Erdogan-Anhänger mit Militärgruß
Erdogan-Anhänger mit Militärgruß

09.06.2017

Spannung zwischen Aleviten und Sunniten in der Türkei wächst Diskriminierung unter Erdogan

Sie machen bis zu einem Viertel der türkischen Bevölkerung aus - doch als gleichberechtigt empfinden sie sich nicht. Die Aleviten gehören seit jeher zur Türkei. Und lebten immer wieder gefährlich.

Jedes Jahr am 28. Mai machen sich Tausende Aleviten auf, den Schrein des heiligen Apaziz zu besuchen. Das Grab liegt in der Provinz Adiyaman, im Südosten der Türkei in einem kleinen Dorf, zwischen den Städten Gaziantep und Diyarbakir. Sie essen dort "Lokma", eine traditionelle süße Teigspeise, singen Lieder und beten. Apaziz ist ein Heiliger der Aleviten, der zweitgrößten Religionsgemeinschaft der Türkei. 12 bis 20 Millionen Gläubige zählt sie, also bis zu einem Viertel der ansonsten sunnitischen Bevölkerung des Landes.

Dieses Jahr aber untersagte die Regierung das Fest. Als rechtliche Basis für das Verbot diente der seit nun fast einem Jahr geltende Ausnahmezustand in der Türkei. Die Behörden in Ankara führten an, die Skizze einer alevitischen Kultureinrichtung sei bei zwei IS-Mitgliedern gefunden worden, die am 21. Mai erschossen wurden. Die Terroristen hätten einen Anschlag geplant. Die Sicherheit könne nicht mehr gewährleistet werden.

Eskalation jeder Zeit möglich

In der alevitischen Gemeinde ist man längst alarmiert. Man fürchtet, der IS könne die Spannungen zwischen Sunniten und Aleviten in der Türkei verschärfen. Gani Kaplan, Vorsitzender der Kulturvereinigung Pir Sultan Abdal, sagte diese Woche der türkischen Presse: "Die Behörden sagen ständig, dass wir bedroht sind und Sicherheitsvorkehrungen treffen sollten." Laut Kaplan seien die Spannungen zwischen Sunniten und Aleviten mittlerweile so groß, dass sie jederzeit eskalieren könnten.

Viele Aleviten misstrauen den türkischen Sicherheitsbehörden. Zum einen, weil sie ihnen einen ausreichenden Schutz nicht zutrauen. Zum anderen, weil der Staat selbst immer wieder die alevitische Gemeinde diskriminiere. Viele Aleviten klagten in den vergangenen Jahren über eine zunehmende "Sunnifizierung".

Angst um Sicherheit

Die alevitische Glaubensgemeinschaft in der Türkei gilt als laizistisch und gemäßigt - was sie wiederum in Gegnerschaft zur Regierungspartei AKP bringt, die ihre Stammwählerschaft aus der gläubig-sunnitischen Mehrheit rekrutiert.

Viele Aleviten erinnern sich noch an den 2. Juli 1993, als ein Mob in Sivas ein Hotel anzündete, in dem ein alevitisches Kulturfestival stattfand. 37 Menschen starben - während die Meute vor dem Gebäude johlte. Warum die Feuerwehr damals nicht früher eingriff, ist bis heute ungeklärt. Auch nach dem fehlgeschlagenen Putsch vom 16. Juli 2016 fürchteten viele Aleviten um ihre Sicherheit. In den ersten Tagen danach kam es in Istanbul zu Ausschreitungen gegen Aleviten.

Verletzung der Religionsfreiheit

Noch im April 2016 urteilte der Europäische Menschenrechtsgerichtshof, dass die Türkei die Religionsfreiheit der Aleviten verletze. Nach Ansicht der Richter herrscht ein "eklatantes Ungleichgewicht" zwischen ihnen und der sunnitischen Mehrheit. Die Diskriminierung beginne schon damit, dass die Aleviten nicht als eigenständige Religion anerkannt werden, sondern schlicht als Muslime gelten. Sie erhalten keine Fördermittel, und ihre Geistlichen sind nicht als Beamte anerkannt. Beides fordern alevitische Repräsentanten seit langem.

Die Glaubensrichtung hat ihren Ursprung bei turkmenischen Stämmen, die im 13. und 14. Jahrhundert nach Anatolien einwanderten. Das Alevitentum hat Ähnlichkeiten mit dem schiitischen Islam, da dessen erster Imam Ali hochverehrt wird. Es gibt aber auch deutliche Unterschiede. Aleviten beten nicht in Moscheen, sondern in sogenannten "Cemevleri" ("Cem-Häusern"), meist privaten Versammlungshäusern. Außerdem legen sie den Koran nicht wörtlich aus. Ihre Frauen sind nicht verschleiert; überhaupt herrscht mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.

Provokationen

Unter den Osmanen wurden Aleviten als Häretiker verfolgt; immer wieder kam es zu Pogromen. Als alarmierend empfanden viele Aleviten, als die 2016 fertiggestellte dritte Bosporus-Brücke nach Sultan Yavuz Selim benannt wurde, der im 16. Jahrhundert mehr als 40.000 Aleviten ermordet haben soll. - In Deutschland ist die alevitische Gemeinde unter den türkischen Einwanderern überdurchschnittlich groß. Schätzungen zufolge leben zwischen bei uns 400.000 und 700.000 Aleviten.

Philipp Mattheis
(KNA)

Das DOMRADIO.DE WM-Tippspiel

Die WM ist vorbei. Frankreich ist Weltmeister. Schwester Katharina freut sich über 2.500 Euro Erlös für das Kinderheim in Olpe.

Der gute Draht nach oben!

Tageskalender

Radioprogramm

  • Tageskalender
  • 18.07.
06:00 - 06:30 Uhr

DOMRADIO Morgenimpuls

06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO Der Morgen

10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Programmtipps

  • Matthäusevangelium
    18.07.2018 07:50
    Evangelium

    Mt 11,25–27

  • Hermann der Lahme
    18.07.2018 09:20
    Anno Domini

    Hermann der Lahme

  • Matthäusevangelium
    19.07.2018 07:50
    Evangelium

    Mt 11,28–30

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Empfangsanleitung zum Ausdrucken

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Jeden Sonntag ab 8 Uhr!

Gemeinsam für das Mehr im Menschen

Berufungspastoral im Erzbistum Köln: Dein Platz in Kirche und Welt.

Das ganze Leben

Hilfsangebote der Kirche im Erzbistum Köln.

Der tägliche Impuls von Weihbischof Puff

Weihbischof Schwaderlapp beantwortet Glaubensfragen