Präsident Maduro in Caracas
Präsident Maduro in Caracas
Venezolanische Bischofskonferenz berichtet dem Papst über die Krise im Land
Papst Franziskus trifft Bischöfe aus Venezuela

09.01.2019

Venezuelas Präsident Maduro vor erneuter Vereidigung "Diese zweite Amtszeit ist problematisch"

An diesem Donnerstag will sich Nicolás Maduro erneut als Präsident Venezuelas vereidigen lassen, gegen den erklärten Willen des Parlaments. Auch die Kirche ist dagegen und kritisiert die weiter wachsende humanitäre Krise im Land.

DOMRADIO.DE: Venezuela gehört zwar zu den Ländern mit den größten Erdölvorkommen weltweit. Trotzdem haben Vetternwirtschaft und Missmanagement in den vergangen Jahren das Land in eine tiefe Krise gestürzt. Wie ist die aktuelle Situation derzeit? Wie ergeht es den Menschen in Ihrer Heimat?

Erzbischof José Luis Azuaje Ayala (Vorsitzender der Venezolanischen Bischofskonferenz): Die Krise betrifft mittlerweile alle Bereiche unseres Lebens: Auf politischer Ebene werden die Demokratie und ihre Institutionen zunehmend untergraben. Die Wirtschaft ist am Boden, die Inflation beträgt mehrere tausend Prozent, es fehlt vor allem an Lebensmitteln und Medikamenten. Über 80 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Und auch die Justiz steckt in der Krise, es herrscht Straflosigkeit, während die Kriminalität immer weiter ansteigt.

Deswegen sprechen wir als Vertreter der Kirche auch von einer humanitären Krise, die alle Bereiche der Gesellschaft und alle Regionen des Landes erfasst. Die Regierung weigert sich aber, diese humanitäre Krise endlich anzuerkennen und internationalen Hilfsorganisationen Zugang ins Land zu gewähren.

DOMRADIO.DE: Wie gelingt den Venezolanern unter diesen Umständen das tägliche Überleben?

Azuaje Ayala: Der Mindestlohn liegt beispielsweise bei 1800 Neuen Bolívares ("Bolívares Soberanos", Anm. der Redaktion: das entsprach zum Zeitpunkt des Interviews 5 Euro, bei der Einführung der Währung im Sommer 2018 waren das noch 30 Euro), ein Kilo Fleisch kostet 800 Bolívares, ein Karton Eier 1000 Bolívares. Mit dem Geld kommt man also nicht weit. Die Regierung an die Bevölkerung Lebensmittelrationen ab, die so genannten "CLAP". (Comités Locales de Abastecimiento y Producción) Aber was enthalten diese Rationen? – Ein bisschen Mehl, Zucker und Öl, aber keinerlei Proteine. Und sie reichen in der Regel auch nur für einige Tage aus. Es sind die Kirche, soziale Projekte und karitative Einrichtungen, die versuchen die Not zu lindern. Aber es reicht nie, die Menschen in Venezuela leiden Hunger.

DOMRADIO.DE: Die katholische Kirche hat in der Vergangenheit immer wieder versucht, in dem Konflikt zu vermitteln. Stehen Sie und die venezolanische Bischofskonferenz in Kontakt mit Präsident Nicolás Maduro?

Azuaje Ayala: Nein, die Regierung verschließt sich einem inneren Dialog. Sie spricht mit dem Vatikan und mit dem Nuntius, aber zu der venezolanischen Bischofskonferenz will sie keinen Kontakt, weil wir uns in der Vergangenheit oft kritisch geäußert haben. Und wir machen auch publik, was uns aus den Bistümern und Gemeinden angetragen wird: Dass derzeit beispielsweise rund 80 Prozent der Bevölkerung keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat. Oder dass die Menschen in der Diözese Maracaibo, aus der ich komme, manchmal bis zu 14 Stunden am Tag ohne Strom sind. Das legt das ganze öffentliche Leben lahm. Und das in einem Land, das über eines der größten Erdölvorkommen weltweit verfügt!

DOMRADIO.DE: Die venezolanischen Bischöfe haben im Sommer 2018 eine Erklärung veröffentlicht, in der sie Venezuelas Regierung für die Krise verantwortlich machen. Präsident Maduro hat daraufhin der Kirche deswegen vorgeworfen, "Hassreden" zu verbreiten. Wie gefährlich ist diese kritische Haltung?

Azuaje Ayala: Man muss wissen, dass Venezuelas Regierung ein "Gesetz gegen Hassverbrechen" geschaffen hat, das alle Demonstrationen und jegliche Kritik an der Regierung unter Strafe stellt. Das verstößt gegen die Verfassung und wir lehnen das auch ab. Aber natürlich stehen jetzt die Kirche, Bischöfe und Priester, die Kritik äußern, auch zunehmend im Fadenkreuz.  

Im Januar 2018 hatte die Regierung zum Beispiel die Staatsanwaltschaft und den Obersten Gerichtshof angewiesen, zu ermitteln, ob Erzbischof Antonio Lopez Castillo aus dem Bistum Barquisimeto und Bischof Victor Hugo Basabe von San Felipe gegen das Gesetz verstoßen haben. Sie hatten zuvor in Predigten die Krise in unserem Land angeprangert.

Aber wir lassen uns davon nicht einschüchtern. Wir sind keine politischen Aktivisten. Aber wir sind Diener des Volkes und deswegen sind wir auch verpflichtet, Wahrheiten auszusprechen. Und als venezolanische Bischofskonferenz sprechen wir mit einer Stimme.

DOMRADIO.DE: Mehr als zwei Millionen Venezolaner haben in den letzten Jahren ihr Land verlassen. Wie wirkt sich das auf die Kirche aus?

Azuaje Ayala: Tatsächlich gibt es viele Missionare aus dem Ausland, die jetzt von ihren Orden zurückgeholt werden, weil ihre Visa nicht erneuert werden. Es gibt auch einige venezolanische Priester und Ordensleute, die aus gesundheitlichen Gründen gehen, weil die Versorgung so schlecht ist und sie lebensnotwendige Medikamente brauchen, die es bei uns nicht mehr gibt.

Schlimm ist, dass viele junge Menschen das Land verlassen. Sie sind gut ausgebildet und fragen sich: Welche Chancen habe ich in meiner Heimat? Das schmerzt uns als venezolanische Kirche natürlich. Auch wir haben schon eine beträchtliche Zahl an Priestern und kirchlichen Mitarbeitern auf diese Weise verloren.

DOMRADIO.DE: Am 10. Januar 2019 tritt Maduro seine zweite Amtszeit an. Viele - auch internationale Kritiker - erkennen das Wahlergebnis vom Mai 2018 nicht an, weil zahlreiche Oppositionelle nicht zugelassen waren oder in Haft saßen. Wie positioniert sich die katholische Kirche?

Azuaje Ayala: Wir haben bereits in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass wir die Wahlen nicht für legitim halten. Wahlbeobachter haben über 3.000 Unregelmäßigkeiten festgestellt. Der Nationale Wahlrat war nicht unabhängig, es gab Stimmkäufe. Deswegen erkennen wir als Venezolanische Bischofskonferenz das Wahlergebnis vom Mai 2018 auch nicht an. Das waren Wahlen, die massiv beeinflusst wurden und nicht den Bedingungen der Verfassung für eine transparente Präsidentschaftswahl entsprachen. Wir halten diese zweite Amtszeit für sehr problematisch und wir blicken kritisch auf das Jahr.

DOMRADIO.DE: Wie blicken Sie in die Zukunft Venezuelas? Sehen Sie irgendeinen Ausweg aus der Krise?

Azuaje Ayala: Die Lösung kann nur der Dialog sein. Bürger, Regierung und Opposition müssen sich zusammensetzen. Die Opposition muss mit einer Stimme sprechen und Bedingungen aushandeln. Sie muss für die 80 Prozent der Bevölkerung sprechen, die einen Wandel wollen. Das Ziel muss sein, dass wir zu demokratischen Spielregeln zurückkehren und dass die humanitäre Krise so schnell wie möglich angegangen wird. Die Probleme der Menschen müssen gelöst werden: Der Hunger, die Unterversorgung, die Straflosigkeit, Bildung für die Kinder. Die Abwanderung muss gestoppt werden: Venezuela hat 40 Prozent seiner gut ausgebildeten jungen Menschen verloren, die ins Ausland gegangen sind. Das ist eine Katastrophe für die Zukunft unseres Landes.

Es müssen endlich alle wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren, einen Kompromiss erzielen und zu den demokratischen Werten zurückkehren!

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

(DR)

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