Gedenkveranstaltung an der Bernauer Straße
Gedenkveranstaltung an der Bernauer Straße
Erzbischof Koch
Erzbischof Koch
Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg
Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg
Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr
Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr
Bischof Wolfgang Ipolt
Bischof von Görlitz, Wolfgang Ipolt

09.11.2019

Kirchen gedenken des Mauerfalls vor 30 Jahren "Es war wie ein Wunder"

Nicht nur die Spitzen der Bundesrepublik erinnern bei zentralen Gedenkfeiern in Berlin an den Fall der Mauer vor 30 Jahren. Auch Vertreter der Kirchen würdigen die friedliche Revolution als ein "Werk vieler, denen Dank und Anerkennung gebührt".

Die noch vorhandenen Probleme zwischen Ost und West trüben Rainer Maria Kardinal Woelkis große Freude über die Wiedervereinigung nicht. Gegenüber DOMRADIO.DE sagte der Kölner Erzbischof: "Es sind Bilder der unbeschreiblichen Freude. Eine jahrelange, schmerzliche Trennung wurde völlig friedlich überwunden." 

"Es war wie ein Wunder", sagte Woelki. Aus einem Todesstreifen sei "an vielen Stellen ein grünes, lebendiges Band des Lebens" geworden. Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall wünsche er Deutschland Zuversicht und Freude am Glauben, die ein Leben lang Kraft und Halt gebe.

Erzbischof Koch: "So manche Mauer in den Köpfen"

Nach Auffassung des Berliner katholischen Erzbischofs Heiner Koch erwächst aus dem Mauerfall eine bleibende Aufgabe für die Deutschen. "Vor 30 Jahren hat die Welt auf uns geschaut, voller Staunen und Anerkennung, dass eine Revolution ohne Waffengebrauch und Blutvergießen möglich war", sagte Koch am Samstag im rbb-Radio.

"Wir sollten dies als Auftrag verstehen, gegenüber allen, die Mauern bauen, zu verstehen zu geben, dass eine Welt ohne Mauern nicht nur möglich ist, sondern dass es auch eine menschlichere Welt ist", erklärte der Erzbischof und betonte: "Dabei geht es mir nicht nur um Mauern aus Stein und Stacheldraht, sondern auch um so manche Mauer in den Köpfen."

Bischof Feige: Auch nach Mauerfall für Menschlichkeit eintreten

Nach den Worten des Magdeburger Bischofs Gerhard Feige bleibt eine Verantwortung für die Gegenwart. "Inzwischen ist die errungene Freiheit für viele grauer als der Traum von ihr", sagte Feige am Samstag in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Er sprach im ökumenischen Gottesdienst zu einer gemeinsamen Festveranstaltung der Länder Sachsen-Anhalt und Niedersachsen aus Anlass des Jahrestages der Grenzöffnung.

"Unerwartete Herausforderungen sind dazugekommen", erklärte der Bischof. "Überall in Europa nehmen Ressentiments und Abgrenzungen wieder zu, werden nationale Eigeninteressen wichtiger als der Sinn für Solidarität, kommt es zu Polarisierungen und Übergriffen, gerät die Menschenwürde immer mehr in Gefahr." Feige bat um Gottes Beistand für Politik und Kirchen, "wirksam und geistvoll für Gerechtigkeit und ein menschenfreundliches Miteinander einzutreten".

Auch beim Gelingen der friedlichen Revolution in der DDR habe "Gott selbst ein Zeichen gesetzt und unser Tun mit seiner Hilfe begleitet", so Feige. "Hier ist weder Berechenbares noch rein Zufälliges geschehen. Hier war nicht nur das Maß voll und die Zeit reif. Hier sind auch nicht allein Menschen am Werk gewesen", betonte der Bischof. Zugleich rief er dazu auf, "die Erinnerung an die vielen wachzuhalten, die mit dazu beigetragen haben, dass ein Unrechtssystem gewaltlos zu Fall kam, die Einheit unseres Landes wiederhergestellt werden konnte und Europa danach versöhnter denn je in Erscheinung trat".

Ökumenischer Gottesdienst im Ratzeburger Dom 

Nordkirchen-Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt und Hamburgs Erzbischof Stefan Heße würdigten bei einer Feier in Ratzeburg den Mut der Ostdeutschen, sich gegen Unterdrückung und Unrecht in der früheren DDR zu stellen. Sie riefen dazu auf, sich auch heute für eine freie und friedliche Gesellschaft zu engagieren. Auch das Kolpingwerk erklärte, man dürfe nicht nachlassen im Einsatz für Frieden, Freiheit, Demokratie und Einheit.

"Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall bin ich immer noch ergriffen und begeistert von dem Mut der damaligen DDR-Bürger, mit dem sie einen ganzen Staat zu Fall gebracht haben", sagte Heße. Natürlich habe die Teilung auch Narben hinterlassen, aber genau da beginne die heutige Aufgabe. "Wir müssen uns auch nach 30 Jahren jeden Tag um Heilung und damit um die Einheit bemühen", so der Erzbischof, dessen Bistum Hamburg, Schleswig-Holstein und den ostdeutschen Landesteil Mecklenburg umfasst.

Bischof Neymeyr: Auch negativen Folgen für viele DDR-Bürger

Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr würdigt die friedliche Revolution als ein "Werk vieler, denen Dank und Anerkennung gebührt und auf die alle Deutschen zu Recht stolz sein können und stolz sein sollten". Zu verdanken sei der Mauerfall "auch oppositionellen Gruppen und den vielen Menschen, die überall in der DDR mutig und gewaltlos für eine Veränderung der Verhältnisse demonstriert hatten, weil sie nicht weiterleben wollten mit der Mauer, der Überwachung durch die Staatssicherheit, der ökologischen Katastrophe und der desaströsen Wirtschaft", sagte Neymeyr am Samstag in Treffurt-Großburschla. Er sprach in einem ökumenischen Gottesdienst zu einer Gedenkveranstaltung der Länder Hessen und Thüringen.

Der Bischof hob auch die negativen Folgen für viele DDR-Bürger hervor. "Was verharmlosend als gebrochene Erwerbsbiografie bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit eine brutale Lebenserfahrung für viele Menschen gewesen, an deren Folgen sie noch immer zu tragen haben: Einarbeiten in einen neuen, oft schlecht bezahlten Beruf, langjährige Arbeitslosigkeit und als deren Folge heute eine geringe Rente oder zerrissene Familien." Er äußerte "die Hoffnung, dass nicht neue Grenzen gezogen werden, sondern dass sich Grenzen öffnen, die Hoffnung, dass die Fehler, die bei der Wiedervereinigung gemacht wurden, aufgearbeitet werden können, und die Hoffnung, dass innere Einheit unseres Landes weiter vorankommt".

Bischof Ipolt: Geschenk der neuen Freiheit

Der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt war im Herbst 1989 Subregens im Erfurter Priesterseminar. Er habe bereits in seinen jungen Priesterjahren gerade Jugendlichen gegenüber immer wieder betont: "Wir müssen an die Einheit Deutschlands glauben, es kann nicht sein, dass ein Staat, der seine Leute einsperrt und dazu für alle eine Weltanschauung verordnet, für immer bleibt." Das sagte er in einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur.

Er selbst habe das Geschenk der neuen Freiheit wirklich dankbar genossen und zeigt sich immer noch erstaunt darüber, "dass die vollen Kirchen während der friedlichen Revolution bei manchem die Hoffnung geweckt haben, dass Menschen wieder zu uns finden."

Der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge erinnerte an die Rolle der Kirche bei der friedlichen Revolution. "Wir sind voller Dankbarkeit, dass die Demonstrationen damals friedlich geblieben sind. Ein Geschenk Gottes, ja. Aber für diesen Frieden wurde nachhaltig gelernt, gearbeitet und gebetet", so Dröge.

Auch die Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Beate Hofmann, sagte, die weitere Einigung Deutschlands sei "eine große Aufgabe, die wir nicht extremen politischen Bewegungen und Wirrköpfen überlassen dürfen". Sie betonte: "Die Bitte um die Kraft der Besonnenheit ist mir ein besonderes Anliegen in einer Zeit von Geschrei, Empörung und menschenverachtenden Auffassungen über Politik und Engagement."

Kolpingwerk ruft zum Einsatz für Freiheit und Einheit auf

Das Kolpingwerk mahnt an diesem Samstag zum Engagement für Frieden, Freiheit, Demokratie und Einheit. Dies dürfe "auch in Zukunft niemals als selbstverständlich und für immer gegeben angesehen werden", erklärte der Bundeshauptausschuss des katholischen Sozialverbandes am Samstag in Freiburg. Er tagt noch bis Sonntag in der Stadt im Breisgau.

Sich für die erstrittenen Werte in Staat und Gesellschaft einzusetzen, bleibe ein ständiger Auftrag, so das Gremium weiter. In Ostdeutschland hätten Kolpingsfamilien während des Nationalsozialismus und der DDR-Zeit "gravierende Einschränkungen in ihrer Arbeit und in ihrem Aktionsradius" erfahren. Insofern beobachte das Kolpingwerk mit Sorge, "dass es wieder Bemühungen gibt, Mauern zwischen Menschen, Religionen und Ländern aufzubauen".

Kapelle der Versöhnung am ehemaligen Mauerstreifen an der Bernauer Straße​

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den Beitrag der osteuropäischen Länder für den Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren gewürdigt. "Ohne den Mut und den Freiheitswillen der Polen und Ungarn, der Tschechen und Slowaken wären die friedlichen Revolutionen in Osteuropa und die deutsche Einheit nicht möglich gewesen", sagte Steinmeier laut einem am Samstag vorab verbreiteten Redemanuskript.

"Dieser Ort und dieser Tag erinnern an eine große historische Leistung", so der Bundespräsident. "Sie erinnern uns auch daran, dass wir heute in Europa zu unserem Glück vereint sind". Nach den Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnt der 9. November dazu, "Hass, Rassismus und Antisemitismus entschieden entgegenzutreten". Der Tag sei in Schicksalstag für die Deutschen und vereine mit den Novemberpogromen von 1938 und dem Fall der Mauer 1989 die "fürchterlichsten und glücklichsten Momente in der deutschen Geschichte", sagte Merkel am Samstag in der Kapelle der Versöhnung am ehemaligen Mauerstreifen an der Bernauer Straße in Berlin. Die dortige Andacht gehörte zur zentralen Gedenkfeier zum 30. Jahrestag des Mauerfalls.

Merkel erinnerte an die evangelische Versöhnungskirche, die 1985 auf Veranlassung der DDR-Regierung gesprengt worden war und an deren Stelle die Kapelle der Versöhnung nach dem Fall der Mauer gebaut wurde. Die Kirche habe in der DDR im Todesstreifen gestanden, "unerreichbar für Ost und West". Sie habe dem freien Schussfeld im Wege gestanden. In der Sprengung habe sich die Unversöhnlichkeit des Systems gestanden, so Merkel.

(KNA, epd, dpa)

Tageskalender

Radioprogramm

  • Tageskalender
  • 16.12.
Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast: