Flüchtlinge protestieren im Auffanglager "Moria" auf Lesbos
Flüchtlinge in Lesbos

08.12.2017

Misereor zur Diskussion um Abschiebungen nach Syrien "Das Ausmaß der Zerstörung ist dramatisch"

Noch ein Jahr länger – bis Ende 2018 – gilt ein Abschiebestopp nach Syrien. Darauf haben sich die Innenminister an diesem Freitag geeingt. Warum das wichtig ist, erklärt Dorothee Klüppel von Misereor im Gespräch mit DOMRADIO.DE.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, wer jetzt eine Diskussion über mögliche Abschiebungen nach Syrien führe, kenne die Lage im Land nicht. Wie ist denn die Lage im Land?

Dorothee Klüppel (Leiterin der Afrika und Nahostabteilung bei Misereor): Die Lage ist so, dass im Grunde keine Region im Land als sicher eingestuft werden kann, selbst wenn es verschiedene Gegenden gibt, die als Deeskalationszonen bezeichnet worden sind. Es finden auch dort teilweise heftige Kämpfe statt. Das Ausmaß der Zerstörung ist dramatisch und die Menschen, die dort leben, kämpfen um das Allernötigste und kommen kaum über die Runden. Unsere Partner vor Ort warnen davor, wenn jetzt noch Flüchtlinge aus anderen Regionen zurückkommen, sei man heillos überfordert.

DOMRADIO.DE: Misereor unterstützt mit Partnerorganisationen zahlreiche Projekte in Syrien. Was sind das für Projekte – haben Sie ein konkretes Beispiel?

Klüppel: Über die Franziskaner, mit denen wir zusammenarbeiten, leisten wir ganz konkrete Nothilfe, zum Beispiel mit der Verteilung von Gundnahrungsmitteln. Jetzt in der kalten Jahreszeit geht es auch um Heizmaterial, um Decken, um Kleidung und Hygieneartikel – all das ist lebensnotwendig. Auch Medikamente werden zur Verfügung gestellt und Zuschüsse für medizinische Behandlungen. Wasserversorgung ist ein wichtiges Thema. Es werden Brunnen wieder rehabilitiert und in Betrieb genommen.

Daneben werden Begegnungsräume wieder in Stand gesetzt, also Einrichtungen von Spiel- und Sportmöglichkeiten, damit gerade junge Menschen der verschiedenen Fraktionen und religiösen Gruppen wieder zusammenkommen und sich begegnen. Wir halten es für enorm wichtig, Impulse in die Gesellschaft zu geben und wieder zusammenzurücken.

Mit den Jesuiten unterstützen wir schwerpunktmäßig neben der Gesundheitsarbeit Projekte im Bildungsbereich. Hunderttausende Kinder sind in Syrien aus dem ehemals sehr guten Schulsystem herausgefallen. Da gibt es Förderunterricht und Hausaufgabenhilfe, damit die Kinder wieder den Anschluss an die Schulbildung bekommen. Lehrer werden fortgebildet, um mit Kindern umgehen zu können, die Schreckliches erfahren haben. Ein wichtiger Schwerpunkt ist die psychosoziale Begleitung, sowohl vom Lehrpersonal als auch von Kindern, die mit den Kriegserfahrungen häufig gar nicht umgehen können. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Bildungsarbeit, die die Jesuiten und wir mit ihnen dort leisten.

DOMRADIO.DE: Wenn Flüchtlinge zurückgeschickt und ausgewiesen werden, werden diese doch unter Generalverdacht gestellt, Oppositionelle gegen das Assad-Regime zu sein. Das macht die Situation für die Rückkehrer nicht besser, oder?

Klüppel: Das macht sie überhaupt nicht besser. Ich habe mit Menschen gesprochen, die im Libanon über die Grenze gekommen waren: Da waren zum Beispiel Mütter, die mit ihren jugendlichen Jungs das Land verlassen mussten, weil sie sonst zwangsrekrutiert worden und als Kanonenfutter ums Leben gekommen wären. Sie mussten fliehen, sie können gar nicht zurück. Selbst, wenn sie nicht politisch oder zivilgesellschaftlich engagiert, besteht allgemein ein Generalverdacht.

Das Assad-Regime hat aus unserer Sicht in den vergangenen Jahren jegliche Glaubwürdigkeit verspielt. Es wurden Versprechen über den Schutz der Bevölkerung gegeben und immer wieder gebrochen. Das Regime hat Bombardements auf Sicherheitszonen und Hilfslieferungen veranlasst und Giftgas eingesetzt. Wenn man mit dem Assad-Regime irgendeine Vereinbarung trifft, die eine Basis dafür zu geben scheint, Menschen zurückführen zu können, dann trauen wir dem Regime nicht, weil es sich immer wieder als skrupellos erwiesen und gezeigt hat, dass es Vereinbarungen nicht einhält.

DOMRADIO.DE: Wie sehen Sie die Zukunft?

Klüppel: Wir sind extrem skeptisch und sagen, es muss eine Strategie entwickelt werden, die bedauerlicherweise davon ausgeht, dass die Menschen nicht werden zurückgehen können. Es wird darum gehen, die Nachbarländer zu stärken und den Flüchtlingsdienst bei den Vereinten Nationen sowie das Welternährungsprogramm – auch finanziell – in die Lage zu versetzen, dass sie die Notversorgung der Flüchtlinge gewährleisten können. Es geht auch darum, Organisationen zu stärken, die an der Integration der Menschen in der Region arbeiten. Letztlich müssen auch wir in Europa unseren Teil leisten, damit die Menschen hierbleiben können und ein Leben in Würde haben, solange sie noch nicht in ihre Heimatregionen zurückkehren können.

Das Gespräch führte Tobias Fricke.

(DR)

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