Kein Platz für Christen in Nordkorea
Eine Welt für sich: Nordkorea
Caritaspräsident Dr. Peter Neher
Caritaspräsident Dr. Peter Neher

16.05.2017

Caritas-Präsident musste für Nordkorea-Reise Kreuz abnehmen Einblicke in ein abgeschottetes Land

Abgeschottet und isoliert wird Nordkorea von Kim Jong-un mit eiserner Hand regiert. Man hört viel aus dem Land und weiß wenig. Jetzt war Caritas-Präsident Prälat Peter Neher knapp eine Woche dort und berichtete anschließend bei domradio.de.

domradio.de: Wie muss man sich Nordkorea vorstellen? Wie sieht es da aus?

Prälat Dr. Peter Neher (Präsident Caritas International): Das sind ganz viele Eindrücke. Nordkorea ist von Haus aus ein sehr schönes Land, sehr gebirgig. Es gibt eigentlich relativ wenige landwirtschaftlich nutzbare Flächen. Das Land hat eine wunderschöne Küste. Pjöngjang als Hauptstadt macht einen prosperierenden Eindruck mit einer regen Bautätigkeit. Man sieht viel landwirtschaftliches Tätigsein von Menschen, wenn man so übers Land fährt. Es ist sehr vielfältig; der erste Eindruck ist, dass es ein sehr lebendiges Land ist, mit Menschen, die hier ihrer Arbeit nachgehen.

domradio.de: Das klingt sehr schön, das klingt, als ob man da gut mal Urlaub machen könnte - kann man aber nicht. Konnten Sie sich frei bewegen und mit den Leuten sprechen? 

Prälat Neher: Das geht so nicht. Es ist grundsätzlich am besten, wenn man vielleicht als Analogie die frühere Sowjetunion, die DDR und Polen etwas im Hinterkopf hat. Es sind die offiziellen Begleiter - wir waren ja eingeladen, weil das nordkoreanische Gesundheitsministerium unser Projektpartner ist - und die Vertreter, die Partner, die auch schon mal bei uns in Freiburg waren, die sind immer dabei. Und da ist es auch immer besprochen und geklärt, wo man hin kann. Ein freies Bewegen ist unmöglich.

domradio.de: Caritas International, das Hilfswerk des Deutschen Caritas Verbandes engagiert sich schon seit 2009 in Nordkorea. Schwerpunkte sind der Gesundheitssektor und auch die Altenhilfe. Warum haben Sie da Ihre Schwerpunkte? Welche Probleme gibt es da?

Prälat Neher: Der Grund, wieso wir überhaupt dort sind, kommt eigentlich aus der Geschichte. Und zwar entstand der Kontakt eigentlich schon in den neunziger Jahren durch eine schwere Hungerskatastrophe. Da hat das Regime das erste Mal um internationale Hilfe gebeten. Darüber kamen wir mit Lebensmittelversorgungen ins Land. Und daraus hat sich entwickelt, dass wir Gewächshäuser, mittlerweile 84, ermöglichen und mitbauen. Und zwar speziell bei sogenannten Infektionskrankenhäusern und vor allem bei Patienten mit Tuberkulose und Hepatitis. Diese Gewächshäuser wurden initiiert, um die Gesundheitsversorgung und Lebensmittelversorgung zu verbessern und den Betroffenen einfach ein ausgewogeneres Essen zu ermöglichen. Das ist der Grund, wieso wir da im Gesundheitssektor sind. Gerade auch weil die Patienten, die in diesen Krankenhäusern sind, nicht zu den Bestversorgten gehören.

domradio.de: Das ist der Gesundheitssektor - und die Altenhilfe? Gibt es besonders viele hilfsbedürftige alte Menschen in Nordkorea?

Prälat Neher: Die Altenhilfe ist eigentlich ein relativ neues Projekt und auch noch ganz am Anfang. Entstanden ist es aus dem Anliegen unserer Partner in Nordkorea. Wie können auch alte Menschen ein Stück aus der Vereinzelung kommen? Wie kann man die begleiten? Bei uns würde das "offene Altenhilfe" heißen. Dass alte Menschen sich in so einem Stadtteil treffen können, dass sie dort etwas zu essen bekommen, dass sie eine Gesundheitsversorgung haben. Dazu gibt es ein Projekt in Pjöngjang, da kommen täglich so 30 bis 50 Menschen zusammen. Und ein Zweites ist in der zweitgrößten Stadt Hamhŭng geplant. Übrigens in einem ehemaligen, von der DDR erbauten Infektionskrankenhaus. Und da wollen wir so ein ähnliches Projekt implementieren, welches von der deutschen Bundesregierung unterstützt wird. Das ist auf sehr niedrigem Level, aber es ist der Versuch, eine ambulante Altenhilfe hier an der Stelle zu ermöglichen.

domradio.de: Jetzt führt Nordkorea regelmäßig die Liste der Länder an, in denen Christen am brutalsten verfolgt werden. Die Nordkoreaner müssen Kim Jong-un verehren, alles andere wird mit Todesstrafe oder Arbeitslager bestraft. Wie wohl oder unwohl war Ihnen bei der Reise als Prälat und Direktor eines christlichen Sozialverbandes?

Prälat Neher: Das war für mich schon sehr spannend. Auch mit einem gewissen Unwohlsein, da will ich keinen Hehl draus machen. Mir wurde bedeutet keine Bibel, kein Stundenbuch mitzunehmen und auch kein Kreuz am Revers zu tragen. Das alles könnte dazu benutzt werden, um uns missionarische Aktivitäten vorzuwerfen. Also das war für mich schon neu. Ich bin weltweit viel unterwegs, aber dieses Zeichen oder mein Selbstverständnis im Interesse der konkreten humanitären Hilfe so im Hintergrund halten zu müssen, war mir neu. Das geht schon nicht ganz spurlos an einem vorbei. Die Partner wissen wer ich bin, aber nach außen hin musste ich das möglichst im Hintergrund halten. Da lag mir dann natürlich schon was daran die Projekte nicht selber zu gefährden. Aber dass das in mir selber heftig rumort hat und natürlich eine gewisse Spannung vorhanden war, das kann sich wahrscheinlich jeder vorstellen.

domradio.de: Muss man dann, um das auszuhalten und trotzdem weiter aktiv zu bleiben, sich immer denken: Die Menschen können ja nichts dafür.

Prälat Neher: So ist es. Und unser Ziel ist es als Caritas, der Kirche natürlich bei den Menschen nahe zu sein, die wirklich am Rand stehen und am bedürftigsten sind. Und für mich persönlich ist es schon ein Beitrag, um auch über persönliche Beziehungen ein Stück Hilfe zu ermöglichen und einfach mit diesem Land in Beziehung zu sein. Und ich glaube, das ist das Einzige wo wir in der Lage sind wenigstens einen kleinen Beitrag zu leisten. An dieser kleinen Stelle für Entspannung zu sorgen und auch ein Stück Frieden zu ermöglichen. Das ist ein großes Wort, aber mindestens in den kleinen Projekten ist das für mich ein großes Anliegen und deswegen ist es gut, dass wir mit diesen begrenzten Möglichkeiten dort vertreten sind.

domradio.de: Ist es auch ein politisches Anliegen das möglicherweise an entsprechender Stelle zu thematisieren und zu sagen: Christliche Hilfe wird ja gerne angenommen, aber dann sollten wir auch ein Kreuz am Revers tragen dürfen?

Prälat Neher: Das ist natürlich ein Thema mit unseren unmittelbaren Gesprächspartnern. Wobei das zentrale Anliegen ist hier wirklich Menschen in Not zu helfen. Wir wissen was unsere Wurzeln, unsere Hilfen sind und das ist das Entscheidende. Es geht auch darum unsere Gesprächspartner nicht in eine missliebige Situation zu bringen, weil die wiederum ja auch ihrerseits unter Begründungszusammenhang stehen und unter Druck, warum sie denn mit jemandem zusammenarbeiten wie uns. Ich glaube da gilt es durchaus auch Rücksicht zu nehmen und die, mit denen wir da arbeiten, das wären sicherlich die verkehrten Gesprächspartner, um diese großen Themen zu diskutieren. Hier geht es wirklich darum Menschen in Not zu helfen.

Das Gespräch führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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