Menschen reichen sich durch Grenzzaun die Hände
"Dreamer" fürchten Abschiebung

06.09.2017

Adveniat kritisiert Aufkündigung des "Dreamer"-Programms "Auf Kosten der Ärmsten"

"Dreamer" sind junge Menschen, die im Kindesalter illegal in die USA kamen. Der frühere US-Präsident Barack Obama stellte sie unter Schutz, den sein Nachfolger Donald Trump jetzt aufkündigen will. Das Hilfswerk Adveniat übt scharfe Kritik.

domradio.de: Wie bewerten Sie Trumps Ankündigung?

Thomas Wieland (Leiter der Projektabteilung des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat): Es sollen Minderjährige und junge Menschen, die schon seit Jahren in den USA leben, aus ihrem sozialen Umfeld herausgerissen werden. Ihnen werden die Chancen genommen, die sie in den USA ergreifen konnten. Sie werden dorthin ausgewiesen, wo ihnen alles fremd ist und wo sie keine Chancen mehr haben. Das ist eine Politik, die bei den Rechten Applaus hervorruft – allerdings auf Kosten der Armen geht.

domradio.de: Die Mehrheit dieser jungen Menschen stammt aus Mexiko und Zentralamerika, wo ihre Familien ursprünglich herkamen. Sie selbst haben aber nie da gelebt. Spanisch ist für sie bestenfalls Zweitsprache. Welche Folgen befürchten Sie für diese Menschen?

Wieland: Sie werden in eine fragile Situation zurückkommen. In Zentralamerika gibt es Länder mit vielen Problemen. Das heißt, sie reisen in die Armut zurück, alleine, ohne familiäre Bezüge und ohne unterstützende Freunde. Und gerade in Armut sind soziale Netzwerke wichtig.

domradio.de: Aber Armut ist nicht das einzige Problem?

Wieland: Daraus entstehen auch viele Folgeprobleme. Die Armut entsteht ja unter anderem daraus, dass sie keine Arbeit finden. Aber zum Beispiel ist auch die gesundheitliche Versorgung schwierig. Drogenbanden und andere Kriminelle sprechen junge Menschen an, um sie als Drogenkuriere oder für ihre Killergruppen anzuwerben. All dem sind sie ausgesetzt. Faire Arbeit würde helfen, aber diese Chance ist in Mexiko und Zentralamerika derzeit so nicht gegeben.

domradio.de: Und was passiert mit denen, die in den USA bleiben, aber nun keinen legalen Aufenthaltsstatus mehr haben?

Wieland: In den USA werden sie in Unsicherheit leben. Über ihnen schwebt die Frage: Wann greift der Staat zu, um sie in ihre Herkunftsländer ihrer Eltern abzuschieben? Sie werden sich zurückziehen. Das führt dazu, dass sie auch dort aus ihrem Umfeld gerissen werden. Die Möglichkeit für das eigene Leben zu sorgen, fällt ganz weg. Sie sind der Ausbeutung ausgesetzt.

domradio.de: Wie ist das für die jungen Menschen?

Wieland: Direkt an der Grenze zwischen Mexiko und den USA unterstützen wir Projekte mit Adveniat. In Nogales gibt es eine Einrichtung der Jesuiten, daher wissen wir, wie es den jungen Menschen geht. Sie sind mit einer großen Vision aufgebrochen, ihre Familien haben eine Hoffnung in sie gesetzt. Daher schämen sich viele. Die Sorge zurückzugehen ist schlimmer, als die Vorstellung im zweiten Anlauf nochmal über die Grenze zu gehen. Das ist das Risiko, das viele aufnehmen.

domradio.de: Wissen Sie, wie sich die Kirchen dazu positionieren?

Wieland: Die Kirchen auf beiden Seiten stehen auf der Seite der Migranten, auch wenn sich die kirchlichen Akteure kein Urteil erlauben. Sie sagen aber: Jeder Mensch habe das Recht und die Möglichkeit, sich auf dem Weg zu machen und sich zu verwirklichen. Vor Ort müsse es möglich sein, zu überleben. Deshalb schaffen sie Arbeitsmöglichkeiten. Ein Projektpartner von uns in San Salvador bildet Jugendliche so aus, dass sie vor Ort ihren eigenen Lebensunterhalt gewährleisten können. Das ist der Schlüssel für die jungen Menschen. Dabei unterstützt sie die Kirche und das Hilfswerk Adveniat.

domradio.de: Zahlreiche Unternehmen wie z.B. Google oder Apple haben bereits protestiert, weil ihnen damit gut ausgebildete, bestens integrierte Mitarbeiter verlorengehen. Ist diese Maßnahme nun der verzweifelte Versuch Trumps, auf Kosten der Einwanderer endlich mal eine Ankündigung aus dem Wahlkampf umzusetzen?

Wieland: Natürlich ist das ein Versuch, um für Radau zu sorgen. Allerdings ist dieser wenig durchdacht und geht auf Kosten der Ärmsten.

Das Gespräch führte Milena Furman.

(DR)

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