Blumen, Kerzen und Engel als Erinnerungszeichen in Köthen
Blumen, Kerzen und Engel als Erinnerungszeichen in Köthen
Martin Olejnicki
Martin Olejnicki
Andacht in der St.-Jacob-Kirche in Köthen
Andacht in der St.-Jacob-Kirche in Köthen

10.09.2018

Seelsorger zum Trauergottesdienst in Köthen "Stille ist das Beste, was man anbieten kann"

Nach dem Tod eines Deutschen in Köthen wurden zwei Afghanen festgenommen. Die Umstände sind noch unklar. Der evangelische Kreisjugendseelsorger Martin Olejnicki warnt im Interview davor, den Fall politisch zu instrumentalisieren.

DOMRADIO.DE: Als Sie am Wochenende von dem Todesfall erfahren haben, haben Sie von der evangelischen Kirche sofort reagiert. Was haben Sie gemacht?

Martin Olejnicki (Evangelischer Kreisjugendseelsorger in Köthen​): Ja, wir haben über die Netzwerke, die wir inzwischen in Köthen aufgebaut haben, uns gegenseitig informiert. Schon am Vormittag haben wir erste Infos bekommen und gesagt, wir müssen jetzt was tun. Meine erste Rückfrage ging dann ans Landeskirchenamt. Denn wir wussten, nach Chemnitz ist das keine kleine Sache mehr. Da muss man sich sofort rückversichern. Der Kirchenpräsident war sofort bereit zu kommen und hat auch gesagt, wir werden nicht den Fehler machen und zu lange warten. Wir müssen sofort ein Zeichen setzen und auch unsere Deutung der Ereignisse kommunizieren. Als erstes Zwischenfazit war das eine gute Entscheidung, direkt ein Zeichen zu setzen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, das demokratische Netzwerk hat da gut funktioniert? Und besonders unter der Mitwirkung der Kirche. 

Olejnicki​: Wir sind von Anfang an Teil dieses Netzwerks in der Stadt gewesen. Wir sind Träger der Ehrenamtsinitiative und damit ein ganz selbstverständlicher Teil dieser Stadt. Wir sind auch ganz froh, dass das mit allen Parteien gut funktioniert, zum Beispiel, dass wir auch an diesem Tag selbst von der Linken bis zur Bürgerinitiative das gesamte politische Spektrum ansprechen und einladen konnten. Sie waren gerne bereit, mit uns gemeinsam ein Zeichen zu setzen.

DOMRADIO.DE: Und sie haben dann gestern zu einem Gottesdienst eingeladen. Den haben sie mitorganisiert. Wie war denn der Gottesdienst? Wie haben Sie den erlebt?

Olejnicki​: Unglaublich still. Aber ich glaube in so einem Moment ist Stille auch das Beste, was man anbieten kann. Und ich glaube unsere Kirchen sind der Ort schlechthin für Stille und Trauer und auch, um nachdenklich zu werden. Uns ging es darum, erst mal den jungen Mann in den Mittelpunkt zu stellen, denn es ist jemand aus unserer Mitte gerissen worden, der nur 22 Jahre alt geworden ist. Unter welchen Umständen auch immer, er ist gestorben und wir müssen erst mal um ihn trauern, bevor wir anfangen Deutungen reinzubringen. Der Kirchenpräsident hat tolle Worte dafür gefunden und die Stimmung aufgegriffen. Die Menschen in der Kirche haben dann Kerzen angezündet, für den jungen Mann und für die Zukunft, für den Frieden in der Stadt. Ein bisschen über dem Gottesdienst schwebte auch die Frage, was abends bei diesem Trauermarsch passiert.

DOMRADIO.DE: Sie sind auch mitverantwortlich für die Initiative "Willkommen in Köthen". Das ist sicher auch ein Fundament, auf das man jetzt bauen kann, um ein Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit zu setzen.

Olejnicki​: Mit Sicherheit ja. Wir haben im Spätsommer 2015 mit dieser Initiative angefangen. Es haben sich vielen Menschen gefunden, die dort mitgewirkt haben. Anfangs war es eine "Hauruck-Aktion". Es ging zunächst darum, Kleider und Möbel zu beschaffen. Jetzt sind wir dankbar, dass wir uns auf die Menschen konzentrieren können, die angekommen sind. Die Geflüchteten sind jetzt auch schon fast zwei Jahre da. Sie haben auch ihre ganz normalen Alltagsprobleme, mit denen wir umzugehen versuchen. Wir bieten zum Beispiel Sprachkurse an, Hausaufgabenhilfe für Schüler und haben natürlich auch genau mit diesen jungen Männern zu tun, die jetzt aus diesen "UMAs", die unbegleiteten minderjährigen Ausländer, entlassen werden. Das geschieht, sobald sie 18 Jahre alt werden, dann sind sie mit einer ungewissen Perspektive konfrontiert. Darauf müssen wir auch noch mal eine Antwort finden.

DOMRADIO.DE: Man hört, da kommt noch viel Arbeit auf Sie zu. Aber sind Sie zuversichtlich, dass Köthen nicht ein zweites Chemnitz wird?

Olejnicki​: Da bin ich sehr zuversichtlich. Dieser Marsch war natürlich schwierig, ich habe einige Aufnahmen hinterher gesehen, wo ganz schlimme Sachen in dieses offene Mikrofon gesprochen wurden. Die haben mir persönlich Angst gemacht. Aber ich habe auch gesehen, dass ganz viele von denen gar nicht aus unserer Stadt waren. Sie kamen angereist und wurden mobilisiert, weil die Ereignisse in Chemnitz nicht lange her waren. Ich weiß, dass in Köthen die Leute eigentlich anders sind. Die Menschen sind skeptisch und manchmal auch ein bisschen ängstlich. Aber sie sind in keinem Fall aggressiv und ich glaube darauf können wir aufbauen. Unsere Aufgabe als Kirche ist es, den Leuten jetzt eine Plattform zu bieten, um miteinander im Gespräch zu bleiben und diesen Graben nicht aufreißen zu lassen – zwischen den politischen Lagern oder zwischen den Ansichten über Migration.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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