem Widerstand vereinbaren kann: erst durch Flugschriften, durch Dinge, die ein Stück weit auch im Untergrund liefen und dann im aktiven Widerstand über den sogenannten Kölner Kreis. Er hat Botendienste gemacht, konspirativ gearbeitet und ein Stück weit mit Leuten wie Alfred Delp und Bernhard Letterhaus und anderen den katholischen Widerstand formuliert. Sehr tief überzeugt, dass das NSDAP-Regime in keiner Weise mit dem Kern des Neuen Testaments und mit dem Kern christlicher Botschaft verbunden sein konnte. Es war klar: Die Kinder gehen nicht in die Hitlerjugend, nehmen nicht an antisemitischen Veranstaltungen teil und durften zum Beispiel auch nicht in den Film "Jud Süß" gehen.

Er war jetzt kein katholischer Held, der da durchmarschiert ist, sondern er hat sich immer gefragt: "Ist das legitim? Kann ich das meiner Familie, den sieben Kindern, meiner Frau zumuten?" Das hat Nikolaus Groß in der Konsequenz im Einsatz für Menschenwürde und Gerechtigkeit gegen dieses totalitäre Regime immer mehr in Position gebracht. Seine Frau Elisabeth hat das markant gestützt. Das können Sie sich vorstellen, das war nicht so einfach mit sieben Kindern. Nikolaus Groß hat das sehr belastet.

Nach dem Hitler Attentat vom 20. Juli 44 wurden viele Menschen aus verschiedenen Widerstandskreisen in Sippenhaft genommen. Er auch. Das hat ihn sehr umgetrieben, dass seine jüngste Tochter Helene ihm, als die Gestapo kam, die Frage mitgegeben hat: "Wohin gehst du, Vater?" Diese Frage hat ihn wohl in der Zeit der Haft – er ist gefoltert worden –sehr bewegt.

Nikolaus Groß hat viele Briefe an seine Familie geschrieben. Seine Frau Elisabeth hat ihn mehrfach in Berlin, in Tegel, in der Haft besucht und alles versucht, um ihn da herauszuholen. Sie hat Anträge gestellt, das Haftverschonung oder auch Gnadengesuch eingereicht werden. Aber da hat sich auch die verfasste etablierte katholische Kirche, der Nikolaus Groß und seiner Familie zutiefst angehörten, nicht mit Ruhm bekleckert. Es gibt ein spätes Gnadengesuch von Kardinal Frings hier in Köln, aber auch sehr viele elitäre und etablierte Gremien der katholischen Kirche – Bischöfe und Generalvikare bis hin zum katholischen Nuntius in Berlin – haben Versuche, Groß herauszuholen, ignoriert. Der damalige Nuntius Cesare Orsenigo war ein überzeugter Faschist. Das kann man sich heute kaum vorstellen. Er war Anhänger von Mussolini und Hitler und hat alles, was versucht wurde, um diese Widerstandskämpfer aus den Prozessen mit Freisler und der Gestapo herauszuholen, ignoriert.

DOMRADIO.DE:  Die Kirche stand nicht unbedingt an seiner Seite. Warum nicht?

Roentgen: Ich denke, das war viel Angst vor dem Regime. Auch Angst, sag ich mal, Positionen zu verlieren. Auf der anderen Seite auch ein sehr seltsames Verständnis vom Römerbrief, Kapitel 13, wo ein bestimmtes Verständnis von Unterordnung unter die staatlichen und die herrschenden Organisationen eingefordert wurde. Aber das ist immer die Frage, ob man da das Mindestmaß tut oder ob man, ich sage mal, mehr in Kollaboration mit einem solchen Regime und in Kontakt tritt.

Da gibt es schon wirklich verheerende Briefe von Generalvikaren und Bischöfen, Huldigungen an Hitler oder an den Scharfrichter Freisler und Diskreditierungen gegenüber Widerstandskämpfern wie Groß oder Christoph Probst oder den früheren Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter. Es gibt auch Solidaritätsmomente, meistens von KAB-Prälaten, die mit Nikolaus Groß im engen Kontakt waren oder auch Alfred Delp, der Jesuit, der mit Groß befreundet war und die Familie öfter im Agnesviertel besuchte.

Aber im Grunde waren sie auch sehr oft auf sich allein gestellt. Man kann den Einsatz vor allen Dingen von Elisabeth Groß und diese innere Haltung der Kinder nicht hoch genug werten. Ich habe vor einiger Zeit noch einmal den letztjährig verstorbenen Sohn Alexander Groß gesprochen, der auch sehr bewegt ist vom Geschick seines Vaters, von seinem Einsatz für Gerechtigkeit, für Menschenwürde und eben dem Einsatz gegen das totalitäre Regime. Alexander Groß fühlte aber auf der anderen Seite auch eine tiefe Ambivalenz gegenüber diesen kirchlichen Verfahren. Er hat im Nachhinein gesagt, im Seligsprechungsverfahren hätte die Kirche auch das aufgreifen müssen, was der damalige Bischof von Berlin, Kardinal Sterzinsky, gesagt hat: Wir müssten die Haltung gerade der Bischofs- und der Bistumsleitung gegenüber dem totalitären Regime im Rahmen dieses Seligsprechungsprozesses noch einmal ganz kritisch aufarbeiten.

DOMRADIO.DE: Nikolaus Groß war ein überzeugter Christ. Aus dieser Spiritualität hat er seinen Widerstand gegen Hitler begründet. Als er im Gefängnis saß und merkte, es kommt von seiner katholischen Kirche gar nicht so die Unterstützung, die man sich wünschen würde, hat er Briefe geschrieben und enttäuscht reagiert.

Roentgen: Ich denke, er hat weniger enttäuscht reagiert. Das hat er schon tief mit seinem Gewissen und Glauben ausgemacht. Er hat Ängste gehabt. Er hat bei der Urteilsverkündung durch Freisler auch geweint. Natürlich hat er auch eine tiefe Anfechtung gehabt, was jetzt mit seinen Kindern und seiner Frau geschieht. Aber sein Kern ist ein ganz tiefes Gottvertrauen, ein Zutrauen auf den Kern des Evangeliums hin. Und im Grunde auch die Erkenntnis, dass man da in seiner Haltung oft auch alleine ist.

Ich finde es sehr bewegend, auch spirituell, dass es dann in der Gestapo-Haft so etwas gegeben hat wie eine ganz zukunftsweisende Ökumene des Gottesdienstes und des Gebets. Alfred Delp hat geschrieben: Wir sitzen hier in der Haft zu viert, zwei Evangelische, zwei Katholische: Er selbst, Nikolaus Groß, Eugen Gerstenmaier und Graf Moltke, die beide evangelisch waren. Eugen Gerstenmaier hat es überlebt und war später Bundestagspräsident. Sie haben miteinander Gottesdienst gefeiert und gebetet. Im Grunde haben sie da schon eine Haltung eingenommen, – man muss sich vorstellen, das war 1944/45 – die weit vorausgreift in Richtung Zweites Vatikanischen Konzil und die im Grunde auch wegweisend sein müsste für den Kern einer Ökumene. Das war eine Überzeugung, die sich auch noch einmal verwirkt gegen jede Form von menschenverachtenden politischen Systemen.

DOMRADIO.DE: Sie haben mir schon gesagt, wie wichtig seine Familie war. Was ist denn mit der Familie nach der Hinrichtung von Nikolas Groß passiert?

Roentgen: Das ist wirklich ein harter Weg. Sie haben das angenommen. Auch die letzten Briefe von Groß weisen darauf hin: Nehmt das an. Er hatte ein tiefes Vertrauen, dass Gott Wege finden für die Familie finden wird. Das hieß aber für die Kinder und für die Frau ein hartes Leben im und nach dem Krieg. Man muss sich vorstellen: Elisabeth Groß bekam nach dem Tod ihres Mannes lange Zeit keine echte Unterstützung. Sie musste Putzarbeiten übernehmen. Ab und zu gab es Prälaten von der KAB und andere, die ihnen etwas zukommen ließen. Aber im Grunde war das ein ganz hartes Leben nach dem Krieg.

Die Witwe des Scharfrichters Freisler bekam zum Beispiel eine fette Pension. Freisler ist kurz nach der Urteilsverkündung von einer Bombe in Berlin getötet worden, dieser zynische, despotische Scharfrichter des Dritten Reiches. Im Gegensatz dazu musste die Familie Groß ohne ihren Vater gucken, dass sie durchkamen. Auch das hat sie geprägt, aber sie hat vor allen Dingen auch geprägt, dass Vater und Mutter ihnen gesagt haben: Nehmt eine Haltung ein, ihr könnt euch behaupten und lasst euch nicht unterkriegen. Es wird euch nicht zu viel zugemutet, aber realisiert, wenn ihr Christen sein wollt, gehen bestimmte gesellschaftliche und politische Zustände nicht. Ihr könnt diese nicht einfach mitmachen, sondern da muss man innerlich und auch in allen möglichen Formen des Äußerlichen dagegenhalten und Stand halten. "Sich hinstellen" war so ein wichtiges Wort. Sich hinstellen und hinstehen für den Kern der Menschenwürde, die aus dem Evangelium kommt.

Das Interview führte Heike Sicconi.


Bild des Widerstandskämpfers Nikolaus Groß bei dessen Seligsprechung / © Romano Siciliani/Agenzia Romano Siciliani (KNA)
Bild des Widerstandskämpfers Nikolaus Groß bei dessen Seligsprechung / © Romano Siciliani/Agenzia Romano Siciliani ( KNA )
Quelle:
DR
Mehr zum Thema