Flüchtlinge auf Lesbos
Flüchtlinge auf Lesbos
Jean-Claude Hollerich
Jean-Claude Hollerich

22.06.2018

Migrationsfreundlicher Kurs der Kirche verliert an Zustimmung Europas Kirchenvertreter stoßen auf taube Ohren

Europa redet über Migration. Deutschland redet über die Ausrichtung der Flüchtlingspolitik. Auch die Kirchen mischen sich ein. Doch werden ihre Standpunkte in der hitzig geführten Debatte überhaupt noch wahrgenommen?

Ein Morgen in Brüssel, der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) hat zu einer Konferenz eingeladen: "Vergessen an den Toren Europas". Im Publikum sitzen Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, Freiwillige, Flüchtlinge und eine Handvoll Journalisten.

"Drei Jahre sind vergangen, und die Situation an Europas Außengrenzen hat sich nicht verändert", beginnt JRS-Europadirektor Jose Ignacio Garcia. Und noch etwas habe sich nicht verändert: Die Forderung des JRS nach mehr legalen Wegen in die EU für Menschen in Not.

Innerdeutsche Debatte zur Migrationspolitik

Derweil tobt in Deutschland eine hitzige Debatte zwischen Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Migrationspolitik. Seehofer will bereits in anderen EU-Ländern registrierte Asylbewerber an der Grenze abweisen. Merkel will sich indes für eine europaweite Lösung einsetzen.

Die Anliegen des JRS und die Ziele der deutschen Politik scheinen meilenweit voneinander entfernt. Die Diskussion über Zurückweisungen von Flüchtlingen vor der Einreise nach Europa ist nur ein Randthema beim JRS-Event. Alle im Raum sind sich einig: Es muss mehr für die Betroffenen an den Grenzen getan werden. Doch wie denkt der Rest Europas darüber?

"Die Flüchtlingsfrage muss anders gestellt werden", sagt der Präsident der EU-Bischofskommission COMECE und Erzbischof von Luxemburg, Jean-Claude Hollerich, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Vielmehr müsse es heißen: Was können wir tun, damit keine Flüchtlinge mehr kommen? Mit dieser Fragestellung liegt der Erzbischof im Trend. Auch Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz spricht lieber über Grenzschutz als über die Situation an den Grenzen.

Doch anders als Kurz ist Hollerich besonders das Recht auf ein menschenwürdiges Leben der Ausreisewilligen in ihrer Heimat wichtig. "Natürlich muss man Menschen aufnehmen, die in Not sind", sagt er.

Rechtsruck in Europa

Aber die Frage sei, wer Schutz brauche, und wer nicht. Außengrenzen müssten mit Respekt für die Menschenwürde gesichert werden. Hollerich versucht, den scheinbar unüberwindbaren Graben zwischen den Forderungen der Kirche und dem Gefühl der Angst vor Flüchtlingen vieler Bürger in Europa zu verkleinern.

"Wir müssen auch verstehen, dass es einen Rechtsruck in Europa gibt", sagt der COMECE-Präsident. Wenn die Menschen keine Perspektiven mehr sähen, wendeten sie sich ab von altvertrauten Parteien und auch von der EU.

Einige Bürger, darunter auch Katholiken, könnten sich mit einem sehr liberalen Staat nicht identifizieren. "Man braucht Parteien, die konservativ sind, ohne populistisch zu sein", so Hollerich. Als Katholik habe man ein Recht darauf, auch konservativ zu sein - solange das Evangelium im Blickfeld bleibe.

Zeichen erkannt

Immer mehr Wähler in Europa entschieden sich in den vergangenen Jahren, ihr Kreuz bei populistischen oder rechtsextremen Parteien zu machen. Es scheint, als würden die Kirchen mit ihrer Botschaft der Barmherzigkeit bei vielen Franzosen, Italienern und Ungarn nicht mehr gehört.

Während christliche Organisationen wie der Jesuiten-Flüchtlingsdienst auf ihrer Forderung nach Solidarität beharren, haben sich viele Europäer, die Angst haben und sich perspektivlos fühlen, kontinuierlich von diesem Standpunkt entfernt.

Die Skepsis gegenüber kirchlichen Positionen zur Flüchtlingspolitik wächst - auch in Deutschland. Erzbischof Hollerich hat das erkannt. Er schlägt vor, sich miteinander auszutauschen, einander zuzuhören und dem Standpunkt des anderen respektvoll zu begegnen. "Wir brauchen Debatten und Dialog, damit die Leute sich nicht ausgegrenzt fühlen und am Ende rechtspopulistische Parteien wählen", sagt er.

Franziska Broich
(KNA)

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