Blick auf das Gelände der Colonia Dignidad (heute "Villa Baviera") in Chile
Blick auf das Gelände der Colonia Dignidad (heute "Villa Baviera") in Chile
Eingangsbereich der 'Colonia Dignidad' in Parral, Linares, Chile
Eingangsbereich der 'Colonia Dignidad' in Parral, Linares, Chile

18.05.2019

Opfer der Colonia Dignidad erhalten bis zu 10.000 Euro "Horrorkolonie mit pädophilem Sadisten"

Neun Jahre nach dem Tod des Haupttäters sollen die Opfer der Colonia Dignidad eine Entschädigung erhalten. Zudem soll dort ein Gedenkort entstehen. Wie es mit der strafrechtlichen Aufarbeitung weitergeht, ist ungewiss.

Von einer "Horrorkolonie mit einem pädophilen Sadisten an der Spitze" sprach der Unionsabgeordnete Michael Brand (CDU), von der "erschütterndsten Reise, die ich je unternommen habe" der SPD-Abgeordnete Matthias Bartke (SPD) und von "einem tiefen Abgrund menschlichen Leids" der Linken-Abgeordnete Friedrich Straetmanns.

Zusammen mit weiteren Bundestagsabgeordneten hatten die drei Parlamentarier vor drei Jahren die frühere Siedlung Colonia Dignidad besucht und dort mit Menschen gesprochen, die von deren Gründer Paul Schäfer (1921-2010) und weiteren Tätern jahrzehntelang gequält, missbraucht und erniedrigt worden waren. Die meisten von ihnen seien noch heute tief traumatisiert und lebten jenseits des Existenzminimums, berichteten die Abgeordneten.

Bis zu 10.000 Euro für die Opfer

Neun Jahre nach dem Tod des Gründers stellte eine aus Parlamentariern und Vertretern der Bundesregierung gebildete Kommission nun in Berlin ein Hilfskonzept für die Opfer vor. Rund 240 Betroffene können danach bis zu 10.000 Euro erhalten. Zudem wird zusätzlich ein Fonds "Pflege und Alter" aufgelegt, der die Opfer unterstützt soll, die keine Leistungen aus dem deutschen Sozialversicherungssystem erhalten. Rund 200 ehemalige Colonia-Bewohner leben nach wie vor in Chile.

Der gebürtige Bonner Schäfer hatte die Siedlung Anfang der 60er Jahre gegründet. Auf der Anlage rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago versprach der aus einem freikirchlichen Umfeld stammende Laienprediger seinen Anhängern ein "urchristliches Leben im Gelobten Land". Tatsächlich führte Schäfer ein diktatorisches Regime und schottete die Sektenmitglieder von der Außenwelt ab. Zu den Verbrechen zählten unter anderem Freiheitsberaubung, Zwangsarbeit und Sklaverei, Kindesmissbrauch, Körperverletzung, Folter und Verabreichung von Psychopharmaka ohne medizinische Indikation.

Ein Anstoß für die Aufarbeitung der Verbrechen war ein Kinofilm aus dem Jahr 2015, der die Zustände in der Kolonie thematisierte. Im Jahr darauf räumte der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier schwere Versäumnisse ein. Während Kinder über Jahrzehnte in der Siedlung unter Leitung des gebürtigen Bonners Schäfer gequält worden seien, hätten die Diplomaten vor Ort "bestenfalls weggeschaut".

Mit dem Hilfskonzept wollen Bundesregierung und Bundestag den Opfern nun Unterstützung anbieten - wenngleich die meisten Betroffenen sicher mehr Hilfe erwartet hätten, wie die Grünen-Abgeordnete Renate Künast meint. Es sei der Kommission aber darum gegangen, dass noch in diesem Jahr mit den Zahlungen an die Betroffenen begonnen werden könne.

"Moralische Schuld"

Der Vertreter der Bundesregierung - der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Niels Annen (SPD) - sprach von "einer moralischen Schuld", die die Bundesregierung auf sich geladen habe. Sie trage aber "keine direkte Verantwortung", so Annen.

Schärfer formulierten es Künast und ihr CDU-Kollege Brand. Deutschland habe Schuld auf sich geladen und zumindest die Strukturen der Colonia Dignidad unterstützt, so Künast. Brand sprach von einem "Versagen und einem Skandal". Zugleich zollte er den Opfern großen Respekt, die sich in der Colonia Dignidad nicht hätten brechen lassen und für ihre Anerkennung gekämpft hätten.

Das Hilfesystem sei ein erster Schritt, so betont die Kommission. Die Auszahlungen sollen dabei möglichst niedrigschwellig und unbürokratisch erfolgen, versichern sie. Weiteres ist geplant: So soll an dem Ort eine Gedenkstätte und ein Dokumentationszentrum entstehen. Es dürfe nicht sein, dass dort weiterhin bayerische Volksfeste gefeiert werden, so Künast. An der heute dort angesiedelten "Villa Baviera" gibt es immer wieder solche Feiern.

Zudem, so Künast weiter, sei inzwischen ein "Oral History Projekt" gestartet worden, das die historische Aufarbeitung vorantreibe.

Unklar ist, wie es mit einer strafrechtlichen Aufarbeitung weitergeht. Unlängst stellte die Staatsanwaltschaft Krefeld das Strafverfahren gegen den Ex-Arzt der Colonia Dignidad ein. Der Linken-Abgeordnete Straetmanns sagte, er fürchte, dass es "da auch am notwendigen Willen hapert". Aber, so fügte er hinzu, ein Verfahren, das eingestellt worden sei, könne auch wieder aufgenommen werden.

Birgit Wilke
(KNA)

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