Soll Kirche auch politisch sein?
Soll Kirche auch politisch sein?
Wolfgang Thierse
Wolfgang Thierse: Ostdeutscher, Sozialdemokrat und Katholik

22.05.2019

Wolfgang Thierse möchte sich einmischende Christen Wie politisch darf denn Kirche sein?

Kirche möge sich bitte aus der Politik raushalten. Solche Forderungen gibt es immer wieder. Aber "ganz im Gegenteil" sagt dagegen einer, der Kirche und Politik quasi in persona vereint: der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.

DOMRADIO.DE: Es gibt gerade den ganz aktuellen Anlass in Österreich, bei dem man sieht wie der Rechtspopulist und ehemalige Außenminister Strache von der FPÖ versucht hat, die Demokratie zu unterwandern. Glauben Sie, dass das den Menschen in Europa die Augen öffnet und den Rechtspopulisten Stimmen kosten wird?

Wolfgang Thierse (Ehemaliger Bundestagspräsident und Mitglied des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken): Ich bin nicht sicher: Es wäre schon schön, wenn all diejenigen, die bereit sind, rechtspopulistisch oder rechtsextremistisch zu wählen, genauer hinschauen, welches Personal sie da wählen. Strache ist ja kein Einzelfall. Man muss auch in die anderen Länder gucken, dann wird man sehen, dass all die vollmundigen Versprechungen, es ganz anders zu machen als die etablierten Parteien, schlicht verlogen sind.

DOMRADIO.DE: Was man aber immer wieder sieht, ist ja, dass sich gerade die Rechtspopulisten bürgerlich christlicher Werte bedienen und für eine Politik der Ausgrenzung und Abschottung werben. Wie kann man dem entgegenwirken?

Thierse: Zunächst einmal muss man dann als Christ sehr entschieden feststellen, dass Ausgrenzung, Ablehnung von Fremden und antidemokratische Einstellungen sich nicht auf die Bibel und nicht auf christliche Überzeugung berufen können. Denn der Kern des christlichen Glaubens ist Nächstenliebe. Der Kern des christlichen Glaubens ist die Überzeugung von der gleichen Würde jedes Menschen, egal welcher Rasse, welcher Nation, welchen Geschlechts, welcher Überzeugung er angehört. Denn das ist doch unser tiefster Kern unseres Glaubens: Wir alle sind gleichermaßen Kinder Gottes.

DOMRADIO.DE: Und deshalb sagen Sie ja, Christen sollen sich für die Demokratie und für Europa einsetzen und entgegensteuern. Wie denn?

Thierse: Zunächst einmal haben doch Christen gelernt, dass auch für sie gilt, dass die Demokratie die politische Lebensform der Freiheit ist. Das ist eine Freiheit, zu der übrigens auch Religions- und Glaubensfreiheit gehört. Das ist ein Teil von Demokratie. Und das zu begreifen, dass die Demokratie eine politische Lebensform in einer pluralistischen Gesellschaft ist, das heißt doch auch dazu "ja" zu sagen, dass Menschen verschieden sind, dass sie unterschiedliche Begabungen, unterschiedliche Überzeugungen, unterschiedliche Herkünfte haben, unterschiedliche nationale und kulturelle Prägung haben.

DOMRADIO.DE: Und "ja" können die Christen auch bei der Europawahl sagen. Viele Mahner sehen die Demokratie in Europa gefährdet. Sehen Sie das auch so dramatisch?

Thierse: Selbst wenn man es weniger dramatisch sieht und nüchtern hinschaut, dann sieht man doch, dass es neonationalistische, rechtspopulistische, ja rechtsextremistische Parteien in vielen Ländern Europas gibt und dass sie stärker werden. Man sieht, dass die Unzufriedenheit von Menschen, ihre Unsicherheit, ihre Ängste, für die man Verständnis haben muss, dazu führt daran zu glauben, dass rechtspopulistische, nationalistische Parteien die Erlösung bringen könnten. Und Christen wissen, es gibt keine Politik, die Erlösung bringt.

Wir müssen Politiker wählen, die Schritt für Schritt die drängenden Probleme lösen und die nicht das Versprechen abgeben - gewissermaßen wie Alexander der Große - den Gordischen Knoten durchzuschlagen. Die Unterscheidung von Religion und Politik, die Unterscheidung zwischen dem Hoffen auf Erlösung einerseits und der nüchternen schrittweisen Lösung von Problemen, ist für Christen besonders wichtig. Wenn Politik sich als Religionsersatz aufspielt und behauptet, die Sehnsüchte von Menschen plötzlich von heute auf morgen befriedigen zu können, dann wird es lebensgefährlich. Das wissen wir aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

DOMRADIO.DE: Aber es ist natürlich so, dass Kirchen im Moment ganz besonders dafür werben, dass Bürger wählen gehen. Und dann gibt es auch wieder die Stimmen, die sagen, bevor die Kirche den Zeigefinger hebt und für Demokratie wirbt, sollte sie erst mal wieder vor der eigenen Kirchentür kehren. Da gehe es auch nicht gerade demokratisch zu…

Thierse: Dass die katholische Kirche und die Kirchen überhaupt selbstkritisch mit sich umgehen müssen, ist doch eine Selbstverständlichkeit. Allerdings wird nicht verlangt, dass in einer demokratischen Gesellschaft alle ihre Teile gleichermaßen demokratisch sind. Das Theater ist nicht demokratisch, die Wissenschaft ist nicht demokratisch, die Wirtschaft ist nicht demokratisch. Alle aber sind Teil dieser demokratischen Gesellschaft.

Dass es Unterschiede in der inneren Demokratisierung gibt, haben wir zu konstatieren, das stört nicht bei demokratischer Politik. Inwieweit all diese gesellschaftlichen Bereiche innerlich demokratisch werden, ist Sache der Diskussion in diesen Bereichen und damit auch Sache der Kirchen.

Aber auch im Bereich der Künste, der Kultur, wo es auch relativ wenig demokratisch zugeht, muss man immer wieder neu diskutieren nach dem Motto "Wie geht das? Wie geht breite Mitbestimmung? Könnten wir da Fortschritte organisieren? Führt das zu positiven Ergebnissen?" Das ist übrigens nicht nur eine Aufgabe in den Kirchen, sondern auch in anderen Bereichen, etwa in der Wirtschaft. Auch dort muss man immer wieder neu über demokratische Mitbestimmung sprechen.

DOMRADIO.DE: Also mischen sich Kirchen, gerade jetzt vor der Europawahl, zu Recht ein?

Thierse: Sie mischen sich ja nicht nur jetzt ein. Es gehört mit zu den Aufgaben von Christen und also auch von Kirchen, die demokratische Gesellschaft mitzugestalten. Denn das Christentum ist keine privatistische Religion. Es gibt nicht bloß einen geglaubten Glauben, sondern er ist nur als gelebter Glaube ein wirklicher Glaube. Und das heißt auch: Gelebter Glaube ist einer, der das menschliche Leben gestaltet.

Und da ist Politik eine wichtige Dimension des menschlichen Zusammenlebens. Insofern sind Christen immer aufgefordert, sich an der Gestaltung dieses gemeinsamen Lebens zu beteiligen.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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