Soldatin in der Bundeswehr
Soldatin in der Bundeswehr
Dr. York-Herwarth Meyer, Wiss. Referent KMBA
Dr. York-Herwarth Meyer, Wiss. Referent KMBA
Vorlesung "Die weltweite Rückkehr des religiösen Nationalismus"
Vorlesung "Die weltweite Rückkehr des religiösen Nationalismus"
Schild "Nationalismus ist keine Alternative" bei einer AfD-Kundgebung
Schild "Nationalismus ist keine Alternative" bei einer AfD-Kundgebung

26.10.2017

Katholisches Militärbischofsamt über Nationalismus in Europa "Man muss die Geister unterscheiden"

In Europa wird der Nationalismus immer stärker. Auch in der Bundeswehr gibt es vereinzelte Anzeichen dafür. Doch wie geht die katholische Militärseelsorge mit diesem Thema um? Dabei sind das eigene Gewissen und geschärfte Urteilskraft gefragt.

domradio.de: Sie tagen derzeit auf der Gesamtkonferenz der katholischen Militärseelsorger in Berlin Steglitz unter anderem über die Herausforderungen und Gefahren des "gesamtgesellschaftlichen Phänomens" Nationalismus. Wieso müssen sich denn die katholischen Militärseelsorger mit dem Thema Nationalismus befassen, wo doch die katholische Kirche gar keine nationalen Grenzen kennt?

Dr. York-Herwarth Meyer (Ausbildungsreferent im Militärbischofsamt): Das ist richtig und auch eine große Stärke der katholischen Kirche. Auf der anderen Seite ist der Nationalismus in aller Munde. Die Wahlergebnisse sind ja allen bekannt. Man muss indes auch festhalten, dass manche von diesen nationalistischen Bewegungen die Nähe von religiösen Würdenträgern suchen. Zum Beispiel sieht man Putin sehr oft abgebildet mit geistlichen Würdenträgern.

Wir erleben auch, dass im Rahmen der nationalistisch denkenden Protestbewegung bei uns, Bezug auf religiöse Traditionen genommen wird. Das heißt, dass beispielsweise bei Demonstrationen religiöse Symbole wie ein schwarz-rot-gold angestrichenes Kreuz mitgeführt werden. Natürlich versuchen auch solche Bewegungen, an religiöse Traditionen anzuknüpfen und sie für sich zu nutzen. 

domradio.de: Spiegelt sich der aufkommende Nationalismus in Europa auch in der Bundeswehr?

Meyer: Meiner Meinung nach ist es ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Es gibt scheinbar nationale Bewegungen, die das Christentum aufnehmen und es zu fördern scheinen. Wir haben uns im Rahmen unserer Tagung auch damit befasst. Es hat sich sehr deutlich gezeigt, dass alle irgendwie gearteten Potentate (Herrscher, Anm.d.Red.) und radikalen Systeme die Religion nur benutzt und für die eigenen Zwecke missbraucht haben. Die religiösen Würdenträger haben sehr oft gedacht, dass die Machthaber Förderer wären. Aber eigentlich nehmen sie nicht die wirklichen Traditionen auf.

domradio.de: Was sagen Sie denn als Ausbildungsreferent den Militärseelsorgern? Wie sollen junge Soldatinnen und Soldaten reagieren, wenn sie auf Nationalismus in der Bundeswehr treffen?

Meyer: Vor allen Dingen gilt es zunächst, das eigene Gewissen und die eigene Urteilskraft zu schärfen. Man muss die Geister unterscheiden. Und, wenn man sich die ersten Untersuchen dazu anschaut, wer zum Beispiel die AfD gewählt hat, dann stellt sich gleich ganz klar heraus: Es ist der Protest im Vordergrund. Es ist der Wunsch, anderen zu zeigen: Wir sind nicht mit euch einverstanden. Was weitgehend fehlt, ist die Auseinandersetzung, welche Inhalte man damit einkauft. Da gilt es einfach, das Gewissen zu schärfen und die Diskussionen anzustoßen, damit man miteinander ins Gespräch kommt und eben diese Gefahren erkennt und auch sieht, wo und wie man diesen entgegentreten kann.

In der Bundeswehr haben wir den lebenskundlichen Unterricht, einer Art Fachethik, der vorwiegend durch Militärgeistliche erteilt wird. Dieser bietet die Möglichkeit, Bewegungen zu analysieren und auch deutlich zu machen: Auch wenn sie christliche Anklänge benutzen, vertreten diese Bewegungen nicht das Christentum, denn sie nehmen Brauchtum und Äußerlichkeiten auf, die aber mit der wirklichen Tradition und den Inhalten nichts zu tun haben.

Ich erinnere nochmal an das Bild, was einer unserer Vortragenden an die Wand warf: eine Demonstration mit einem lichtumkränzten Kreuz in schwarz-rot-goldener Farbe. Der Inhalt des Kreuzes war ganz auf schwarz-rot-gold umgetüncht und da sieht man sehr deutlich: Jemand, der wirklich religiös orientiert ist, würde eine solche plakative Verbindung nie wählen. Wenn Religion und Nationalismus zusammentreten, verliert in der Regel die Religion. 

Das Gespräch führte Uta Vorbrodt.

(DR)