Klaus Mertes beim ND-Jubiläumskongress
Klaus Mertes beim ND-Jubiläumskongress

23.04.2019

Vortrag von Klaus Mertes beim Jubiläumskongress zu 100 Jahre ND "Bildung ist das beste Mittel gegen geistlichen Missbrauch"

Einer, der in frühester Jugend mit dem "Bund Neudeutschland" in Kontakt kam, ist der Jesuit Klaus Mertes. "Mir wurde damals ein antiautoritäres Gen eingepflanzt", sagt er und definiert den ND heute als Lebensgemeinschaft.

Klaus Mertes verdankt dem ND viel. Daran ließ der Jesuit mit seinem Vortrag anlässlich der Eröffnung des ND-Jubiläumskongresses, der noch bis Samstag in Köln tagt, keinen Zweifel. Sehr nachhaltig habe ihn diese "Lebensgemeinschaft“" wie er seine Mitgliedschaft im ND ab dem elften Lebensjahr rückblickend bezeichnet, geprägt. In Berührung mit dem katholischen Verband ist er 1966 über Mitschüler im Bad Godesberger Aloisiuskolleg gekommen. Und schnell sei in ihm der Entschluss gereift, selbst einmal Gruppenleiter in diesem Jugendverband werden zu wollen, berichtete der Theologe im Foyer des Erzbischöflichen Berufskollegs vor mehreren hundert Kongressteilnehmern. In späteren Jahrzehnten habe er an allen Orten "Bundesgeschwister" angetroffen und sich stets einer Gemeinschaft zugehörig gefühlt, die sich gegenseitig unterstützt. Und so sei die hier erlebte generationsübergreifende Verbundenheit, die die Familie nicht ersetze, aber über Familie hinaus in eine größere Geschwisterlichkeit führe, grundlegend für sein Kirchenverständnis geworden, erklärte Mertes.

Dem antiautoritären Prinzip, aus der Schülerschaft heraus den damaligen "Bund Neudeutschland" verwalten und die Gestaltung dieses Verbandes selbst in die Hand nehmen zu wollen, habe die zentralistische Struktur mit ihrem Autoritätsverständnis in der Kirche gegenübergestanden. So sei das Modell der Lichtgestalt an der Spitze mit dem Mann in Weiß im 19. Jahrhundert zum Konstruktionsprinzip der katholischen Kirche geworden, von dem sich auch ein NDer nicht so schnell frei mache, selbst wenn grundsätzlich die Sehnsucht nach Lichtgestalten zur conditio humana gehöre, räumte Mertes im Verlauf seiner Ausführungen ein.

Herausforderungen im Zeltlager

Er selbst verdanke dem ND eine Skepsis gegenüber autoritärem Denken in der Kirche. "Ich könnte auch sagen: ein nicht-klerikales Verständnis von Kirche", fügte er hinzu. Das hänge mit dem Verbandscharakter des ND und seinen partizipativen Strukturen zusammen. "Wir durften als Jugendliche echte Verantwortung übernehmen. Besonders die Zeltlager waren herausfordernde Zeiten – Leben in der Natur mit ordnenden Riten, Liedern und Abendgebeten am Lagerfeuer, Durchleiden von Regentagen, Geländespiele, selbst gestaltete Liturgien im Freien."

An anderer Stelle erzählte Mertes: "Im ND trugen wir mühsam unsere ersten Autoritätskonflikte aus, ermöglicht dadurch, dass wir selbst Verantwortung übertragen bekamen." Bis heute sei dies ein wichtiges Thema, konstatierte der Theologe, der seit 2011 Rektor des Kollegs St. Blasien im Schwarzwald ist, um dann kritisch zu fragen: "Wo gibt es denn Orte, an denen Jugendliche selbst Verantwortung übernehmen können und dürfen – also nicht bloß als Objekte der Betreuung in den Blick genommen werden oder noch schlimmer: als Objekte der Lebensplanung von Erwachsenen, Lehrern oder Bildungsplanern, die ihre Zukunftsprognosen extrapolieren, um die Jugend von heute passgenau auf diese einzustellen? Wo sind solche Orte, an denen nicht nur Verantwortung für Jugendliche übernommen wird, sondern ihnen auch Verantwortung übergeben wird, mehr als Schule es von ihrer inneren Logik her kann?"

Chancen für eine neue Gestalt der Kirche

Man könne nicht in einem Verband groß werden, in dem man zu Mitverantwortung aufgefordert werde, pädagogische Verantwortung für Jüngere übernehme, Leiterschulungen besuche und veranstalte, einmal in der Woche ein Gruppenstunde leite, in Gremien sitze, Personaldebatten führe, sich durchsetze oder verliere und Niederlagen dann auch akzeptiere – und dann in eine monarchisch verfasste Kirche entlassen werden. "Man kann auch nicht das alles Mädchen und Jungen gleichberechtigt miteinander an Verantwortung tragen lassen und ihnen dann eine Kirche attraktiv machen wollen, in der Verantwortung männerbündisch organisiert ist", argumentierte Mertes. Vielmehr lägen in solchen Erkenntnissen Chancen für eine neue Gestalt von Kirche – sowohl auf der Ebene der Gemeinden als auch in den Bistümern und auf gesamtkirchlicher Ebene. "Das sind nicht nur die Träume der Alten, sondern sie ergeben sich aus der gelebten Wirklichkeit von Jugendlichen", betonte der Referent.

Schließlich sprach Mertes, der 2010 die ersten Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich gemacht und damit die bis heute anhaltende Missbrauchsdebatte ausgelöst hatte, über sein Verständnis von Bildung, das gleichermaßen einem Verband wie dem ND zugrunde liege. Jugend erkämpfe sich schulfreie Orte. Und für Bildung – richtig verstanden – brauche es solche Orte, an denen man sich freiwillig aufhalte und die dem schulisch-pädagogischen Zugriff entzogen seien – ebenso wie den Biographie-Planungen der Eltern und den Erwartungen von gesellschaftlichen Institutionen, einschließlich der Kirchen, die sich Jugendlichen verständlicherweise auch mit eigenen, durchaus legitimen Zukunftsinteressen näherten.

Bildung als erstes Mittel gegen geistlichen Missbrauch

Und das unter dem Motto: "Die Jugend ist unsere Zukunft!" Im ND habe er erfahren, dass es Bildungserlebnisse gibt, die im System Schule nicht möglich seien. Denn bei Bildung gehe es nicht um Aneignung von Wissen, sondern um dessen "Anverwandlung", so der Pädagoge. "Ich verstehe unter Bildung die Fähigkeit, selbst zu denken – im Dreischritt von Sehen-Urteilen-Handeln die Urteilskompetenz zu stärken; also die Fähigkeit, Impulse aller Art nicht unmittelbar in Handlungen übergehen zu lassen, sondern eine Reflexionseinheit dazwischen zu schieben, die es mir möglich macht, über den Impuls souverän zu verfügen, statt mich bloß von ihm treiben zu lassen."

Schließlich, so erklärte Mertes, sei Bildung das beste und erste Mittel gegen geistlichen Missbrauch. Ein Christentum ohne Bildung führe in die Isolation, in die liturgische Sonderwelt, in kulturelle Defensive, in Abhängigkeiten. Der Katholizismus laufe heute Gefahr, intellektuell nicht mehr mit den Diskursen der Moderne mithalten zu können oder zu wollen. Kardinal Felix Hartmann habe vor 100 Jahren mit einer "intensiveren Seelsorge für die Schüler höherer Lehranstalten der Kirche die Gebildeten erhalten" wollen. An die Stelle einer solchen Anstrengung – nämlich mit den Gründern des ND der Kirche die Gebildeten zu erhalten – trete heute vielfach eine Flucht in charismatisch begeisternde Events – von Taizé bis hin zu den Weltjugendtagen – oder eine Flucht in die Reaktion, in das autoritäre Denken, in die Denkverbote.

Zukunftsthema für den ND: Der Klimaschutz

Auch könne es eine Flucht in die Gelehrsamkeit sein – "ein bürgerliches Interesse an äußerlicher Wissensvermehrung, auch an religiösem Wissen, ohne die Herausforderung anzunehmen, die dieses Wissen für die existenziellen Vollzüge von Religion mit sich bringt". Alle diese Fluchtmöglichkeiten ließen sich auch kombinieren. Was ihnen aber fehle, sei echte Zeitgenossenschaft. Er aber, so der Ordensmann, wünsche sich den ND weiterhin als Zeitgenossen.

Einst habe der ND das Wandern mit der Politik verbinden wollen, sagte Mertes. Solche Ansätze seien auch heute wieder bei der Klimafrage vernehmbar, wenn sich weltweit Jugendliche für den Klimaschutz einsetzten. Dabei, so mutmaßte er, werde es auch eine katholische Beteiligung geben. "Da liegt auch Zukunftsmusik für den ND drin."

Beatrice Tomasetti
(DR)

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