"Landshut" Entführung 1977
"Landshut" Entführung 1977

13.10.2017

40 Jahre "Deutscher Herbst" Als der Papst sich als Geisel anbot

Gerade erst kehrte die "Landshut" nach Deutschland zurück. Und sofort waren sie wieder da: die Bilder vom Herbst 1977, als das Flugzeug entführt wurde und der Terror der Roten Armee Fraktion in Deutschland seinen Höhepunkt erreichte.

"Hier ist der Deutschlandfunk mit einer wichtigen Nachricht. Die von Terroristen in einer Lufthansa-Boeing entführten 86 Geiseln sind alle glücklich befreit worden." Wenige Minuten zuvor, am 18. Oktober 1977 um 00.12 Uhr deutscher Zeit, hatte Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski nach Bonn durchgegeben: "Die Arbeit ist erledigt."

Nicht nur im Bundeskanzleramt, sondern "in aller Welt" atmeten die Menschen auf, wie es Bundeskanzler Helmut Schmidt zwei Tage darauf in seiner Regierungserklärung vor dem Bundestag zusammenfasste. Nach 9.000 Kilometern und mehr als 100 Stunden Todesangst für Passagiere und Besatzung fand der Irrflug der "Landshut" im somalischen Mogadischu vor 40 Jahren ein Ende.

Inhaftierte RAF-Terroristen freipressen

Von den vier palästinensischen Terroristen, die die Lufthansa-Maschine am 13. Oktober auf ihrem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt in ihre Gewalt gebracht hatten, wurden drei bei der Erstürmung der "Landshut" durch die Spezialeinheit GSG 9 erschossen. Mit ihrer brutalen Aktion wollten die Entführer, die unterwegs Pilot Jürgen Schumann umbrachten, unter anderem die in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Anführer der Roten Armee Fraktion (RAF) freipressen. Der Vorfall gilt als einer der Schlüsselereignisse im "Deutschen Herbst", in dessen Verlauf der Terror der RAF seinen Höhepunkt erreichte.

Die vorangegangenen Wochen und Monate gehörten zu den wohl dramatischsten Phasen in der Geschichte der Bundesrepublik. Bald kannte jeder die Gesichter der "zweiten Generation" der RAF, die es an Menschenverachtung und Kaltblütigkeit mit ihren in Stammheim einsitzenden Kameraden locker aufnehmen konnten. Überall hingen die Fahndungsplakate mit Fotos der Gesuchten. Mit der "Offensive 77" gingen die RAFler für die Befreiung ihrer Anführer von Anfang an über Leichen.

Bereits im April hatte die Terrorgruppe Generalbundesanwalt Siegfried Buback ermordet, im Juli den Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto. Am 5. September schließlich entführte ein RAF-Kommando Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer in Köln. Ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat sich das Bild des einst mächtigen Mannes unter dem Logo der RAF - eine schwarze Maschinenpistole vor rotem Stern - und seine am 15. Oktober aufgezeichnete verzweifelte Bitte, Bonn möge endlich handeln. "Schließlich bin ich nun fünfeinhalb Wochen in der Haft der Terroristen und das alles nur, weil ich mich jahrelang für diesen Staat und seine freiheitlich-demokratische Ordnung eingesetzt und exponiert habe."

Zwangslage für den Staat

Von einer "schlimmen Zwangslage" sprach Bundeskanzler Schmidt, der eine Freilassung der inhaftierten RAF-Mitglieder unter allen Umständen verhindern wollte. Die Entführung der "Landshut" schließlich rief sogar Papst Paul VI. auf den Plan. In einem Telegramm an die deutschen Bischöfe brachte das 80-jährige Kirchenoberhaupt am 17. Oktober einen beispiellosen Schritt ins Spiel: "Wäre es von Nutzen, so würden wir sogar unsere Person für die Befreiung der Geiseln anbieten."

Nur wenig später überstürzten sich die Ereignisse. Mit der "Operation Feuerzauber" endete die Geiselnahme in dem Lufthansa-Flieger. Die in Stammheim inhaftierten RAF-Anführer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe töteten sich selbst; Irmgard Möller überlebte schwer verletzt. Nahezu zeitgleich wurde Hanns-Martin Schleyer von seinen Entführern ermordet. Insgesamt starben durch den Terror der RAF Dutzende Menschen; erst 1998 löste sich die Gruppe auf.

Der Staat hatte diese Bewährungsprobe überstanden. Aber die Beteiligten blieben von den Geschehnissen gezeichnet, wie Gabriele von Lutzau in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sagt. "Wenn man einmal von Terror berührt worden ist, hat man Narben auf der Seele." Von Lutzau, seinerzeit Stewardess an Bord der "Landshut" und als "Engel von Mogadischu" in den Medien gefeiert, fügt mit Blick auf die Anschläge von Islamisten hinzu: "Wir waren damals noch ein Faustpfand, um irgendetwas zu erreichen. Heute geht es bei einem Terroranschlag nur noch ums Töten." 1977 hätte wohl niemand gedacht, dass der "Deutschen Herbst" sich noch einmal an Sinnlosigkeit und Grausamkeit überbieten lässt.

Joachim Heinz
(KNA)

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