29.04.2018

"Ohne ihn gäbe es keine katholische Soziallehre" Marx über Marx

Kardinal Marx sieht in seinem Namensvetter Karl Marx ein wichtiges Korrektiv des Kapitalismus. "Wohlstand und Profite sind nicht alles, woran sich eine Gesellschaft orientieren darf", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Der Markt führe nicht automatisch zu einer gerechten Gesellschaft. Das Kommunistische Manifest habe ihn "durchaus beeindruckt", so Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, auch weil es "in einer großartigen Sprache verfasst" sei.

Der Kardinal beklagte in dem Zeitungsinterview "enorme soziale Ungleichheiten und ökologische Schäden, die die kapitalistische Dynamik zu verantworten" habe. Dass sich das gebessert habe, sei "keine Errungenschaft des Kapitalismus, sondern Ergebnis eines Kampfes gegen diese Auswüchse". Auch diese Erkenntnis sei Karl Marx zu verdanken: "Der Markt ist nicht so unschuldig, wie er sich im Lehrbuch der Ökonomen darstellt. Dahinter stehen machtvolle Interessen."

Marx: Kapitalismus kann zu Nationalismus führen

Der Bischofskonferenz-Vorsitzende warnte davor, nur auf "materielle Verbesserungen zu schauen". Man müssen auch sehen, "wer die Lasten trägt und wer Verlierer ist". Ohne solche Achtsamkeit dürfe man sich "auch über Revolutionen, Kriege oder auch besorgniserregende Wahlergebnisse nicht wundern". Da könne "ein Blick von Marx sehr hilfreich" sein.

Kapitalismus könne auch zu Gier und Nationalismus führen, warnte der Kardinal. Dies zu leugnen wäre naiv. Bei Kriegen wie dem Ersten Weltkrieg spielten "zweifellos imperialistische wirtschaftliche Interessen" zur Verbreiterung Absatzmärkte und Profiterwartungen eine große Rolle.

Was der Kardinal den Ökonom heute fragen würde

Karl Marx habe gezeigt, "dass die Menschenrechte ohne materielle Teilhabe unvollständig bleiben", so der Münchner Erzbischof. Marx habe deutlich gemacht, dass "auf die wirklichen Verhältnisse zu achten" sei. Mit der Betonung der Empirie sei er "einer der ersten ernstzunehmenden Sozialwissenschaftler".

Zum 200. Geburtstag würde Kardinal seinen Namensvetter nach eigenen Worten gern fragen, ob ihn ärgert, was die Menschen aus seinen Ideen gemacht haben. Am Ende könne man zwar "historisch einen Denker nicht davon trennen, was andere später in seinem Namen getan haben", gerade wenn es böse Folgen hatte. "Wer die Freiheit, politische wie wirtschaftliche, nicht anerkennt, wird leicht totalitär", so Marx. Aber für die Verbrechen des Stalinismus mache er Karl Marx nicht verantwortlich.

Keine wirtschaftliche ohne politische Freiheit

Zwar gebe es in dessen Schriften "den einen oder anderen totalitären Gedanken" wie den Kollektivismus, der das Individuum nicht achte. Doch in direkte Verbindung zum späteren politischen Marxismus-Leninismus oder gar zu den sowjetischen Straf- und Arbeitslagern könne man Karl Marx nicht bringen, so Kardinal Marx. Freiheit sei unteilbar. "Wirtschaftliche Freiheit ohne politische Freiheit geht nicht"; da könne ihn auch China "nicht vom Gegenteil überzeugen".

Marx zog auch eine Linie zum aktuellen Rechtspopulismus mit seiner Fremdenfeindlichkeit. Dessen Wurzeln lägen ebenfalls in einer neuen sozialen Spaltung. "Wenn das Gefühl bei den Menschen entsteht, die Gesellschaft biete nicht mehr für alle Chancengerechtigkeit, dann kann es politisch gefährlich werden." Wo nur das Wirtschaftswachstum im Blick sei und nicht die Interessen aller, so Marx, löse sich der soziale Zusammenhalt auf.

(KNA)

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