Stacheldrahtzaun vor den Gebäuden des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau
Stacheldrahtzaun vor den Gebäuden des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau

12.01.2018

Experte: Weniger Schärfe in Debatte zu KZ-Gedenkstätten-Besuch Keine Lernroutine

In der Diskussion über mögliche Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten fordert ein Experte weniger Schärfe. Ein solcher Besuch dürfe nicht zur "Lernroutine" werden, sondern diene vielmehr der Reflexion über Werte und Haltung.

"Die Debatte, wie sie momentan geführt wird, polarisiert. Man muss die Schärfe herausnehmen", sagte der Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, im Interview der "Süddeutschen Zeitung" am Freitag. Er selbst wolle den Begriff der Pflicht vermeiden. "Aber eine stark in die Verantwortung nehmende Empfehlung finde ich sehr gut."

Unrealistisches Bild von KZ-Gedenkstätten

Auf der einen Seite stünden die, die einen Pflichtbesuch forderten. Es sei der Pol, "der eine Erweckungshoffnung repräsentiert und die Gedenkstätte als sensibilisierende, kathartische Anstalt" betrachte, sagte der Gedenkstättenleiter. Auf der anderen Seite gebe es den Pol "mit dem Abwehrreflex, der von Zwangsbeglückung spricht und sagt, dass das dann wie in der DDR sei".

Beide Positionen gehen aus Sicht Skriebeleits von Gedenkstätten als Orten aus, die der Realität nicht entsprächen. Der Besuch eines solchen Geländes dürfe "kein verlängerter Schulbesuch sein, sondern er hat eine eigene Qualität. Wir nehmen uns sehr ernst als außerschulischen Lernort." Mit Blick auf Schulklassen sagte der Fachmann, dass ein Besuch nicht "Lernroutine" werden dürfe. Daher zögere er bei dem Wort Verpflichtung. Wichtig sei außerdem die Motivation der Lehrer.

Besuche veränderten nicht die Einstellung

Integrationsklassen mit Zuwanderern diskutierten etwa über Haltungen, "die sie mitbringen, und über Werte, die sie hier in Deutschland erfahren", sagte Skriebeleit. "Das ist nicht nur spannend, sondern sehr konstruktiv." Illusionen mache er sich aber nicht: "Ein zweistündiger Besuch verändert nicht die Einstellung, aber er speist Informationen ein."

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) hatte sich jüngst dafür ausgesprochen, dass auch Asylbewerber verpflichtend ein ehemaliges Konzentrationslager besuchen sollten. Sie halte es für sinnvoll, "wenn jeder, der in diesem Land lebt, verpflichtet würde, mindestens einmal in seinem Leben eine KZ-Gedenkstätte besucht zu haben". Das gelte "auch für jene, die neu zu uns gekommen sind". Besuche in einer Gedenkstätte sollten zum Bestandteil von Integrationskursen werden.

(KNA)

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