Die zerstörte Schule der Chibok-Mädchen
Die zerstörte Schule der Chibok-Mädchen
Muhammadu Buhari
Muhammadu Buhari

09.05.2017

Kritik der Opposition trotz Freilassung von 82 Chibok-Mädchen Teilerfolg für Präsident Buhari

Die Befreiung der 82 entführten Schülerinnen aus dem Ort Chibok bringt Nigerias erkranktem Staatsoberhaupt Buhari einen Pluspunkt. Abgeschlossen ist die brutale wie spektakuläre Entführung damit aber noch lange nicht.

Es war ein kurzer Erfolgsmoment für Nigerias erkrankten Präsidenten Muhammadu Buhari. Keine 24 Stunden nach der Nachricht von der Freilassung der 82 Mädchen, die mehr als drei Jahre Geiseln der Terrorgruppe Boko Haram waren, hat Buhari sie in der Hauptstadt Abuja empfangen. Die Bilder, auf denen er zu den wohl schwer traumatisierten Opfern spricht, gingen um die Welt. Das nigerianische Staatsoberhaupt nannte es ein "schönes Geschenk" zu seinem zweijährigen Amtsjubiläum.

Überraschend bedankte er sich jedoch nicht nur bei den Sicherheitskräften, sondern auch bei nichtstaatlichen Organisationen, die an der Freilassung mitgewirkt hätten. Anschließend reiste Buhari, der als schwer krank gilt, erneut für medizinische Behandlungen nach London. Der Abflug war wegen des Empfangs um mehrere Stunden verschoben worden.

Gegen internationale Standards verstoßen?

Kritik übt nun jedoch die Opposition. In einem am Sonntag veröffentlichen Schreiben warf die Peoples Democratic Party (PDP) um Senator Ahmed Makarfi der Regierung vor, bei der Verhandlung mit den Terroristen gegen internationale Standards verstoßen zu haben. Das werfe den Anti-Terror-Kampf zurück.

Bei Familien, Freunden und Verwandten überwiegt jedoch die Freude über die Freilassung der 82 Chibok-Mädchen. So sehen es auch die Aktivisten von #BringBackOurGirls (BBOG). Sie hatten sich nur wenige Wochen nach einem der spektakulärsten Entführungsfälle in der nigerianischen Geschichte Anfang Mai 2014 spontan zusammengeschlossen. Seitdem haben die Mitglieder um die ehemalige Ministerin Oby Ezekwesili sowie Aisha Yesufu fast täglich für die Freilassung protestiert.

Interesse flachte aber bald ab

Dabei geriet häufig in Vergessenheit, dass die Terrormiliz längst nicht nur die Schülerinnen aus dem entlegenen Ort in Nordnigeria in ihre Gewalt gebracht hatte, sondern insgesamt tausende Frauen und Kinder. Nach ersten Befreiungsaktionen ab Mai 2015 flachte das Interesse aber bald ab, da sich keins der Chibok-Mädchen darunter befand. Für die Fokussierung auf die Schülerinnen wurden auch die BBOG-Aktivisten kritisiert. Ihnen wurde vorgeworfen, Opfer der Miliz in Kategorien einzuteilen.

Dennoch gilt der Entführungsfall als einmalig, da sich die Mädchen in der Obhut einer staatlichen Schule befanden und nicht etwa bei ihren Eltern oder im Heimatdorf aufhielten. Entgegen zahlreicher Warnungen vor Überfällen mussten sie im April 2014 kurzfristig zu ihrer Schule zurückkehren, um Abschlussprüfungen zu schreiben. Dabei war längst klar, dass die Region nicht vor Terrorangriffen gesichert ist.

276 Mädchen aus ihren Schlafsälen entführt

So geschah es schließlich auch, und in der Nacht zum 15. April 2014 wurden insgesamt 276 Mädchen aus ihren Schlafsälen entführt. Wenigen gelang bereits während des Angriffs auf die staatliche Bildungseinrichtung die Flucht. Anschließend kam es zum Stillstand, bis im Mai vergangenen Jahres eins der Mädchen eher zufällig im Sambisa-Wald gefunden wurde. Fünf Monate später kam es im Oktober zu einem ersten Durchbruch. Damals waren nach Verhandlungen erstmals 21 Mädchen freigelassen worden.

Dennoch befinden sich bis zu 113 Mädchen weiterhin in der Gewalt von Boko Haram ("Westliche Bildung ist Sünde"). Es gilt als wahrscheinlich, dass einige von ihnen die Geiselhaft nicht überlebt haben. Eine Befreiung der Überlebenden dient der Öffentlichkeit als Erfolgsmesser für die Amtszeit von Buhari. Nach seinem Antritt 2015 hatte er gesagt, der Kampf gegen die Miliz sei erst gewonnen, wenn die Mädchen von Chibok befreit sind. Anschließend hatte er jedoch zweimal einen Sieg über Boko Haram verkündet, was auf Kritik stieß.

Mädchen würden "bald befreit"

Noch stärker zeigten sich die Angehörigen jedoch vom Verhalten seines Vorgängers Goodluck Jonathan enttäuscht. Dieser hatte sich drei Wochen lang nicht zu der Entführung geäußert und wollte lange weder die Eltern der Opfer empfangen noch nach Chibok reisen. Stattdessen ließ er wiederholt verkünden, die Mädchen würden "bald befreit".

Der Konflikt im Nordosten, den Boko Haram ab 2009 immer mehr destabilisierte, hat aber noch zahlreiche weitere Folgen. Nach Einschätzungen der Vereinten Nationen (UN) leben 1,8 Millionen Menschen als Binnenflüchtlinge in Gastkommunen und Lagern. 5,8 Millionen sind auf Hilfen angewiesen.

Katrin Gänsler
(KNA)

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