Wolfgang Thierse: Ostdeutscher, Sozialdemokrat und Katholik
Wolfgang Thierse: Ostdeutscher, Sozialdemokrat und Katholik
Wolfgang Thierse beim Katholikentag 2016
Wolfgang Thierse beim Katholikentag 2016

22.10.2018

Früherer Bundestagspräsident Thierse wird 75 Jahre alt Happy Birthday, Wolfgang Thierse

Er sei eine "kuriose Mischung", sagt Wolfgang Thierse über sich. Im Interview spricht er über aktuelle Probleme der Politik und verrät, womit er seine Freizeit verbringt. Zu seinem Geburtstag an diesem Montag gar mit einer Podiumsdiskussion.

DOMRADIO.DE: Um die SPD steht es gerade nicht so gut. Fast drei Jahrzehnte waren Sie als Politiker mitten drin. Wie Blicken Sie auf die Hängepartie Ihrer Partei?

Wolfgang Thierse (Bundestagspräsident a.D): Es ist schon ein schlimmer Zustand, wenn man Wahlen verliert – noch dazu so drastisch. Wenn die Meinungsumfragen so schlecht sind, dann fühlt man sich nicht wohl dabei. Das ist doch klar. Es wird umso schlimmer, wenn man nicht genau sagen kann, wie man es besser machen soll und was die Ursachen sind. Bei der Wahl in Bayern, um die als Beispiel zu nehmen, sind die Wähler in verschiedene Richtungen davongelaufen. Zur CSU, zu den Freien Wählern, zu den Grünen, nur übrigens nicht nach links. Deswegen ist es nicht so einfach, Konsequenzen daraus zu ziehen.

DOMRADIO.DE: Sind Sie denn froh, dass Sie sich jetzt nicht mehr damit herumschlagen müssen?

Thierse: Wenn man zu einer Partei gehört, dann bleibt man mit ihr ja verbunden und leidet mit und überlegt mit, wie es besser werden kann. Das ist so wie wenn man Mitglied der katholischen Kirche ist: Da leidet man auch mit und überlegt, wie es besser werden kann.

DOMRADIO.DE: Woran liegt es denn: Was sollten die Volksparteien denn jetzt leisten, damit die rechten Parteien nicht noch mehr Zulauf gewinnen?

Thierse: Natürlich müssen sie zuerst falschen Streit einstellen. Was Seehofer in den letzten Wochen und Monaten gemacht hat, war nicht produktiv. So hat er die meisten Menschen und übrigens auch viele Mitglieder der CDU und CSU irritiert und verärgert.

Dann geht es natürlich darum, überzeugende Regierungsarbeit zu leisten. Und dann muss man sich als Politiker immer wieder dem Gespräch mit den Bürgern stellen, auch wenn es gelegentlich mühselig ist und wenn dabei viele Emotionen und Wut im Spiel sind. Man muss sich dem stellen.

DOMRADIO.DE: Nehmen wir mal ein Beispiel: SPD-Chefin Andrea Nahles hat, als es um die Beförderung von Verfassungsschutzchef Maaßen ging, irgendwann eingelenkt und vorgeschlagen, darüber neu zu verhandeln. Ist es nicht eher ein Zeichen für demokratische Stärke, wenn man heute einen Fehler zugibt?

Thierse: Das finde ich schon. Das war ein Vorschlag von Seehofer und Merkel. Nahles war in der schwierigen Situation als Dritte im Bunde nicht Ja zu sagen und - das war der Fehler - nicht zu sagen: "Ich muss mit meinen Leuten darüber reden, ich muss einen Moment darüber nachdenken." Sie hat stattdessen in einer solchen Situation gleich zugestimmt. Es war relativ schnell klar, dass das ein Fehler ist. Dass die SPD und Frau Nahles dafür mehr bestraft werden, als Seehofer und Frau Merkel, ist allerdings auch ein bisschen ärgerlich.

DOMRADIO.DE: Sie haben sich immer wieder stark gegen Rechtsextremismus eingesetzt. Wo engagieren Sie sich denn heute? Sind sie bei so etwas wie der #unteilbar-Demonstrationen am vergangenen Wochenende in Berlin dabei gewesen?

Thierse: Nein, da war ich mit meinen Enkeln unterwegs. Das war lange verabredet und das gehört sich auch, dass man Großvater ist und dann auch zur Verfügung steht. Ich werde 75 Jahre alt und da muss ich nicht mehr an jeder Kundgebung und Demonstration teilnehmen. Wenn ich da gewesen wäre, wäre ich hingegangen.  Sonst bin ich viel unterwegs – zu Vorträgen, zu Diskussionen – auch über Engagement und über Grundwerte, die unsere Demokratie und unsere pluralistische Gesellschaft zusammenhalten.

DOMRADIO.DE: Wie blicken Sie auf die Ereignisse kürzlich in Chemnitz und Köthen?

Thierse: Das hat mich sehr betroffen gemacht, obwohl es mich nicht überrascht hat. Denn Rechtsextremismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit hat es in der DDR gegeben. Das wurde immer unter den Tisch gekehrt. Erinnern Sie sich an Hoyerswerda und Rostock. Das war 1991 und '92. Das ist alles nicht neu.

Trotzdem erschrickt es einen. Ich kann nur appellieren, dass all die Bürger, die ihre Enttäuschung und ihre Wut ausdrücken wollen, wissen mit wem sie sich gemein machen, wenn sie mit der AfD, mit Rechtsextremisten, mit Rassisten auf die Straße gehen. Das ist die Verantwortung der Bürger, die kann ihnen keiner abnehmen.

DOMRADIO.DE: Jetzt sind Sie ja seit fünf Jahren raus aus dem Bundestag. Was machen Sie denn jetzt mit Ihrer Zeit?

Thierse: Ich habe ja noch sehr viel zu tun. Ich langweile mich nicht und bin so beschäftigt. Das hält gesund. Ich bin viel unterwegs, bin Mitherausgeber von Zeitschriften, engagiere mich in der Kirche - auch in der ökumenischen Arbeit, bin kulturpolitisch aktiv und habe eine ganze Menge Ehrenämter.

DOMRADIO.DE: Wie feiern Sie denn den 75. Geburtstag?

Thierse: Abends macht mir die Katholische Akademie in Berlin die Freude einer Soirée mit dem Thema das ich selbst gewählt habe: Streit um Heimat. Da werden wir eine Podiumsdiskussion veranstalten, wo ich mitmische. Und anschließend werden wir mit vielen Freunden, Bekannten, Kollegen und Verwandten auf meinen Geburtstag anstoßen.

Das Interview führte Katharina Geiger.

(DR)

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