11.11.1989, Berlin: Jubelnd laufen drei junge Ost-Berliner durch einen Berliner Grenzübergang
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Pfarrer Gregor Giele: Propst der Trinitatiskirche und Dekan von Leipzig
Pfarrer Gregor Giele: Propst der Trinitatiskirche und Dekan von Leipzig
9. Oktober 1989: "Wenn etwas passieren würde, dann in Leipzig"
9. Oktober 1989: "Wenn etwas passieren würde, dann in Leipzig"

06.11.2019

Die Katholische Kirche und der Mauerfall 1989 "Grenzöffnung war das Sahnehäubchen, das der liebe Gott uns obendrauf gegeben hat"

30 Jahre Mauerfall: Der Leipziger Pfarrer Gregor Giele erinnert an den "heißen" Oktober 1989, als das DDR-System bereits zusammenbrach, bevor es zur Grenzöffnung kam. Unterstützte die katholische Kirche auch die Oppositionsbewegung?

DOMRADIO.DE: Stimmt der Eindruck, dass die katholische Kirche beim Protestieren damals nicht an vorderster Front stand?

Pfarrer Gregor Giele (Pfarrer der Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig): Als gesamte Kirche stimmt das auf alle Fälle. In Einzelfällen stimmt es nicht. Es sind zwei Grundkonzepte, die verfolgt worden sind. Die katholische Kirche als Weltkirche hat gesagt, wir ziehen uns auch im Interesse unserer Gemeindemitglieder eher in den geschützten Raum zurück, und ging überhaupt nicht in den Kontakt mit dem Staat. Die DDR wurde auch nie kirchlicherseits anerkannt.

Die evangelische Kirche, die eher landeskirchlich organisiert ist, musste ganz anderes ringen und die Frage klären, wie man in diesem Land evangelischer Christ sein kann. Und daraus ist dann die starke Opposition entstanden.

DOMRADIO.DE: Sie waren nicht bei den jungen Pionieren, nicht bei der FDJ. Sie sind nicht zur Jugendweihe gegangen und haben später auch den Dienst an der Waffe verweigert. Woher kam diese tiefe Überzeugung, sich der SED nicht unterzuordnen?

Giele: Zuallererst kam diese aus dem Elternhaus - meine Mutter ist Kölnerin. Aber ich bin auch von einer sehr aktiven Gemeinde und einem charismatischen Jesuitenpriester geprägt worden, der die Gemeinde geleitet hat.

Und ich bin auch mehr oder weniger in die Fußstapfen meiner vier größeren Geschwister getreten, die alle diesen Weg so gegangen sind, zumindest was die Schulzeit betrifft. Da hatte man es am Ende auch relativ leicht. Als Fünfter wurde man kaum noch gefragt. Und je länger die DDR existierte, wurde auch die ideologische Kraft immer geringer. Man merkte, dass das eine leere Hülle ist.

DOMRADIO.DE: Das war für Sie also eine logische Konsequenz, dass Sie diesen Weg so eingeschlagen haben?

Giele: Ja, das war in dem Umfeld, in dem ich groß geworden bin, der naheliegende Weg.

DOMRADIO.DE: Westdeutsche wollen immer wissen, wie Ostdeutsche den 9. November damals erlebt haben. Sie sagen aber, der Oktober 1989 ist viel wichtiger. Warum?

Giele: Weil in der Zeit das System implodiert und mit den großen Demonstrationen in Plauen und Dresden quasi gestürzt worden ist, als damals die Züge aus der Prager Botschaft durch Dresden gefahren sind. Die großen Demonstrationen in Leipzig, der 9. Oktober, da kippte es. Dann gab es den Rücktritt von Honecker, dann die kurze Phase von Krenz. Da überschlugen sich fast täglich die Ereignisse. Die Grenzöffnung war sozusagen das Sahnehäubchen, das uns der liebe Gott obendrauf gegeben hat.

DOMRADIO.DE: Sie haben während Ihrer Zeit im Priesterseminar in Erfurt beim Mittagsgebet immer für die Wiedervereinigung Deutschlands gebetet. Hätten Sie das, was wir heute haben, tatsächlich für möglich gehalten?

Giele: Es waren drei Fürbitten: Schenke der Welt Frieden, der Kirche die Einheit und unserem Land die Freiheit. Eine von diesen Bitten ist erfüllt worden. Darüber sind wir sehr glücklich. Aber es ist - protestantisch gesprochen - reine Gnade.

DOMRADIO.DE: Und heute sind Sie nun Pfarrer der Propsteikriche Sankt Trinitatis mitten in Leipzig, dort, wo in diesem berühmten Herbst 1989 die Menschen aus den Kirchen strömten und demonstrierten. 2015 haben sie eine neue Kirche bekommen. Entgegen eines allgemeinen Trends wächst die katholische Gemeinde in Leipzig. Die Gottesdienste sind gut besucht, obwohl Katholiken in Ostdeutschland eine Minderheit sind. Wie geht das? Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Giele: Es ist auf der einen Seite durch den Kirchenneubau erkennbar. Das Wachstum kommt auch daher, dass die Stadt Leipzig wächst und der Zuzug nach Leipzig mehrheitlich christlich ist. Wir sind allerdings auch eine junge Gemeinde mit 38 Jahren Durchschnittsalter. Das ist der eine Effekt. Wobei ich den Altersdurchschnitt verschlechtere, das ist bitter

Wir erleben aber auch durch unser Bemühen, sehr intensiv Gottesdienste zu gestalten, sehr lebensdienlich den Glauben zu verkünden, sehr vielfältig den Glauben zu praktizieren, dass das eine hohe Attraktivität ausgelöst wird. Das sind sozusagen die positiven Effekte.

Die Schattenseite: Dadurch, dass Glaube außerhalb der pfarrllichen Strukturen und kirchlichen Einrichtungen praktisch nirgendwo vorkommt, ist jeder praktizierende Christ eigentlich quasi gezwungen, sich in der Gemeinde zu beteiligen, weil ihm Glaube sonst an keiner Stelle begegnet. Das ist in den traditionell christlichen Gebieten in Deutschland ja deutlich anders, wo Glaube auch Alltagsbegegnung ermöglicht.

DOMRADIO.DE: Am kommenden Samstag ist der 9. November - 30 Jahre nach dem Mauerfall. Wie werden Sie diesen Tag begehen?

Giele: Passend zu der Öffnung der Grenzen fahre ich mit einer Gemeindegruppe nach Israel.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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