Wie ein deutscher Student die Stimmung in Istanbul erlebt

"Keine Angst auf der Straße"

Vor dem Referendum wird in der Türkei ein emotionaler Wahlkampf geführt - und auch Stimmung gegen Deutschland gemacht. Das kommt bei den Deutschen vor Ort jedoch nur zum Teil an. Ein domradio.de-Interview.

Die Hagia Sophia in Istanbul sieht im Wahlkampf wenige Touristen / © Schlegelmilch (DR)
Die Hagia Sophia in Istanbul sieht im Wahlkampf wenige Touristen / © Schlegelmilch ( DR )

domradio.de: Thomas (Name von der Redaktion verändert) ist Student und lebt seit Oktober in Istanbul. Thomas, wie lebt es sich als deutscher Student in der Türkei?

Thomas: Erstaunlich gut. Als ich letzten Oktober hier angekommen bin, habe ich viel mehr Anspannung in der Gesellschaft erwartet. Einerseits durch die politische Lage, aber auch durch die Terroranschläge, die es in Istanbul in letzter Zeit gab. Wenn man sein Alltagsleben an der Uni verbringt, als Student, dann hat man diese Bedrohung gar nicht so im Kopf. Wenn man aus den Medien mitbekommt, was alles passiert, wird man für einen Moment unsicher. Im Alltag bekommt man davon aber wenig mit.

domradio.de: Am kommenden Sonntag, dem 16. April, steht das Referendum über Erdogans Präsidialsystem an. Was merkt man davon in Istanbul?

Thomas: Die Kampagne wird sehr emotional geführt - sowohl von den Unterstützern des Referendums als auch von den Gegnern. Wobei die Befürworter schon stark in der Übermacht sind, denn die verfügen über viel mehr Ressourcen. Die ganze Stadt ist voller 'evet'-Poster (türkisch für 'ja'). Man merkt, dass es der Regierung sehr wichtig ist, dass das Referendum für sie erfolgreich ausgeht. Was ganz anders ist als in Deutschland, ist die Emotionalität des Wahlkampfes. Man hört überall Lieder aus Lautsprecherwagen, die in der Stadt unterwegs sind. Es geht also mehr ans Gefühl; Wahlkampf mit Tatsachen und Argumenten ist hier weniger verbreitet, habe ich den Eindruck.

domradio.de: Wie fühlt man sich, wenn man überall die riesigen Erdogan Portraits mit 'evet' sieht?

Thomas: Man fühlt sich schon manchmal so, als würde man nicht in einer Demokratie leben, sondern in einer Autokratie ( Anmerkung d. Red: Autokratie ist eine Herrschaftsform, bei der ein Einzelner oder eine Gruppe ohne Einschränkung regiert). Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen, wenn man sich mit den Türken selbst unterhält - gerade im akademischen Bereich - gibt es schon eine gewisse Diskussionskultur. Man findet Leute, die sich auf sachlicher Ebene austauschen wollen. Trotzdem gibt es in der Mehrheit der Bevölkerung eine große Unterstützung für die Politik von Erdogan. In den letzten Monaten hat sich da allerdings auch einiges gewandelt. Viele, mit denen ich gesprochen habe, sagen schon, dass sie generell Erdogan unterstützen. Im Referendum wollen sie aber trotzdem für 'nein' stimmen.

domradio.de: Woher kommt dieser starke Rückhalt für Erdogan in der Gesellschaft?

Thomas: Weil er der Türkei in den letzten zehn, fast schon 15 Jahren, einen sehr großen Aufschwung beschert hat. Gerade die Infrastruktur hat sich sehr verbessert, Sozialversicherungen wurden auch für die Leute eingeführt, die es sich vorher nicht leisten konnten. Deshalb hat sich im Alltag vieler Menschen, gerade islamisch religiöser Menschen, viel zum Positiven bewegt. Das honorieren nach wie vor viele im Land - auch wenn die wirtschaftliche Situation momentan nicht mehr so rosig aussieht. Aber die Nachwirkungen merkt man immer noch, gerade wenn man sich die vielen Großprojekte ansieht. Istanbul baut im Moment den größten Flughafen der Welt. In der Bevölkerung ist deshalb die Begeisterung für Erdogan und die AKP nach wie vor sehr groß.

domradio.de: Das heißt, wenn es mir heute persönlich besser geht, als vor zehn Jahren, dann ist mir der demokratische Prozess nicht so wichtig?

Thomas: Leider ist das so. Ich habe schon bei vielen den Eindruck bekommen, dass die Überzeugung hinter den Werten der Demokratie zu stehen, einfach nicht so ausgeprägt ist wie in Deutschland. Als erstes schauen sie auf ihre eigene Situation und merken: Mir geht es eigentlich doch ganz gut, ich habe alles, was ich brauche. Die abstrakten Rechte und Freiheiten werden dann erst im zweiten Schritt bedacht. Bei vielen geht der Denkprozess dann auch gar nicht so weit. Das liegt aber sicher auch am Bildungssystem in der Türkei. Eine Diskussionskultur, das kritische Abwägen von Fakten, das ist alles hier nicht so verankert. In der Schule geht vieles nur über auswendig Lernen. Dazu kommt dann noch der Nationalstolz, der hier sehr ausgeprägt ist. Viele sind für das Land, deshalb für die Regierung und treten für Erdogan ein.

domradio.de: Das Verhältnis zwischen den Regierungen Deutschlands und der Türkei ist im Moment sehr angespannt. Präsident Erdogan hat Kanzlerin Merkel Nazi-Methoden vorgeworfen. Wie geht man mit Deutschen hier um?

Thomas: Sehr positiv. Da kann ich mich nicht beschweren. Immer wenn ich erwähne, dass ich Deutscher bin, bekomme ich positive Reaktionen. Die meisten Leute sind fast schon begeistert von Deutschland als Wirtschaftsmacht. Gerade die Automarken und Fußballclubs werden dann erwähnt. Grundsätzlich haben die Türken also ein positives Bild von Deutschland. Wenn das Gespräch auf die politische Lage zwischen den beiden Ländern kommt, dann versuchen die meisten auch zu differenzieren, was auf der staatlichen und auf der persönlichen Ebene passiert. Sie wollen nicht, dass die Politik das belastet.

domradio.de: Wie stehen die Türken zu Angela Merkel?

Thomas: Die meisten bewundern sie sogar. Sie sehen Merkel als ruhige, überlegte Politikerin. Man muss aber auch sagen, dass viele Leute hier von der türkischen Regierung schon sehr überzeugt sind. Vieles von dem, was in den türkischen Medien verbreitet wird, übernehmen sie einfach für sich selbst. Oppositionelle Medien in der Form gibt es hier nicht mehr. Das engt dann auch das Weltbild ziemlich ein. Im akademischen Bereich ist das nicht so extrem, da sprechen auch viele Fremdsprachen und können sich anderweitig informieren. Die Mehrheit der Türken hat diese Möglichkeit nicht.

domradio.de: Wie wird das Referendum am kommenden Sonntag ausgehen?

Thomas: Das kann man wirklich noch nicht sagen. Im Moment steht es 50/50, jede Kleinigkeit könnte da in den nächsten Tagen noch den Ausschlag geben - in die eine oder andere Richtung.

domradio.de: Wie sieht das christliche Gemeindeleben in Istanbul aus?

Thomas: Im Prinzip so wie in Deutschland. An Weihnachten war ich im Gottesdienst der österreichischen Gemeinde. Es waren zwar nicht viele Leute da, aber dafür Deutsche, Österreicher und Türken. Der Gottesdienst selbst war auf Englisch und von der Atmosphäre her nicht wirklich anders als zu Hause. In anderen Kirchen gibt es allerdings auch regelmäßig eine große Polizei-Präsenz, zum Teil auch Personenkontrollen. Die türkische Regierung bemüht sich also um den Schutz der Christen. Andererseits muss auch eine Bedrohung da sein, wenn es die Notwendigkeit für solche Schutz-Maßnahmen gibt.

domradio.de: Ist das denn so? Gibt es eine reale Bedrohung für Christen?

Thomas: Es gibt definitiv antichristliche Strömungen in der Türkei. Die sind aber in der absoluten Minderheit. Mir ist noch niemand begegnet, der mich wegen meiner Religion oder Nationalität benachteiligt oder diskriminiert hätte. Als Christ auf der Straße in Istanbul muss man keine Angst haben.

domradio.de: Merkt man eigentlich, dass weniger deutsche oder europäische Touristen in der Stadt sind?

Thomas: Absolut. Besonders an den großen Sehenswürdigkeiten wie der Hagia Sophia. Da muss man im Moment überhaupt nicht anstehen. Die Hotels sind zum großen Teil nicht ausgebucht. Meine Eltern waren vor ein paar Wochen da und das Hotel war zu einem Drittel nur belegt. Das ist also auch ein großer Schlag für die türkische Wirtschaft.

domradio.de: Ist es nachvollziehbar, dass Leute Angst haben hierhin zu kommen?

Thomas: Zum Teil. Wenn man nur die deutschen Medien verfolgt und die Lage vor Ort nicht sieht, hat man gewisse Vorurteile, weil man nur die negativen Seiten sieht. Wenn man aber hier lebt und seinen Alltag verbringt, bekommt man das wiederum selbst nur mittelbar mit. Ich würde jedem empfehlen, hierhin zu kommen. Die Türkei ist ein tolles Land trotz der schwierigen politischen Situation. Die Sehenswürdigekeiten sind immer noch sehr cool und im Moment hat man die fast für sich.  


Quelle:
DR