Johannes-Wilhelm Rörig
Johannes-Wilhelm Rörig

24.11.2018

Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs zur Aufarbeitung in der Kirche "Man muss noch aufs Tempo drücken"

Unternimmt die Katholische Kirche genug, um sexuellem Missbrauch vorzubeugen? Im Interview zieht Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, eine Zwischenbilanz.

DOMRADIO.DE: Die Fachtagung "Katholische Kirche auf dem Weg zur nachhaltigen Prävention sexualisierter Gewalt" ist eine Art Zwischenbilanz. Was ist Ihr erster Eindruck? Wo steht die katholische Kirche bei dieser schwierigen Aufgabe der Präventionsarbeit?

Johannes-Wilhelm Rörig (Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs): Die katholische Kirche stellt sich der Herausforderung einer guten Prävention und Intervention. Wir schauen heute ganz genau, was ist notwendig, um Kinder und Jugendliche im katholischen Leben und in der katholischen Kirche optimal zu schützen. Und mich beeindruckt sehr, dass alle Bereiche sehr genau analysiert und angeschaut werden. Es gibt keine Tabus.

Auch die besonderen Gefahren, denen Kinder beispielsweise durch Kleriker ausgesetzt sind, werden hier benannt. Und auch die ganz spezifischen Regeln und Forderungen der katholischen Kirche zur Sexualmoral stehen in der Diskussion, sodass man Sexualmoral und moderne Sexualpädagogik miteinander diskutiert, um abzuleiten, wie Kinder bestens geschützt werden können.

DOMRADIO.DE: Der Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, fordert, alle Diözesen sollten eine einheitliche Präventionsarbeit unternehmen und sich an den hohen Standards mancher Bistümer orientieren. Ist das der richtige Ansatz, und welche Standards meint er da?

Rörig: Ich finde wichtig, dass man sich auf einheitliche Standards der Prävention einigt. Aber wir müssen uns vor Augen führen, der Schutz der Kinder und Jugendlichen findet vor Ort statt, der findet in der Kinder- und Jugendarbeit statt, im Gemeindeleben, bei Jugendreisen. Und da müssen die jeweilig Aktiven schauen, dass die Regeln, die man sich gegeben hat, auch tatsächlich zur Anwendung kommen. Und man muss sich immer vor Augen führen, Schutz und Hilfe muss von den Erwachsenen gewollt sein. Dann kann Prävention auch gelingen.

DOMRADIO.DE: Noch mal ganz konkret: Was sind für Sie Schutzkonzepte, die jetzt überall flächendeckend angepackt werden müssen?

Rörig: Zu den Schutzkonzepten gehören verschiedene Bausteine. Da geht es darum, dass man einen Verhaltenskodex formuliert, der das Nähe-Distanz-Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern regelt. Da muss aufgeführt werden, was zulässig ist und was keinesfalls zulässig ist. Da kann auch geregelt werden, dass ein Kind natürlich getröstet werden muss, wenn es weint. Es muss aber so definiert werden, dass das nicht für sexuelle Handlungen ausgenutzt werden kann.

DOMRADIO.DE: Wie ist es mit dem Zeitplan? Ist die Kirche vom Zeitplan her auf einem guten Weg oder geht das alles etwas zu langsam?

Rörig: Wenn ich aus der Sicht der Kinder schaue, geht das natürlich alles sehr langsam. Aber die katholische Kirche hat sich sehr im Bereich der Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagiert. Da ist die katholische Kirche sogar Vorreiter im Vergleich zu allen anderen großen Institutionen in Deutschland. Aber man muss noch aufs Tempo drücken, denn wir wollen sexuelle Gewalt heute eindämmen.

DOMRADIO.DE: Am 18.11. gab es den ersten Gedenktag für die Opfer von sexueller Gewalt in der Kirche. Hat er seine Wirkung erreicht oder muss da noch mehr kommen?

Rörig: Über die Wirkung kann ich noch nichts sagen. Ich finde den Gedenktag sehr wichtig, weil hier mit den Mitgliedern der Kirchengemeinden darüber gesprochen wird, dass Prävention und Aufarbeitung von sexueller Gewalt sehr wichtig sind. Alle Katholiken müssen sich hinter Prävention und Aufarbeitung stellen und dafür dient natürlich ein solcher Gedenktag.

Das Interview führte Stephan Baur.

(DR)

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