Vielfalt in Deutschland
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28.03.2017

Bertelsmann-Studie: Jeder zweite Muslim engagiert sich für Flüchtlinge "Wir haben auch unseren Platz in der Gesellschaft"

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass sich jeder zweite Muslim in Deutschland in der Flüchtlingshilfe einsetzt. Yasemin El-Menouar, verantwortlich für die Erstellung des "Religionsmonitors", hat das Ergebnis so nicht erwartet.

domradio.de: 44 Prozent der deutschen Muslime engagieren sich für Flüchtlinge – das sind um einiges mehr als Christen oder Atheisten. War Ihnen das Ergebnis der Studie vorher klar?

Yasemin El-Menouar (Verantwortliche des "Religionsmonitors" der Bertelsmann-Stiftung): Nein, das hat mich schon sehr erstaunt, weil wir sehr viel über das muslimische Engagement in der Flüchtlingshilfe diskutiert haben. Da wurden auch immer wieder Vorurteile diskutiert, inwieweit sich Muslime überhaupt einbringen und ob sie überhaupt gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Hier sehen wir, dass sie sogar deutlich stärker engagiert sind als die anderen und so eigentlich genau das Gegenteil der Fall ist.

domradio.de: Das bedeutet: Vorurteile, dass Muslime kaum gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, sind damit widerlegt. Woher kommen denn diese Vorurteile Ihrer Meinung nach?

El-Menouar: Ich denke, das liegt daran, dass wir, wenn wir über Muslime und den Islam diskutieren, sehr viel über bestimmte Probleme diskutieren. Das ist auch nicht zufällig so, sondern es gibt ja auch Probleme wie Radikalisierung, et cetera. Aber das ist eben nur ein kleiner Ausschnitt und betrifft meistens eine kleine Minderheit. Die große Mehrheit, die breite Vielfalt der Muslime, bleibt somit ein bisschen aus dem Blickfeld. Und wenn dann auch der persönliche Kontakt fehlt, fehlt natürlich auch ein Stück weit das Korrektiv.

domradio.de: Woran liegt es denn, dass Muslime sich mehr engagieren? Liegt es vielleicht daran, dass Muslime in vielen Fällen selbst Migrationshintergrund haben und damit empathischer auf die Situation Asylsuchender reagieren?

El-Menouar: Der persönliche Bezug zum Thema spielt hier sicherlich eine Rolle. Viele Muslime, die hier schon seit Generationen leben, stammen ursprünglich auch aus ähnlichen Regionen und Ländern, aus denen die Geflüchteten heute kommen. Somit ist natürlich der persönliche Bezug gegeben. Gleichzeitig verfügen sie auch über kulturelle und sprachliche Kompetenzen, die heute auch in der Flüchtlingshilfe besonders stark nachgefragt werden. Somit können sie einen besonderen Beitrag leisten und auch besonders wirksam helfen.

domradio.de: Es ist dann wahrscheinlich auch ein sehr schönes Gefühl, gebraucht zu werden, oder?

El-Menouar: Ganz genau. Es geht darum, zu zeigen, wir sind nicht nur Hilfeempfänger, wie das ja häufig diskutiert wurde im Rahmen der Integrationsdebatte. Sondern wir können auch einen Beitrag zur Gesellschaft leisten und haben auch hier unseren Platz in der Gesellschaft.

domradio.de: Insgesamt haben sich mehr Christen engagiert, weil in Deutschland zehnmal so viele Christen wie Muslime leben. Da ist es allerdings nur jeder Fünfte, der am Ende aktiv geworden ist. Was entscheidet denn am Ende über den Impuls, zu helfen, oder es nicht zu tun?

El-Menouar: Im Grunde sieht man, dass hier wirklich neue zivilgesellschaftliche Potenziale freigesetzt worden sind, und dass die Menschen in Notsituationen wirklich ihre Kräfte mobilisieren und mit anpacken wollen. Der Punkt ist nur: Sie müssen auch die Gelegenheitsstrukturen finden, um ihre Hilfe anbieten zu können. Da sind natürlich Orte ganz wichtig, wo das möglich ist. Da spielen religiöse Gemeinden eine Rolle, aber auch die Flüchtlingsunterkünfte selbst.

Flüchtlingsunterkünfte wurden ja sehr häufig immer nur diskutiert als Orte, die eher für Ärger und für Bürgerproteste sorgen. Wir sehen in unseren Ergebnissen, dass Menschen, die in der Nähe einer Flüchtlingseinrichtung leben, sich sogar deutlich häufiger engagieren, weil sie dort ihre Hilfe auch tatsächlich anbieten können. Und das zeigt auch noch einmal, wie wichtig der Kontakt eigentlich ist.

domradio.de: Etwas, was wir aus dieser Studie lernen können, wäre also, Flüchtlingsunterkünfte eher in Wohngebiete integrieren?

El-Menouar: Ganz genau. Wir müssen Flüchtlingsunterkünfte eher in Wohngebiete integrieren, damit das Thema auch ein bisschen präsenter ist und auch die Angst genommen wird. Oft ist es so, dass die Ängste, wenn das so ein bisschen schwammig in der Luft schwebt, dass da etwas passiert und Flüchtlinge kommen, eigentlich größer sind als die Sorgen, die sich tatsächlich einstellen, wenn die Flüchtlinge in das eigene Wohngebiet ziehen. Das ist auch ein wichtiges Kernergebnis der Studie: Dass sich die meisten Anwohner nicht an Flüchtlingseinrichtungen stören, wenn sie dann mal da sind. Bevor sie gebaut werden, sind die Proteste allerdings groß. Wenn sie dann da sind, eher nicht.

Das Gespräch führte Verena Tröster.

(dr)

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