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Bischof Franz-Josef Overbeck
Bischof Franz-Josef Overbeck

28.09.2017

Bischof Overbeck gegen Kurskorrektur in der Flüchtlingsdebatte "Wahlergebnis ändert nicht unsere Überzeugungen"

Nach dem bundesweiten Stimmenzuwachs für die AfD hat sich der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck im Interview gegen eine Kurskorrektur in der humanitären Ausrichtung der katholischen Kirche ausgesprochen.

KNA: Herr Bischof, jede achte Stimme in Deutschland ging am Sonntag an die AfD. Darunter waren auch viele Katholiken. Wie wird die Kirche künftig mit diesen Menschen umgehen?

Overbeck: Als Ruhrbischof, aber auch als Militärbischof, weiß ich schon lange, dass die Themen Heimat und Angst vor Überfremdung wachsende Bedeutung haben. Aber darauf werden wir nicht antworten mit einer Enge, die unserer katholischen Weite widerspricht. Als Kirche müssen wir den Menschen sagen, wohin sich die Welt entwickelt. Es geht nun einmal in Richtung Globalisierung. Und das hat dann auch Konsequenzen für die Innenpolitik.

KNA: Aber viele Menschen wollen offenbar weniger Globalisierung und weniger Einwanderung. Was sagen Sie denen?

Overbeck: Als katholische Kirche stehen wir für einen Gerechtigkeitsbegriff, der für alle Menschen gilt. Das heißt, wir müssen Menschen helfen, die unter extrem schweren Bedingungen anderswo leben und dort bleiben wollen. Und wenn das nicht möglich ist, müssen wir ihnen auf anderem Weg beistehen. Daher halte ich es für absolut notwendig, dass wir den Weg weitergehen, den wir 2015 eingeschlagen haben und für den wir neben Kritik auch sehr viel Lob in Deutschland und weltweit erhalten haben.

KNA: Die Kirchen haben sich damals hinter die humanitäre Öffnungs-Politik der Bundesregierung gestellt. Ist dieser Schulterschluss angesichts der Zerrissenheit der Gesellschaft in dieser Frage klug? Die Kirche kann ja nun nicht als eine moralische Instanz auftreten, die einer zerstrittenen Gesellschaft lagerübergreifend Orientierung geben könnte...

Overbeck: Wir sind als Christen ohne Wenn und Aber dazu verpflichtet, alles zu tun, was den Menschenrechten, der Menschenwürde und der Nächstenliebe entspricht. Aus diesem Grund gab es damals sofort einen ökumenischen Konsens - es war selbstverständlich, dass wir die humanitäre Politik von 2015 unterstützt haben, und dabei bleiben wir auch. Wenn es um Nächstenliebe und Menschenwürde geht, können wir uns nur auf eine Seite schlagen, wenn wir die richtige Antwort geben wollen.

KNA: Der Sozialethiker Peter Schallenberg hat jüngst vorgeschlagen, man solle in der Debatte um die Obergrenze unterscheiden. Für politisch Verfolgte müsse es bedingungslos Asyl geben, aber bei Wirtschaftsmigranten sei es moralisch gerechtfertigt, nur so viele aufzunehmen, wie man verkraften kann.

Overbeck: Ich halte nichts davon, solche Obergrenzen festlegen zu wollen. Das gilt auch für die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge. In einem so reichen Land wie Deutschland zu sagen, dass jetzt die Aufnahmekapazität erreicht ist, ist schwerlich möglich, zumal angesichts der viel extremeren Situation in anderen Ländern. An dieser Überzeugung ändert auch das Wahlergebnis nichts, denn die Richtigkeit moralischer Grundsatzentscheidungen hängt nicht von Wahlen ab. Allerdings ist nun deutlich geworden, dass der Weg, der vor uns liegt, weiter und schwieriger ist als gedacht. Aber das Gut, um das es geht, also Menschenrechte und Menschenwürde, das kann nicht zur Disposition gestellt werden.

KNA: In Berlin zeichnet sich eine mögliche Koalition aus Union, Grünen und Liberalen ab. Was erwarten Sie von der künftigen Regierung?

Overbeck: Ganz gleich wie sie aussieht: Sie wird bedeutende Herausforderungen endlich richtig anpacken müssen und zu denen gehört - weil er keinen Aufschub duldet - der Klimaschutz. Das ist ein Thema, das uns als Kirche, vor allem nach der Enzyklika "Laudato si", besonders am Herzen liegt. Aber die Regierung muss sich auch neu um das Thema Gerechtigkeit bemühen. Die Bitternis der Menschen, die bei uns zu den Verlierern der Globalisierung zählen, kommt auch in der Angst um den Verlust von Heimat und Identität zum Ausdruck - diese müssen wir spüren, ernstnehmen und dann entsprechend handeln. Und wir hoffen, dass es im neuen Bundestag im positiven Sinne wieder mehr Streit und Debatte gibt. Das wird der demokratischen Kultur gut tun.

KNA: Was heißt das für den Umgang der Kirche mit der AfD?

Overbeck: Es gehört selbstverständlich zur demokratischen Kultur, dass Vertreter der katholischen Kirche mit Vertretern aller demokratischen Parteien im Dialog sind. Das tun wir aber immer mit klarer Kante, indem wir sagen, wofür wir einstehen und was wir nicht akzeptieren können. Und dazu gehört jede Form von Rassismus oder das Aufgreifen von Parolen, die mich an die schlimmsten Zeiten unserer Geschichte erinnern.

Das Interview führte Ludwig Ring-Eifel.

(KNA)

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