01.06.2018

Tschechischer Religionsphilosoph Halik wird 70 Jahre alt Pfadfinder im Labyrinth der Freiheit

Er war ein Freund und Weggefährte von Vaclav Havel. Mit dessen Nachfolgern als tschechische Staatspräsidenten verbindet ihn nurmehr eine herzliche Rivalität. Tomas Halik ist ein Denker, der quer zum Zeitgeist liegt.

Er ist einer der größten zeitgenössischen Denker seines Landes und hat sich Renommee weit über die Grenzen der Tschechischen Republik hinaus erworben. Er war ein Freund und Weggefährte des späteren Staatspräsidenten Vaclav Havel (1936-2011). Mit dessen Nachfolgern Vaclav Klaus und Milos Zeman verbindet ihn nurmehr eine herzliche Rivalität. An diesem Freitag wird der Soziologe und Religionsphilosoph Tomas Halik 70 Jahre alt.

Mit dem Establishment anlegen

Sich mit dem Establishment anzulegen, liegt Tomas Halik. Vorgedachtes wiederzukäuen, ist seine Sache nicht. Den Traum von einer christlich geprägten Post-Wende-Gesellschaft hat er nicht mitgeträumt, sondern schon früh als Nostalgie verworfen. Und als sich im ersten Jahrzehnt nach der politischen Wende in der Kirche Tschechiens alles um die Fragen von Rückgabe und Entschädigung für enteignete Güter aus vorkommunistischer Zeit zu drehen schien, forderte er längst eine Kirche, die sich mental aus dem Ghetto der Verfolgung löst und ganz neu lernt, mit einer völlig veränderten Gesellschaft ins Gespräch zu kommen.

Dabei war Haliks Forscherkarriere eigentlich schon beendet, bevor sie begann. Im Juli 1972 rief er bei seiner feierlichen Promotion der nach dem Prager Frühling von allen Freidenkern gesäuberten Fakultät das Karol-Capek-Zitat zu: "Die Wahrheit ist mächtiger als die Macht" - ein moralischer Triumph, doch ein Quasi-Selbstmord im wissenschaftlichen Betrieb.

Geheimes Theologiestudium

Erst damals kam der politisch Geächtete aus liberalem Elternhaus tiefer mit der Kirche in Berührung. Nach einem geheimen Theologiestudium wurde er 1978 im Untergrund zum Priester geweiht; seine Mutter sollte bis zu ihrem Tod nichts davon erfahren. Tagsüber arbeitete Halik als Psychotherapeut mit Drogensüchtigen. Zu seinem abendlichen Dissidenten-Zirkel gehörte auch Vaclav Havel, der oft in seinem Landhaus für die Gruppe kochte. "Manchmal hörte ich in seinen Reden als Staatspräsident noch ein Echo unserer Diskussionen von damals", verrät Halik schmunzelnd.

Die alte Freundschaft - nur ein Grund, warum er Havel in den schwierigen Jahren seiner Präsidentschaft (1989-2003) immer den Rücken gegen Kritiker freigehalten hat. Sie zogen an einem Strang, der Dichter und der Soziologe: für Toleranz und Zivilcourage, für Weltoffenheit und Dialogbereitschaft - und für mehr gesellschaftliche Kontrolle der Macht der Parteien.

An der Prager Karls-Universität hatte Halik den renommierten soziologischen Lehrstuhl des einstigen Staatsgründers Tomas Masaryk (1850-1937) inne. Als Schriftsteller ist er Träger eines der höchsten Literaturpreise seines Landes. Und er ist katholischer Priester, der als Rektor der Prager Universitätskirche in der Nachfolge von Frühreformator und National-Ikone Jan Hus stand - und steht. Wäre da nicht der vermeintliche Makel des Priestertums in der säkularisierten Tschechischen Republik, hätte Halik 2003 vielleicht sogar ihr Staatspräsident werden können - als Nachfolger und Wunschkandidat seines langjährigen Freundes Vaclav Havel.

2014 mit Templeton-Preis ausgezeichnet

Dem gnadenlosen Materialismus und der angeblich aufgeklärten Mediengesellschaft hält er in Essays, Predigten, Talkshows und Vorträgen den Spiegel vor. Halik ist ein Rufer. Kein Schreier, sondern ein unabhängiger Intellektueller, der zum Mitdenken auffordert. Im "Laboratorium Demokratie" hat er unzählige Überstunden gemacht.

Halik will "bestimmte Themen und einen gewissen Stil in die politische Debatte einbringen", die Tschechen zu mehr Selbstkritik und Mitgestaltung ermutigen. Damit bringt der Querdenker Machtpolitiker und Parteifunktionäre immer wieder auf die Palme. Das gelingt weiß Gott nicht jedem. Und es verschafft ihm - über sein Land hinaus - "hervorragende Verdienste um die Interpretation von Zeit und Welt", wie es 2010 bei der Verleihung des Romano-Guardini-Preises hieß.

2014 dann die bislang höchste Auszeichnung: der Templeton-Preis, landläufig auch als "Nobelpreis für Religion" bezeichnet. Er hob Tomas Halik in eine Liga mit Mutter Teresa, Frere Roger, Desmond Tutu oder den Dalai Lama.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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