Friedlicher Studentenprotest in Bogota
Friedlicher Studentenprotest in Bogota

28.11.2019

Kirche steht an der Seite der Demonstranten in Kolumbien "Fordert eure Rechte ein, aber ohne Gewalt"

Seit dem Generalstreik am 21. November halten die Proteste in mehreren Städten und Regionen in Kolumbien an. Dabei sind bislang vier Menschen ums Leben gekommen. Die Kirche zeigt sich solidarisch, mahnt aber zu Gewaltlosigkeit.

DOMRADIO.DE: Nach Chile und Bolivien erlebt jetzt auch Kolumbien nicht abreißen wollende Proteste. Nach dem Tod des 18-jährigen Schülers Dilan Cruz kondolierte Präsident Duque umgehend per Twitter. Zeigt das, wie sehr er jetzt unter Druck steht?

Monika Lauer Perez (Kolumbien-Referentin beim katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat): Ganz ohne Zweifel steht Präsident Duque unter sehr großem Druck. Ich glaube, er hat auch von dem sehr unglücklichen Umgang seines Amtskollegen in Chile im Umgang mit den Protesten gelernt und möchte diese Fehler nicht wiederholen. Er hat sich ja auch sehr schnell zu Dialogen bereit erklärt. Ich denke, er hat das sehr wohl beobachtet und versucht, ähnliche Fehler zu vermeiden.

DOMRADIO.DE: Die Menschen fordern unter anderem, dass der Friedensvertrag mit den Farc-Rebellen endlich umgesetzt wird, der vor ziemlich genau drei Jahren in Kraft trat. Ist deshalb Präsident Duque zur Zielscheibe der Proteste geworden?

Lauer Perez: Ja, das ist einer der Gründe, zusätzlich zu anderen wie zum Beispiel der Protest gegen eine geplante Arbeitsmarkt- und Rentenreform, die nicht enden wollende Gewalt gegen soziale Aktivistinnen, die Umweltzerstörung und -verschmutzung. Die Agenda ist relativ groß, aber ein wichtiger Punkt ist die fehlende Umsetzung des Friedensvertrages. Dazu kommt noch, dass die Farc, die Guerilla, so gut wie alle ihre Zusagen erfüllt hat, während die Regierung nur sehr wenig umsetzen konnte.

DOMRADIO.DE: Diese Proteste könnten zu einer neuen sozialen Bewegung werden, sagen manche Beobachter. Wie schätzen Sie das ein?

Lauer Perez: Es sieht im Moment so aus. Es ist für Kolumbien etwas Neues, das so viele verschiedene Bevölkerungsgruppen sozusagen einträchtig diesen Generalstreik und diese Märsche mittragen. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Studenten, Gewerkschaften, indigenen Gruppen und Kleinbauern. Es ist wirklich ein großer Anteil der Bevölkerung, der sonst eigentlich nicht viel miteinander zu tun hat, die jetzt hier gemeinsam für mehr Frieden in Kolumbien - auch sozialen Frieden -, auf die Straße gehen. Ich glaube, man kann das als etwas sehr Positives sehen.

DOMRADIO.DE: Was wären denn die drängendsten Maßnahmen, um den Zorn der Menschen auf der Straße zu besänftigen?

Lauer Perez: Das Schlimme ist, dass Präsident Duque seine Glaubwürdigkeit verloren hat. Denn es gab ja auch schon vorher Protestbewegungen oder Aktionen, um Forderungen durchzusetzen. Immer hat Präsident Duque etwas versprochen, was er dann hinterher nicht halten konnte. Seine Glaubwürdigkeit kann Duque nur wiederherstellen, wenn er nicht nur zu redet, sondern versucht, langsam Dinge umzusetzen, wie das Friedensabkommen, die Landreform, eine Agrarreform ist zumindest anzugehen. Zudem gilt es, dafür zu sorgen, dass der Zugang zu Bildung für alle garantiert ist, dass die Gesundheitsversorgung besser wird, dass das Thema Renten geregelt ist, dass der informelle Arbeitsmarkt nicht dazu beiträgt, dass Menschen ausgenutzt werden.

Es gibt ein Paket an Dingen, die angegangen werden müssen. Hauptsache, würde ich sagen, ist, dass Präsident Duque irgendwo anfängt.

DOMRADIO.DE: Die katholische Kirche hat eine maßgebliche Rolle beim Aushandeln des Friedensvertrages von 2016 gespielt, drängt auf seine Umsetzung. Wie verhält sie sich jetzt zu den aktuellen Protesten?

Lauer Perez: Die katholische Kirche betont immer wieder, dass die Bürger das Recht haben, sich zu äußern, ihren Unmut über gewissen Dingen kundzutun, die die Regierung tut oder nicht tut. Aber sie mahnt eindrücklich davor, das Ganze gewalttätig ausarten zu lassen. Die Kirche sagt immer wieder: Ja, fordert eure Rechte ein. Wir stehen an eurer Seite. Aber bitte ohne Gewalt. Das ist in Kurzform die Forderung der katholischen Kirche. Aber sie steht schon an der Seite derer, die im Moment für ihre Rechte kämpfen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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