Flüchtlinge in einem Schlauchboot im Mittelmeer (Archivbild)
Flüchtlinge in einem Schlauchboot im Mittelmeer (Archivbild)

04.07.2019

Evangelische Kirche soll aktiv in die Seenotrettung im Mittelmeer einsteigen "Das Schiff wird kommen"

Über 31.000 Menschen haben die Petition unterschrieben: Ein eigenes Schiff der Kirche müsse her, um Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten. Der Initiator, EU-Abgeordneter und Kirchentagspräsidiumsmitglied Sven Giegold, über die Hoffnungen in dieses Projekt.

DOMRADIO.DE: Inzwischen haben über 31.000 Menschen die Petition für ein eigenes Schiff der evangelischen Kirche unterschrieben.Warum haben Sie diese Petition ins Leben gerufen? Tun die Kirchen nicht schon genug?

Sven Giegold (EU-Abgeordneter für die Grünen und Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages): Schon heute fördern die evangelischen Landeskirchen und die EKD in verschiedener Form die Seenotrettung finanziell. Aber das genügt jetzt nicht mehr. Offensichtlich gehört es ja für viele Länder dort im Mittelmeerraum derzeit zum guten Ton, die Schiffe der Nicht-Regierungs-Organisationen lahm zu legen. Jeden Tag ertrinken Menschen auch deshalb, weil die Schiffe festliegen und die staatliche Seenotrettung sich zurückgezogen hat.

DOMRADIO.DE: Glauben Sie denn, bei "Kirchenschiffen" wäre das anders?

Giegold: In Ländern, in denen nach wie vor gerade die katholische Kirche - aber auch die Kirchen ingsesamt - eine wichtige Rolle spielen, dürfte es den Regierungen sehr schwerfallen, ein kirchliches Schiff genauso schlecht zu behandeln, wie wir das jetzt mit der Sea Watch III erlebt haben. Ich denke da an Italien, an Griechenland, an Malta. Es wäre eine Hürde, sich eben nicht nur mit kleinen Nicht-Regierungs-Organisationen sondern mit vielen Millionen Christinnen und Christen anzulegen, die dieses Elend nicht mehr ertragen wollen.

Es stimmt aber auch, dass man Länder nicht alleine lassen darf. Wir brauchen eine verbindliche Übernahmeerklärung für die Geretteten aus den Ländern Europas, die sich anständig verhalten wollen. Und dazu sollte auch Deutschland gehören.

DOMRADIO.DE: Es gibt Kritiker, die sagen, die Kirchen sollten sich aus der Politik heraushalten.

Giegold: Ich weiß gar nicht, wie man Glaube und Politik trennen soll. Ich bin Politiker. Aber wie soll ich denn den Glauben aus meinem Handeln und Denken und Fühlen verbannen? Das wäre ja wider meine eigene Natur. Ich wüsste gar nicht, wie dieses Trennungsgebot funktionieren sollte. Die Zwei-Reiche-Lehre war eine der theologischen Verirrungen der Reformation.

Ich glaube nicht, dass man den Glauben aus irgendeinem Bereich des eigenen Lebens verbannen kann. Damit würde man ihn ja zur Zweitklassigkeit degradieren. Im übrigen komme ich nicht von außen, sondern ich bin auch Mitglied des Präsidiums des Evangelischen Kirchentages - wie auch Andere aus anderen politischen Parteien. Und natürlich hat unsere Kirche keine Parteifarbe – das soll auch so bleiben.

DOMRADIO.DE: Trotzdem: Sollte nicht  erst einmal die Politik eine Lösung für die Fluchtursachen und die Migrationsprobleme finden?

Giegold: Das versucht die Politik seit Jahren erfolglos. Und deshalb ist eine Kirche, die sich einmischt, so wichtig. Das tun die beiden großen Kirchen ja auch. Gerade die katholische und evangelische Kirche in Deutschland haben immer wieder deutliche Worte gefunden zu dem Elend im Mittelmeer.

Manchmal genügen die Worte aber eben nicht mehr. Dann muss man auch selbst helfend eingreifen! So, wie Christinnen und Christen das in Deutschland an ganz vielen Orten praktisch tun und damit auch einen Appell an die Politik richten, ihr Verhalten zu ändern, so kann uns auch im Mittelmeer dieses Elend nicht länger egal sein.

DOMRADIO.DE: Die Resolution ist unterzeichnet. Viele machen mit. Wie geht es denn jetzt weiter?

Giegold: Es gibt sehr positive Signale. Die Kirchen-Konferenz - das ist so etwas wie der Bundesrat der evangelischen Kirche - hat sich positiv dazu geäußert. Viele haben dort das Wort ergriffen. Wir hatten auch schon auf dem Kirchentag sehr positive Zusagen der Kirchenleitenden der Evangelischen Kirche im Rheinland und in Westfalen. Derzeit wird an der Umsetzung dieser Idee im Rahmen der evangelischen Kirche gearbeitet. Das bedeutet: Das Schiff wird kommen!

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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