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Inwieweit darf eine Predigt politisch sein?
Dr. Andreas Püttmann
Dr. Andreas Püttmann

27.12.2017

Katholischer Publizist erklärt, warum Kirche auch immer politisch ist "Man kann die christliche Botschaft nicht politisch keimfrei halten"

Ulf Poschardt, Chefredakteur von Welt und N24, kritisierte an einer Weihnachtspredigt, er fühlte sich wie bei den Jusos oder den Grünen. Der Politologe Andreas Püttmann erklärt, warum die Kirche gar nicht anders kann als auch politisch zu sein.

DOMRADIO.DE: Poschardt sagt, ihm war die Christmette zu politisch geprägt. Kirche muss Stellung beziehen, muss für das Evangelium eintreten, für Nächstenliebe, für Schwache. Das ist schon vom Grundsatz her politisch. Wo verläuft die Grenze? Wo soll es aufhören?

Dr. Andreas Püttmann (Politikwissenschaftler): In der Tat kann man die christliche Botschaft nicht gleichsam politisch keimfrei halten. Das merken wir schon im Vaterunser, wenn wir beten "wie im Himmel, so auf Erden" oder wenn wir bei Jeremia lesen: "Suchet der Stadt Bestes" oder im Magnificat: "Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhört die Niedrigen". Die katholische Kirche behält sich im Konzil ausdrücklich vor, auch politische Angelegenheiten einer sittlichen Beurteilung zu unterstellen, wenn die Grundrechte der Person und das Heil der Seelen es verlangen.

Die Grenze wird zunächst durch den Kontext gezogen – im Gottesdienst ist mehr Zurückhaltung angezeigt als etwa auf einer kirchlichen Tagung oder in einem Bischofs-Interview – sowie durch die Detailliertheit: Wenn es um politische Einzelmaßnahmen geht, bei denen die Zweck-Mittel-Reaktion beachtet werden muss, hat die Kirche eher die Aufgabe, Grundsätze einzuschärfen. In der konkreten Umsetzung kommt der Grundsatz der sogenannten "relativen Autonomie der Kultursachbereiche" gemäß dem Zweiten Vatikanischen Konzil zum Tragen. Das heißt, hier ist eher der Sachverstand von Politikern und Fachleuten gefordert.

Wichtig ist auch der Ton, der eher konstruktiv und vermittelnd statt spaltend und auf jeden Fall sachlich sein soll. Je konkreter man politisch wird, desto weniger sind kirchlicherseits Kleriker gefragt, sondern Laien. Diese Grenzen sind zu beachten.

DOMRADIO.DE:  Von der rechts-konservativen Seite wird den Bichöfen gerne vorgeworfen, sie kämen aus der linken Ecke, weil sie sich für Flüchtlinge einsetzen und gegen die AfD sprechen. Wie links ist denn die Amtskirche in Deutschland?

Püttmann: Es läuft zurzeit eine Kampagne gegen Bischöfe, mit einer Schärfe wie es sie seit 1945 nicht mehr gab. Da werden Bischöfe von AfD-Funktionären als "verrottete Funktionsträger", "Geschäftemacher vom Asylindustrieverband", "gefährliche Irrlichter" oder "Islamförderer" beschimpft – übrigens auch von rechtskonservativen Kreisen innerhalb der katholischen Kirche. Das erinnert zum Teil an die 1930-er Jahre, als deutschnationale Katholiken die angeblich zu linke Zentrumspartei und Nähe von Bischöfen zu ihr kritisierten.

Laut Umfrageanalysen wählen deutsche Katholiken im Durchschnitt leicht Mitte-Rechts, die Protestanten eher Mitte-links. So kann man auch die sogenannten Amtskirchen einordnen. Aber die Kategorie ist schwierig. Was ist denn in der Bioethik links und was ist rechts? Bei der Flüchtlingspolitik ist es so, dass sich die Bischöfe vom Grundsatz her auf sicherem christlichem Boden bewegen, wenn sie betonen, dass man seine Kräfte aufs Äußerste anstrengen muss, um Menschen aus anderen Ländern vor großer Not und Angst, vor Krieg und Folter zu helfen. Daran gibt es überhaupt nichts zu deuteln.

Bei der konkreten Ausgestaltung ist politisch wieder die relative Autonomie der Politik zu beachten. Zu ihrer Realität gehört auch der Volkswille und die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft. Da ist dann die Kardinaltugend der Klugheit gefragt. 

DOMRADIO.DE: Es gibt auch Zustimmung für Poschardt. Die CDU-Vize Julia Klöckner etwa hat auf den evangelischen Landesbischof Bedford-Strohm verwiesen, der sich doch bitte aus der Politik raushalten soll. Kann man diese Position nicht nachvollziehen?

Püttmann: Na ja, Frau Klöckner sollte froh sein, dass die Kirchen auch eine mittelbar politische Wirkung haben, denn das geht ja im Wesentlichen auf die Mühlen der CDU. Sie hat sich hier ihrer theologischen Ausbildung nicht würdig erwiesen, denn die Predigt von Bedford-Strohm bezieht sich auf Trumps "America frist"-Parolen. Hier ging es dem Bischof also um eine Kritik an Nationalismus und Wohlstandsegoismus. Das hat Klöckner nicht richtig verstanden, wenn sie darauf abhebt, dass Trump doch von einer Mehrheit gewählt worden sei und als Person Menschenwürde habe. Das spielt keine Rolle in diesem Zusammenhang. Hier geht es vielmehr um eine ethische Positionierung gegen seinen rabiaten nationalistischen Egoismus. Bedford-Strohm ist völlig im Recht, wenn er dies kritisch thematisiert.

Das Gespräch führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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