Vor 100 Jahren, am 09.11.1918 ging der Erste Weltkrieg zu Ende, die Deutschen stürzten den Kaiser
Vor 100 Jahren, am 09.11.1918 ging der Erste Weltkrieg zu Ende, die Deutschen stürzten den Kaiser
Die Politiker (r-l) Philipp Scheidemann, Gustav Noske und Friedrich Ebert
Die Politiker (r-l) Philipp Scheidemann, Gustav Noske und Friedrich Ebert
Am 6. Februar 1919 tritt die Verfassungsgebende Deutsche Nationalversammlung in Weimar erstmalig zusammen, die Eröfffnungsrede hält der Volksbeauftragte Friedrich Ebert
Am 6. Februar 1919 tritt die Verfassungsgebende Deutsche Nationalversammlung in Weimar erstmalig zusammen, die Eröfffnungsrede hält der Volksbeauftragte Friedrich Ebert

09.11.2018

Vor 100 Jahren rief Philipp Scheidemann die Republik aus Weimar zeigt: Demokratie ist kein Selbstläufer

"Deutsche Republik" oder "freie sozialistische Republik Deutschland"? Zwei Optionen stehen nach dem Kaiserreich 1918 im Raum. Der Beginn ist verheißungsvoll, das Ende eine Katastrophe.

Sie sollte ein Durchbruch demokratischen Wirkens sein und gilt doch als Inbegriff des Scheiterns: Die Weimarer Republik steht als Synonym für demokratisches Versagen und tiefgreifende strukturelle Mängel des politischen Systems. Egal, ob zähe Koalitionsverhandlungen, drohende Neuwahlen, eine steigende Zahl von Parteien im Parlament oder Zuspruch für systemfeindliche Gruppierungen - wenn im deutschen Politikbetrieb etwas nicht funktioniert, schwebt Weimar schnell als Mahnung und Warnung über dem Geschehen.

Verheißungsvoller Start

Doch was in Instabilität und mit dem Zweiten Weltkrieg in Unrecht und Verbrechen endete, startete durchaus verheißungsvoll: Republik statt Monarchie, Volksherrschaft statt Kaisertum. Nach dem gescheiterten Versuch von 1848 sollte in Deutschland - endlich - die Stunde des Volkes schlagen.

Herbst 1918: In den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs überschlagen sich die Ereignisse. Das Deutsche Kaiserreich und Wilhelm II. stehen innen- und außenpolitisch unter Druck. Das Heer ist so gut wie besiegt, die militärische Lage aussichtslos. Sozialistische Kräfte und Anhänger der Monarchie kämpfen in den Wirren dieser Tage um Macht und Einfluss. Revolutionsregierungen, Arbeiter- und Soldatenrepubliken gründen sich. Das Land steht kurz vor einem Bürgerkrieg. Die Stunden des Kaiserreichs sind gezählt.

Scheidemann ruft Republik aus

In dieser Gemengelage tritt am 9. November 1918 um 14 Uhr der SPD-Politiker Philipp Scheidemann in Berlin vor die erregte Menschenmasse. "Unerhörtes ist geschehen. Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue, es lebe die Deutsche Republik." Mit diesen Worten ruft Scheidemann die Republik aus - der Erzählung nach ungeplant. Eigentlich habe der Politiker die erhitzten Gemüter besänftigen und für Ruhe und Ordnung sorgen wollen, heißt es offiziell.

Kurz zuvor hatte der Reichskanzler die Abdankung des Kaisers bekannt gegeben. Scheidemann nutzt den Augenblick und schafft Tatsachen. Zwei Stunden nach ihm proklamiert Karl Liebknecht vom marxistisch-sozialistischen Spartakusbund ebenfalls die Republik, allerdings als "freie sozialistische Republik Deutschland". Mitten im Chaos stehen eine Räterepublik und eine parlamentarische Republik im Raum.

Der Mann der Stunde ist allerdings Friedrich Ebert. Der SPD-Vorsitzende übernimmt die Reichskanzlerschaft und koordiniert die anstehende Übergangszeit, in der die verfassungsgebende deutsche Nationalversammlung die Grundlage für die neue Republik ausarbeitet. In Abgrenzung zu den Unruhen der Revolution nicht in Berlin, sondern in Weimar.

Demokratie kein Selbstläufer

Manch einer argumentiert, damals wie heute, die Wahl sei auch deshalb auf die Wirkungsstätte von Goethe und Schiller gefallen, um die neue Republik an das frühere Zentrum humanistischen Denkens anzudocken - und zentralistischen Bestrebungen entgegenzuwirken. "Jetzt muss der Geist von Weimar, der Geist der großen Philosophen und Dichter wieder unser Leben erfüllen", fordert Ebert anlässlich der Eröffnung der Nationalversammlung. 1919 wählt das Volk ihn zum ersten Reichspräsidenten der neuen Republik.

Ob Weimar als Glanzstunde der Demokratie gelten kann? Mehr als fraglich. Der von Ebert formulierte Wunsch "Das deutsche Volk ist frei, bleibt frei und regiert in alle Zukunft sich selbst" erfüllte sich nicht. Die Weimarer Republik besteht nur wenige Jahre, sie wird mit den ihr eigenen Mitteln ausgehebelt. Dem demokratischen Gedanken fehlte der Rückhalt im Volk.

Dennoch: Die Weimarer Demokratie verankerte erstmals in Deutschland Volkssouveränität, Gewaltenteilung und Grundrechte. Doch vor allem ruft sie noch heute ins Bewusstsein, dass Demokratie kein Selbstläufer ist und bestimmte Rechte nicht verhandelbar sind. Das Grundgesetz kennt daher die Ewigkeitsklausel - eine Bestandsgarantie für die Grundrechte, den Föderalismus und den demokratischen Charakter der Bundesrepublik. Auch weitere Maßnahmen wie die Fünf-Prozent-Hürde, ein sparsamer Einsatz direktdemokratischer Elemente und eine starke Position des Bundeskanzlers gingen 1949 als Lehren aus "Weimar" in das Grundgesetz der Bundesrepublik ein.

Anna Fries
(KNA)

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