Fahnen der europäischen Mitgliedsstaaten
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Stellvertretender COMECE-Generalsekretär Michael Kuhn
Michael Kuhn

25.03.2017

COMECE-Vize Michael Kuhn zu Entstehung und Zukunft der EU "Es muss wirklich debattiert werden"

An diesem Samstag feiern die EU-Staats- und Regierungschefs das 60-jährige Jubiläum der Unterzeichnung der "Römischen Verträge". Der COMECE-Vize Michael Kuhn betont im Interview die Bedeutung der Päpste für die Entwicklung Europas.

KNA: Ist die EU ein Projekt christlicher Werte?

Michael Kuhn (Stellvertretender Generalsekretär der EU-Bischofskommission COMECE): Ich würde nicht sagen, dass sie ausschließlich ein "Projekt christlicher Werte" ist. Wobei ich meine grundsätzlichen Schwierigkeiten mit dem Ausdruck "Werte" in diesem Zusammenhang habe.

Werte sind eine Sache der Börse. Die EU stützt sich auf bestimmte Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Wenn wir als Christen über Europa sprechen, dann fixieren wir uns immer auf Robert Schuman, Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi - und vergessen, dass auch Nichtchristen zum Aufbau Europas maßgeblich beigetragen haben.

Der Belgier Paul-Henri Spaak war kein Christ, so wie manche der Niederländer. Es waren "Menschen guten Willens", so wie Johannes XXIII. mehr als zehn Jahre nach den Römischen Verträgen sie in seiner Enzyklika "Pacem in terris" bezeichnet hat. Natürlich ist das Christentum eine große und wichtige Inspirationsquelle der Europäischen Union. Das ist nicht zu leugnen.

Aber wir dürfen eines nicht vergessen: Der europäische Integrationsprozess wurde von seinen Gegnern immer wieder als ein "vatikanisches Projekt" zur Rückgewinnung des verloren gegangenen Einflusses der Kirche denunziert. Dagegen hat sich die Kirche immer gewehrt. Die Europäische Union ist ein Projekt, an dem die katholische Kirche engagiert mitarbeitet und wofür sie großes Interesse hat. Aber: Es ist ein Projekt für alle Menschen in Europa.

KNA: Wie haben die Päpste die Entwicklung der Europäischen Union beeinflusst?

Kuhn: Alle Päpste kamen mit unterschiedlichen Erfahrungen und haben ihre verschiedenen Sichtweisen eingebracht. Johannes XXIII. hatte von seiner Zeit als Militärseelsorger im Ersten Weltkrieg und als Nuntius im Zweiten Weltkrieg sicher eine andere Erfahrung als Paul VI. Und Johannes Paul II. kam mit der Erfahrung eines Bischofs aus einem kommunistischen Staat. Er kam aus einer Kultur, die auch eine Nähe zur Orthodoxie hat - auch wenn Polen selbst sehr katholisch ist.

Interessant ist, dass Papst Franziskus nicht aus Europa kommt. Er hat eine Außenperspektive - und kommentiert die Entwicklungen in Europa auch entsprechend. Nehmen Sie seine Rede vor dem EU-Parlament oder dem Europarat vor drei Jahren. Da gab es großes Erstaunen, dass er so kritisch ist. Man kann diese Kritik aber auch als Aufforderung sehen, die Erwartungen, die an Europa gestellt werden, wahrzunehmen und entsprechend zu handeln. In der Karlspreis-Rede gab er zum Beispiel konkrete Vorschläge, was Europa tun könnte, um wieder zu jenem christlichen Humanismus beizutragen, der eigentlich von ihr erwartet wird.

KNA: Welche Prinzipien verbinden die EU-Staaten heute?

Kuhn: Ich hoffe, dass die Rechtsstaatlichkeit noch immer ein solches verbindliches Prinzip ist. Allerdings sehen wir in verschiedenen Ländern, dass grundlegende Elemente der Rechtsstaatlichkeit wie die Unabhängigkeit des Verfassungsgerichts infragegestellt werden. Da müssen wir uns die Frage stellen: Können wir akzeptieren, dass grundlegende Prinzipien so eingreifend verändert werden? Wird die Demokratie nicht so verändert, dass wir am Ende nicht mehr von Demokratie sprechen können, weil wesentliche Kennzeichen fehlen? 

Auch werden einige grundlegende Prinzipien der Demokratie nicht mehr verstanden. Demokratie heißt nicht "The Winner Takes it All" (Der Gewinner bekommt alles). Es bedeutet, die Rechte und den Schutz von Minderheiten zu gewährleisten. Auch der Opposition müssen grundlegende Rechte eingeräumt werden. Die Frage ist, ob das heute in Europa noch überall der Fall ist.

KNA: Welche Prioritäten sollte die Kirche in den kommenden Jahren in der EU-Politik verfolgen?

Kuhn: Die COMECE verfolgt keine eigene Agenda, sondern folgt der Agenda der EU. Es gilt etwa zu den zehn Prioritäten des EU-Kommissionschefs Jean-Claude Juncker immer wieder Fragen zu stellen, ob das so funktionieren kann. Dann gibt es die Debatte über die Zukunft der EU. An dieser Debatte muss die Kirche als gesellschaftliche Kraft teilnehmen und sehen, ob auch andere bereit sind, sich auf diese Debatte einzulassen. Das ist auch der Anlass für unseren Kongress im Oktober in Rom.

Über die Zukunft Europas muss wirklich debattiert werden. Daher soll es während des Kongresses keine Aneinanderreihung von langen Vorträgen geben, sondern Zeit für die Debatte. Was am Ende rauskommt, darf nicht schon vorher feststehen. Ein bisschen wie bei der Synode. Keiner soll seinen Vortrag vorlesen, sondern dies als Ausgangsmaterial für seinen Beitrag nehmen. Letztlich geht es darum, dass jeder seine "Vision von Europa" frei ausspricht und dass man in die Diskussion geht.

Das Interview führte Franziska Broich.

(KNA)

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