20.08.2018

Israelischer Friedensaktivist Uri Avnery mit 94 Jahren gestorben Optimist für den Frieden

Bis zuletzt blieb er kritisch, aber auch optimistisch. Er wollte noch den Frieden erleben. Doch obwohl Uri Avnery 94 Jahre alt wurde, hat er es nicht geschafft. Vom Frieden sind Israel und Palästina immer noch weit entfernt.

"Am Leben zu bleiben, bis der Frieden zustande kommt", hatte er sich zu seinem 85. Geburtstag gewünscht, "weil ich es erleben möchte". Sein Leben lang hat sich der israelischer Publizist und Friedensaktivist Uri Avnery für seinen Traum eingesetzt, bis zuletzt die Missstände in seinem Land in scharfen Artikeln kritisiert. Seine Memoiren schrieb er unter dem Titel "Optimistisch" – doch seine größte Hoffnung sollte nicht in Erfüllung gehen.

Am Montag, kurz vor seinem 95. Geburtstag, ist Avnery an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Vom Frieden sind Israel und Palästina immer noch weit entfernt.

Ein Westfale aus dem Kreis Warendorf

Am 10. September 1923 als Helmut Ostermann im westfälischen Beckum geboren, war er zehn Jahre alt, als seine Familie nach Palästina auswanderte. Mit 15 trat er der Untergrundorganisation Irgun bei, die er aus Protest gegen deren Terrormethoden vier Jahre später wieder verließ. Im Unabhängigkeitskrieg 1948 wurde er schwer verletzt.

Später gehörte er als Politiker, Parlamentsmitglied, Herausgeber und Publizist zu den lauten Stimmen für einen Frieden in Nahost. 1992 begründete er die Friedensbewegung "Gusch Schalom" (Friedensblock), die sich bis heute für ein Ende der israelischen Besatzung Palästinas einsetzt.

Viele sahen in ihm einen Hochverräter

Avnery setzte sich für die Trennung von Staat und Religion ein, wünschte sich eine hebräische anstelle einer jüdischen Nation. Mit seinem Versuch, vor Israels oberstem Gericht durchzusetzen, dass der Nationalitätseintrag in seiner Identitätskarte von "Jüdisch" zu "Israeli" geändert werde, scheiterte der Israeli 2013 genauso wie 20 Mitunterzeichner einer entsprechenden Petition. Das "Nationalitätengesetz" kritisierte er als "halbfaschistisch", forderte noch in seinem letzten Artikel für die Zeitung "Haaretz" erneut eine "dringende Debatte" darüber, "wer wir sind, was wir wollen, wo wir hingehören".

Mit Äußerungen wie "die Palästinensische Behörde selbst ist eine Friedensbewegung" und Jassir Arafat sei "der ideale Partner" für Frieden gewesen, gehörte Uri Avnery selbst innerhalb des linken politischen Spektrums in Israel dem äußeren Rand an. Als der Israeli am 3. Juli 1982 die Frontlinie in der Schlacht um Beirut überquerte und mit dem späteren Palästinenserpräsidenten Arafat zu einem Interview zusammentraf, gingen die Bilder um die Welt. In Israel warf man ihm deshalb Hochverrat vor. Mehrfach überlebte er Anschläge auf sein Leben.

Auszeichnungen für Avnery 

International wurde er für seinen Einsatz mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Aachener Friedenspreis (1997) und dem "Alternativen Nobelpreis" (Right Livelihood Award, 2001). Zusammen mit dem palästinensischen Politologen und Philosophen Sari Nusseibeh erhielt Avnery 2003 den Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte.

Immer wieder erhob der Aktivist schwere Vorwürfe gegen die Regierung seines Landes. Wäre der damalige Ministerpräsident Jitzhak Rabin nicht ermordet worden, gäbe es heute Frieden in Israel, war er überzeugt. Stattdessen sei Frieden zum Schimpfwort geworden.

Er wollte eine "Nahost-Föderation"

Netanjahu sehe "den Frieden als Gefahr, und darum entfernen wir uns davon – Tag für Tag". Avnery wünschte sich Druck aus Europa auf Israel, verurteilte gegen die einseitige US-amerikanische Unterstützung rechter israelischer Kreise - und war unter den prominenten Stimmen für Frieden einer der wenigen, der sich gegen eine unbedingte Aufspaltung von Israel und Palästina aussprach. Ein von Israel oktroyiertes Zwei-Staaten-Modell könne nicht das Ende des Konflikts sein, da niemand die Grenzen anerkennen werde. Auch eine Ein-Staaten-Lösung lehnte er als "Staat eines ständigen Bürgerkriegs" ab.

Stattdessen plädierte er für eine Nahost-Föderation Israels und Palästinas nach Vorbild der EU, besser noch einer "semitischen Union" im Nahen Osten, basierend auf Eigenstaaten, ganz wie in Europa. Am Ende, so war Avnery überzeugt, würden "Leute anfangen, noch mal zu denken". Für Avnery selbst kam mit 94 Jahren das eigene Ende zu früh, um noch zu erleben, dass die beiden Völker in dem kleinen Land "miteinander leben, ob sie wollen oder nicht".

Andrea Krogmann
(KNA)

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