Mauerfall am 9. November 1989
Mauerfall am 9. November 1989

04.11.2019

Thierse erinnert an Mauerfall und friedliche Revolution Kirchen als Orte der Freiheit in einem unfreien Land

Ohne die Kirchen wäre die friedlliche Revolution in der DDR nicht möglich gewesen, sagt der engagierte Katholik und langjährige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse im Interview. Denn in ihren Räumen trafen sich Oppositionsgruppen.

DOMRADIO.DE: Am 9. November 1989 stammelte Günter Schabowski gegen 19 Uhr die legendären Worte, nach denen das neue DDR Reisegesetz sofort in Kraft trat. Wie haben Sie damals davon erfahren?

Wolfgang Thierse (langjähriger Bundestagspräsident, SPD, ZdK-Mitglied): Über den SFB, den West-Berliner Rundfunk- und Fernsehsender. Da haben wir einen Bericht darüber gesehen und meine Frau und ich haben uns angeguckt. Wir haben uns gefragt: "Was sagt der da?" Wir haben das nicht verstanden und haben beschlossen, das zu tun, was wir immer getan haben: Wir haben diesem SED-Funktionär nicht geglaubt, obwohl wir es schon richtig verstanden haben.

Es ging nicht um die Maueröffnung, sondern es ging um eine großzügigere Reiseregelung als bisher. Aber dann haben genügend Ostberliner es absichtsvoll mißverstanden und sind an die Grenzübergänge gegangen, vor allem zu denen in der Bornholmer Straße im Prenzlauer Berg, wo ich auch wohne. Als dann später Bilder von der Grenze kamen und man sah, wie die Mauer von Osten eingedrückt wurde, weil die Ost-Berliner drückten und riefen: "Lasst uns rüber, wir kommen wieder." Da haben wir gesagt: "Donnerwetter, da passiert ja was!"

Aber wir sind trotzdem nicht gleich losgelaufen, weil wir dachten, wenn das stimmt, dass die Mauer durchbrochen ist, dann wollen wir dieses glückliche Ereignis mit unseren Kindern zusammen erleben. Die waren aber noch ziemlich klein und lagen im Bett und schliefen. Also sind wir erst später nach West-Berlin gegangen. Es war ein wunderbares Erlebnis. So schön kann die Stadt nie wieder sein wie damals. Man wurde von wildfremden Menschen umarmt, mit Wein und Sekt begrüßt. Es war fantastisch.

DOMRADIO.DE: Sie sind in Breslau geboren, aber in Weimar in einer katholischen Familie aufgewachsen. Wie war das damals zu DDR-Zeiten für Sie?

Thierse: Bezogen auf die friedliche Revolution muss man sich daran erinnern, dass die Kirchen ein Ort der Freiheit in einem unfreien Land waren. Wo konnten sich die Oppositionsbewegung, die kritischen Gruppen, die sich zusammengetan hatten, versammeln? Natürlich nur in den Räumen der Kirchen. Die runden Tische wurden dann von evangelischen und katholischen Pfarrern moderiert, weil die Kirche die einzige Institution war, die nicht im Geruch der Kollaboration stand, der Zusammenarbeit mit dem SED-Regime.

Dass die Revolution friedlich war, ist schon ganz wesentlich eine Leistung der Christen und der Kirchen. Wie oft haben wir uns in diesem Herbst 1989 in Kirchen versammelt. Nach erregten, heftigen Debatten haben wir miteinander gesungen, dona nobis pacem - immer leiser. So sind wir dann auch friedlich aus den Kirchen gegangen. Das war in Leipzig so. Das war in vielen anderen Städten so. In Berlin auch. Das ist das eigentliche Wunder. Dass es eine friedliche Revolution war, hat auch damit zu tun. Aber natürlich auch mit Gorbatschow, der keinen Befehl gab, dass die Rote Armee auf die Demonstranten schießt.

DOMRADIO.DE: Welche Folgen hatte es damals in der DDR, sich zum Christentum zu bekennen? Waren Sie dadurch benachteiligt?

Thierse: Ich habe keine Karriere gemacht. Ich wollte auch keine machen, weil ich ja weder in die SED noch in die Blockpartei CDU eintreten wollte. Ich habe versucht, als Christ meinen Maßstäben von Anstand und Intelligenz zu folgen und so zu leben. Dafür musste man einen Preis zahlen. Das ist kein Märtyrertum. Ich will mich nicht als Opfer stilisieren, sondern nur das Selbstverständliche hervorheben. Als Christ hatte man keine Chance, eine Karriere zu machen. Ich durfte auch nicht dienstlich verreisen. Alle meine Kollegen, die ja fast immer SED-Genossinnen oder Genossen waren, durften natürlich in den Westen reisen. Ich habe hier eingesperrt gesessen.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, das Regime war an keinem Punkt so erfolgreich wie in der radikalen Entkirchlichung. Wie hat das Regime das angestellt?

Thierse: Von früh an war die atheistische Erziehung ein Teil des Erziehungsprogramms. Die DDR war ja alles Mögliche. Sie war eine SED-Diktatur, eine Mangelwirtschaft, aber sie war eben auch eine Art Erziehungsdiktatur. Die Jugendweihe wurde eingeführt. Es war ganz stark vom Bekenntnis zum Atheismus geprägt, der sogenannten wissenschaftlichen Weltanschauung. Die Schulen waren dadurch geprägt.

Das hat natürlich über die Jahrzehnte beträchtliche Wirkung entfaltet. Neben den, ich sage es mal so, normalen Säkularisierungsprozessen, die es ja nicht nur in der DDR gab, sondern ringsum in der Welt, jedenfalls in Europa.

Das Interview führte Julia Reck.

 

(DR)

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