Konrad-Adenauer-Denkmal auf dem Bundeskanzlerplatz in Bonn
Konrad-Adenauer-Denkmal auf dem Bundeskanzlerplatz in Bonn
Bonner Münster
Bonner Münster

03.11.2019

Vor 70 Jahren wurde Bonn Regierungssitz Hauptstadtbeschluss Nummer eins

Bestsellerautor John le Carre verewigte Bonn in seinem Roman "Eine kleine Stadt in Deutschland", Literat Wolfgang Koeppen fühlte sich an ein "Treibhaus" erinnert. Vor 70 Jahren wurde das "Bundesdorf" Sitz der Regierung.

Von einem "Polit-Krimi" sprechen manche heute noch. Ein Krimi, in dem ein schlitzohriger Bundeskanzler und ein Strippenzieher namens "Bonnifacius" eine nicht unwesentliche Rolle spielten. Am 3. November 1949, vor 70 Jahren, fiel eine ebenso geschichtsträchtige wie umstrittene Entscheidung. Mit 200 zu 179 Stimmen entschied sich der Bundestag gegen den Vorschlag, Frankfurt am Main zum vorläufigen Sitz der Bundesorgane zu machen. Das Parlament verblieb damit in Bonn.

Vorausgegangen war ein monatelanges Tauziehen. Die Risse gingen quer durch die Parteien. "Bonn ist ein sehr unsicheres und riskantes Geschäft", warnte beispielsweise der SPD-Bundestagsabgeordnete Georg-August Zinn. Sein Parteifreund Ernst Reuter, Regierender Bürgermeister von Berlin, dagegen unkte: "Wenn Frankfurt Hauptstadt wird, wird es Berlin nie wieder."

Frankfurt hatte bessere Karten

Eigentlich hatte Frankfurt mit der Paulskirche als Sitz des ersten frei gewählten gesamtdeutschen Parlaments die besseren Karten. Abschätzige Bemerkungen machten die Runde, vom "rheinischen Klerikalismus", der sich für Bonn einsetze. Aber bald schon schien sich das Blatt zu wenden. Der "Münchner Merkur" wusste bereits am 21. Februar seinen Lesern zu berichten, dass die Stadt Bonn, ohne eine Entscheidung abzuwarten, "in Tag- und Nachtschichten mit dem Bau des Plenarsaales für die Abgeordneten des künftigen Volkstages" begonnen habe.

Nur einer hielt sich auffällig zurück: der am 15. September zum ersten Bundeskanzler gewählte Konrad Adenauer (CDU). Der ehemalige Kölner Oberbürgermeister hatte seine Zelte inzwischen in Rhöndorf aufgeschlagen, auf der anderen Seite des Rheins, sozusagen schräg gegenüber von Bonn. Erst unmittelbar vor der Abstimmung sprach sich der Kanzler unter anderem "aus schwerwiegenden finanziellen Gründen" eindeutig zugunsten von Bonn aus. "Die 'Frankfurter' tobten", schilderte der Journalist Bertram Otto die Stimmung in jenen tollen Tagen. Mit seiner Intervention goss Adenauer zusätzlich Öl ins Feuer - und verwahrte sich bis zuletzt rheinisch-charmant dagegen, aus Eigennutz heraus gehandelt zu haben.

Regierungssitz am Rhein

Noch Jahre später stellte er klar: "Ich bitte Sie, halten Sie mich doch nicht für so kindlich, dass ich, weil ich in Rhöndorf wohne, darauf gedrungen hätte, dass Bonn Bundessitz würde." Zuvor hatte er allerdings mit einem Augenzwinkern bemerkt: "Das Amt, das man mir aufgeknallt hat, ist derart unbequem, dass etwas Bequemlichkeit mehr oder weniger nichts von der Summe verschlägt."

Es gab aber auch ernstere Vorwürfe. Die Entscheidung zugunsten von Bonn sei "erkauft" worden - mit angeblich zwei Millionen D-Mark. Der "Spiegel" machte die Vorwürfe publik, ein Untersuchungsausschuss wurde eingerichtet, der allerdings im Sande verlief. Stattdessen sangen die Bonn-Befürworter das Hohelied des Bonn-Machers "Bonnifacius". Unermüdlich warb Hermann Wandersleb, zunächst als Chef der Landeskanzlei des neu gegründeten Nordrhein-Westfalen, für den Regierungssitz am Rhein. Sein bevorzugtes Quartier: das heute noch bestehende Traditionslokal "Schaumburger Hof".

Schwindel, Apathie oder Reizbarkeit

So schön die romantische Kulisse war, so sehr machten Klima und Verkehr den Zugereisten in Westdeutschlands kleiner Kapitale zu schaffen. "Entweder es regnet, oder die Schranken sind zu." Wetterbedingte Symptome wie Schwindel, Apathie oder Reizbarkeit quälten viele Neubonner und machte aus ihnen eine Art "Bruderschaft der Deprimierten", wie der Bonner "Hofchronist" Walter Henkels notierte. Wolfgang Koeppens "Treibhaus" lässt schön grüßen!

Glanz in die Hütte brachten die ersten Staatsbesuche. Erster Gast der "Bonner Republik" war kein Geringerer als Äthiopiens Kaiser Haile Selassie I. Der "Löwe von Juda" reiste im November 1954 mit großem Tross an den Rhein. Im Kölner Dom hinterließ der christliche Monarch einen "kostbaren äthiopischen Teppich, der als Weihegabe zunächst vor dem Hochaltar ausgebreitet wurde". Ein Stück weniger im angeblich 5.000 Kilo schweren Gepäck des Kaisers und seines Gefolges.

Vorbei mit der Herrlichkeit

Zur Drehscheibe der Diplomatie avancierte Bad Godesberg, heute Stadtbezirk von Bonn. Der Villenort zog die Vertreter aus aller Herren Länder geradezu magisch an. Schlussendlich hatten laut Autor Wilfried Rometsch von 157 Staaten 104 ihre Kanzleien und größtenteils auch ihre Residenzen im Süden Bonns. Angefangen vom Heiligen Stuhl, der 1952 den "Alten Turmhof" im Ortsteil Plittersdorf bezog, über die schwer gesicherte israelische Botschaft einige Straßen weiter bis hin zu dem imposanten, Mitte der 80er-Jahre fertiggestellten Neubau der chinesischen Vertretung.

Unter manchen Bonnern machte sich Dünkel breit: "Für einen Minister sind wir nicht aufgestanden, das war Laufkundschaft", hieß angeblich die Devise beim Personal eines stadtbekannten Hotelbetreibers. Nach der friedlichen Wende und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1989/90 war es dann allerdings bald vorbei mit der Herrlichkeit. Wieder gab es eine Abstimmung im Bundestag, wieder blieb es spannend bis zuletzt.

"Ja zu Bonn"

Während Lokalpatrioten ihre blau-weißen "Ja zu Bonn"-Aufkleber mit rotem Haken wochenlang auf ihren Autos spazieren fuhren, entschied der Bundestag nach einer fast zwölf Stunden währenden "leidenschaftlichen Debatte" und mit 338 zu 320 Stimmen am Abend des 20. Juni 1991 für den Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin. Hauptstadtbeschluss 2 gewissermaßen.

Ein Zünglein an der Waage war damals Wolfgang Schäuble (CDU), heute Bundestagspräsident. "Die alte Bundesrepublik Deutschland mit ihrer provisorischen Hauptstadt Bonn" habe stets "für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat" gestanden, befand Schäuble in seiner Rede. Aber: "Das Symbol für Einheit und Freiheit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit für das ganze Deutschland war wie keine andere Stadt immer Berlin."

Joachim Heinz
(KNA)

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