Ungarns Ministerpräsident, Viktor Orbán, hält eine Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg
Ungarns Ministerpräsident, Viktor Orbán, hält eine Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg
Flüchtlinge an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien
Flüchtlinge an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien

12.09.2018

Religionswissenschaftler zum EU-Verfahren gegen Ungarn "Orbán ist nicht gegen Flüchtlinge, sondern für Autonomie"

Die Fronten scheinen verhärtet: Jetzt bringt das EU-Parlament ein Strafverfahren gegen Ungarn auf den Weg. Warum sich Ungarn trotzdem vehement weigert, Flüchtlinge aufzunehmen, erklärt Religionswissenschaftler András Máté-Tóth.

DOMRADIO.DE: Warum vertritt Orbán die Position, keine Flüchtlinge aufnehmen zu wollen?

Prof. András Máté-Tóth (Religionswissenschaftler und Professor an der Universität Szeged): Um diese sehr harte Position zu verstehen, muss man bedenken, dass die staatliche Souveränität und die nationale Autonomie in Ungarn, aber auch in anderen Ländern Ost- und Mitteleuropas, ein zentrales Thema der Politik sind. Denn bis zur Wende waren diese Gesellschaften ihrer Souveränität beraubt. Nach der Wende wollten die Regierungen vor allem Eigenständigkeit und Autonomie. Wenn sich Orbán also gegen die Aufnahme von Flüchtlingen ausspricht, dann spricht er eigentlich nicht gegen die Flüchtlinge, sondern für das autonome Entscheidungsrecht.

Diese zwei Sachen muss man unterscheiden: Das Pochen auf Souveränität und Autonomie und die Entscheidung gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Die Erklärung, warum Ungarn keine Flüchtlinge aufnehmen will, geht auf diese Souveränitätsfrage zurück, weil man meint, dass Ungarn und die ganze europäische Kultur durch die Aufnahme von Menschen aus einer anderen Kultur nicht mehr ihre Autonomie und Homogenität bewahren kann.

DOMRADIO.DE: Wer steht in Ungarn denn hinter dieser Position des Ministerpräsidenten?

Máté-Tóth: Das ist eine heikle Frage. Der Anteil der Wähler der Fidesz-Partei, der Orbán angehört, liegt, glaube ich, bei etwa 30 Prozent oder vielleicht noch weniger.

DOMRADIO.DE: Nehmen wir doch zum Beispiel die katholische Kirche im Land. Das Christentum an sich kennt ja keine nationalen Grenzen. Wie setzt sich Kirche in Ungarn gegenüber dieser Position ein?

Máté-Tóth: Man kann auch in Ungarn nicht von einer gemeinsamen und einheitlichen Position der Christen und der Kirchen sprechen. Die katholische Bischofskonferenz zum Beispiel ist absolut nicht einheitlich. Das, was der Ministerpräsident vertritt, teilt die Christen weiter. Und auch die Bischöfe und Priester.

DOMRADIO.DE: Wie kann es denn eigentlich jetzt mit Ungarn weitergehen? Was glauben Sie?

Máté-Tóth: Wenn wir von dem EU-Verfahren gegen Ungarn sprechen, dann ist es sehr wichtig, dass dieses Verfahren nicht gegen ein Land, sondern gegen eine Regierungskultur und gegen eine Politik eingeleitet wird.

DOMRADIO.DE: Es geht dabei um die nationale Politik Orbáns, die aber auch europäische und internationale Auswirkungen hat, indem Flüchtlinge an den Grenzen zurückgewiesen werden. Kritisch betrachtet könnte man sagen, er führt eine Politik auf dem Leid anderer Menschen aus, was überhaupt nicht der christlichen Idee entspricht.

Máté-Tóth: Natürlich. Wenn man unter christlich die lange Tradition der Nächstenliebe versteht, dann ist das Zurückweisen der Flüchtlinge an der Grenze eine unchristliche Haltung. Das ist keine Frage. Eine andere Frage ist, welche Methoden und Kapazitäten für die Aufnahme der Flüchtlinge vorliegen. Orbán sagt zwar, dass kein Flüchtling nach Ungarn kommen soll. Im Grunde genommen ist es aber so, dass Flüchtlinge nach einer bestimmten Evaluation kommen. In Ungarn leben heute mehr Personen als die 1.200, die von der Europäischen Union gefordert worden sind.

Den freien Einwanderungsweg zu stoppen, war schon vor zwei Jahren Orbáns Politik, durch die er in der westeuropäischen Öffentlichkeit verteufelt worden ist. Als sich danach der Druck vergrößerte, haben aber auch andere Länder und andere Politiker Orbáns Positionen mehr und mehr begrüßt und bejaht.

Man muss einen Unterschied zwischen europapolitischer Rhetorik und Sachpolitik machen. Es gibt in keinem europäischen Land eine sachpolitische Lösung, die von der ganzen Bevölkerung bejaht und mitgetragen wäre. Das ist für mich sehr wichtig, um die sehr harten Fronten der politischen Rhetorik zu erkennen, die die Situation schwarz-weiß aussehen lassen. Auf der Ebene der Sachpolitik ist die Situation in anderen europäischen Ländern nicht ganz so weit weg von den ungarischen praktischen Lösungen.

Das Interview führte Beatrice Steinecke.

(DR)

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Aktuell: Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs.

DOMRADIO.DE auch auf Alexa

Gottesdienste, Nachrichten und das Evangelium – jetzt täglich auch auf Ihrem Echo und Echo Show!

DOMRADIO in Berlin und Brandenburg

Ab sofort auf DAB+ auch in Berlin und Brandenburg: Das Kölner DOMRADIO!

Mit Willibert in die Heilige Stadt

Im November 2019 ist es soweit: Erkunden Sie das ehrwürdige Rom auf dieser Pilgereise mit dem Rom-Kenner Willibert Pauels, Karnevalsfreunden und DOMRADIO.DE Besuchern auch bekannt als "ne Bergische Jung"!

Der gute Draht nach oben!

Tageskalender

Radioprogramm

  • Tageskalender
  • 23.09.
06:00 - 06:30 Uhr

DOMRADIO Morgenimpuls

06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO Der Sonntag

  • Jeder Mensch braucht ein Zuhause - Caritassonntag
  • Karl May-Roman "Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste"
07:20 - 07:20 Uhr

WunderBar

07:50 - 07:55 Uhr

Wort des Bischofs

09:40 - 09:45 Uhr

Kirche2Go

10:00 - 12:00 Uhr

Gottesdienst

11:00 - 18:00 Uhr

DOMRADIO Der Sonntag

  • „Kinder brauchen Freiräume“ - Katholische Jugendagentur zum Weltkindertag
  • Volker Kutscher - die Nazis sind nicht vom Himmel gefallen
10:00 - 12:00 Uhr

Gottesdienst

11:00 - 18:00 Uhr

DOMRADIO Der Sonntag

  • „Kinder brauchen Freiräume“ - Katholische Jugendagentur zum Weltkindertag
  • Volker Kutscher - die Nazis sind nicht vom Himmel gefallen
12:40 - 12:45 Uhr

WunderBar

17:50 - 17:55 Uhr

Wort des Bischofs

11:00 - 18:00 Uhr

DOMRADIO Der Sonntag

  • „Kinder brauchen Freiräume“ - Katholische Jugendagentur zum Weltkindertag
  • Volker Kutscher - die Nazis sind nicht vom Himmel gefallen
18:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Menschen

19:00 - 20:00 Uhr

DOMRADIO Kopfhörer

20:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Musica

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Programmtipps

  • Lorraine Kienzle
    23.09.2018 18:00
    DOMRADIO Menschen

    Lorraine Kienzle

  • Prof. Dr. Hermann Brandenburg
    23.09.2018 19:00
    DOMRADIO Kopfhörer

    "Personenzentrierung...

  • Noten von Georg-Friedrich Händel
    23.09.2018 20:00
    DOMRADIO Musica

    So ein Chaos!

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Empfangsanleitung zum Ausdrucken

Gemeinsam für das Mehr im Menschen

Berufungspastoral im Erzbistum Köln: Dein Platz in Kirche und Welt.

Das ganze Leben

Hilfsangebote der Kirche im Erzbistum Köln.

Der tägliche Impuls von Weihbischof Puff

Weihbischof Schwaderlapp beantwortet Glaubensfragen