AfD ist in Sachsen stärkste Kraft
AfD ist in Sachsen stärkste Kraft
Hohe Zustimmung für AfD: Rathmannsdorf (Sachsen)
Hohe Zustimmung für AfD: Rathmannsdorf (Sachsen)
Bischof Heinrich Timmerevers und Akademie-Direktor Thomas Arnold (l.)
Bischof Heinrich Timmerevers und Akademie-Direktor Thomas Arnold (l.)

25.09.2017

Leiter der Katholischen Akademie in Dresden zur AfD "Auf die Nöte der Leute eingehen"

Nach der hohen Zustimmung für die AfD bei der Bundestagswahl blicken viele nach Sachsen: Dort erreichten die Rechtspopulisten sogar ihr stärkstes Ergebnis. Thomas Arnold, Leiter der Katholischen Akademie in Dresden, im domradio.de-Interview.

domradio.de: Sie befassen sich seit geraumer Zeit schon mit der AfD. In Sachsen hatten Sie in ihrem Hause auch Podiumsdiskussionen, Streitgespräche und unter anderem das Thema "Christ sein und AfD". Wenn Sie heute Morgen die Ergebnisse sehen, schämt man sich da ein bisschen?

Thomas Arnold (Leiter der Katholischen Akademie in Dresden): Ich weiß nicht, ob 'Scham' das richtige Wort dafür ist. Natürlich macht es mich zutiefst erschrocken und ich bin erschüttert. Auf der anderen Seite haben die Veranstaltungen ja schon gezeigt, dass das Ergebnis nicht vom Himmel fällt. Es gibt hier eine ganz starke Haltung des Protestes, der Ablehnung der Positionen der Regierung. Dass die AfD sehr stark sein wird, hatten wir in den vergangenen Wochen schon erwartet. Dass sie so stark wird, erschreckt und erschüttert mich.

domradio.de: Bundesweit wird sie dann die drittstärkste Kraft im Bundestag nach Union und SPD. Auf der anderen Seite sagen die Analysten, dass die Wähler keine wirklichen Partei-Anhänger, sondern Protestwähler waren. Es seien Leute, die der Regierung eins auswischen wollten. Ist das so ein bisschen eine Beruhigung?

Arnold: Also mich beruhigt das auf keinen Fall. Ich glaube, wir können zwar von Protestwählern sprechen – aber nicht nur mit Blick auf die letzte Legislaturperiode. Stattdessen müssen wir gucken, wo der Protest wirklich herkommt. Mein Eindruck ist  – und das bestätigen mehrere Umfragen und Forscher – dass das eben eine Erfahrung ist, die in den ganzen Transformationsprozessen seit der Wende und friedlichen Revolution wurzelt. Hier fühlt sich eine ganze Region nicht verstanden und mitgenommen. Wenn ich die wirtschaftlichen Ergebnisse anschaue, da sind wir uns sehr schnell einig: Dem Land geht es gut, es gibt hier blühende Landschaften. Aber ich glaube in den subjektiven Empfindungen ist da ein Protest. Man sagt: 'wir werden nicht gleich behandelt, wir sind die Verlierer dieser friedlichen Revolution'.

domradio.de: Wenn wir uns die Landkarte der Wahlergebnisse anschauen, ist es ja ganz interessant: Die AfD ist in den fünf neuen Bundesländern stark, was auch gleichzeitig die Bundesländer sind, die am wenigsten kirchlich und religiös geprägt sind. Erklärt das Ganze den hohen Zuspruch für die AfD?

Arnold: Es gibt natürlich Tendenzen, die dafür sprechen. Man kann man vielleicht sagen, dass es in diesem Transformationsprozess für viele Menschen keine Beheimatung und keinen Glauben gab, der sie in diese veränderten Strukturen tragen konnte oder gehalten hatte. Und natürlich kann man sagen, dass es in der Flüchtlingskrise eine Unwissenheit gab über jegliche Religion. Deshalb hat auch der Islam hier mehr Angst gemacht. Trotzdem wäre ich vorsichtig zu meinen: Nur weil diese Region unreligiöser ist, ist sie zugleich auch AfD-affiner. Wenn wir in die Gemeinden schauen, evangelisch wie katholisch, dann merken wir: Auch da gibt es Tendenzen, die diese Parteien unterstützen. Von daher würde ich sagen: Lassen sie uns doch mal auf die Daten gucken, die jetzt in den nächsten Wochen kommen und dann überlegen, ob das an den Glauben so zu binden ist.

domradio.de: Jetzt haben Sie, Herr Arnold, dem Rest des Landes etwas voraus. Deutschland diskutiert darüber, wie man mit der AfD im Bundestag umgehen soll. In Sachsen ist das eine Frage, mit der man sich schon seit längerem auseinandersetzen muss. Was ist Ihre Erfahrung? Bringt es etwas, miteinander zu reden oder sollte man die Partei ignorieren? Wie gehen wir mit der AfD um?

Arnold: Ich denke, wenn eine Partei 30 Prozent, teilweise hier in Dresdner Regionen über 40 Prozent der Wählerstimmen bekommt, dann bleibt uns nichts anderes übrig als mit den Leuten, die diese Partei gewählt haben, zu reden und ihre Nöte und Sorgen ernst zu nehmen und darauf einzugehen. Ich glaube, wir müssen auf der einen Seite inhaltlich Themen diskutieren, die bewegen. Da bin ich vollkommen dabei und ich finde, da ist die Katholische Akademie auch der richtige Ort. Auf der anderen Seite müssen wir aufpassen, das wir nicht Empörungen – mit denen Populisten ja auch kalkulieren – unterstützen. Sondern dass wir argumentativ reden, miteinander reden – und nicht übereinander reden und lernen, kalkulierte Provokation als bewährtes Spielmittel der AfD auch abblitzen zu lassen oder dann deutlich darzustellen. In einem Bundesland wie Sachsen, wo die AfD 27,0 Prozent der Stimmen erreicht hat und auch im Bund 12,6 Prozent,  hilft das ignorieren nicht, sondern man muss auf die Ängste und auf die Argumente der Menschen eingehen.

Das Gespräch führte Renardo Schlegelmilch.

(dr)

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