Kinder in Syrien
Kinder in Syrien
Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon
Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon

14.03.2017

Misereor prangert Politik bei Syrien-Konflikt an "Nichts ist wirklich geschehen"

Martin Bröckelmann-Simon von der Hilfsorganisation Misereor hat die kastrophale Lage der Menschen in Syrien selbst beobachten können. Die Politik hat offensichtlich versagt, erklärt er im domradio.de-Interview.

domradio.de: Sechs Jahre nach Beginn des Krieges sind es vor allem die Kinder, die leiden und traumatisiert sind. Sie haben direkt mit den Hilfskräften vor Ort zu tun. Was sagen die?

Martin Bröckelmann-Simon (Geschäftsführer der Hilfsorganisation Misereor): Das ist schon sehr bedrückend, was man hört. Auch wenn man vor Ort ist, sieht man ja auch Kinder und spricht mit ihnen. Was ihnen widerfahren ist, lastet schwer auf den Seelen: Wenn Kinder Waffengattungen an Geräuschen auseinanderhalten können oder wenn sie in ihren Zeichnungen nur Kriegssituationen und Waffen malen - dann läuft etwas gründlich schief.

Ganz abgesehen davon leiden sie ganz extrem unter der schlechten Versorgungslage. Wasser und Stromversorgung sind in Aleppo zusammengebrochen, in Damaskus und Homs ist es ähnlich. Die medizinische Versorgung ist sehr prekär. Viele Ärzte und Pfleger haben das Land verlassen. Es ist insgesamt eine katastrophale Situation, die gerade die Schwächsten - und das sind nun mal die Kinder  - in ganz besonderem Maße trifft.

domradio.de: Man steht ja wirklich hilflos vor diesen Zahlen. Wieso versagt die internationale Politik so sehr dabei, diesen Krieg einzudämmen?

Bröckelmann-Simon: Dass sie versagt, ist offensichtlich. Es hat so viele Friedensrunden und UN-Resolutionen gegeben und nichts ist wirklich geschehen. Die Waffen sprechen weiter, der Waffenstillstand ist brüchig. Das liegt aus meiner Sicht daran, dass die syrische Bevölkerung in die Mahlsteine der Weltpolitik geraten ist und da gelten andere Spielregeln und vor allen Dingen andere Interessen. Da sind die Syrer eine Art Faustpfand: Sie werden hin und hergeschoben, je nachdem ob es globalpolitisch den Auseinandersetzungen zwischen Russland und den USA in den Kram passt oder regionalpolitisch dem Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien. Am Ende der Kette stehen die Syrer. Sie sind diejenigen, die diesen hohen Blutzoll zu bezahlen haben. Es ist grauenvoll, was man in Syrien zu sehen bekommt.

domradio.de: Morgen sind es ganze sechs Jahre, die dieser Krieg andauert. Hat die Zivilbevölkerung noch Hoffnung, irgendwann wieder ein normales Leben führen zu können?

Bröckelmann-Simon: Ich bin ja gerade vor sechs Wochen aus Syrien zurückgekommen und muss sagen: Die Hoffnung ist nur noch sehr klein. Sie nährt sich von Wenigem - zum Beispiel, dass im Zentrum von Aleppo jetzt die Waffen schweigen und wieder etwas Wasser in den Leitungen fließen kann. Das sind die kleinen Hoffnungszeichen. Aber das ist nicht die große Perspektive. Das Thema Zukunft ist eine Frage von Wochen oder wenigen Monaten. Niemand wagt eine Prognose, wie es am Ende des Jahres aussieht. Insofern sind Bemühungen, in diesem schrecklichen Alltag Alternativen aufzuzeigen, auch miteinander zu arbeiten und zu versuchen so etwas wie Normalität herzustellen, unglaublich wichtig und willkommen.

domradio.de: Friedensinitiativen könnten doch diese Hoffnungslosigkeit durchbrechen, oder?

Bröckelmann-Simon: Genau. Das ist die Aufgabe der christlichen Gemeinschaften. Ich bin sehr beeindruckt von der Arbeit der Ordensleute, die ich dort getroffen habe. Mir hat nachdrücklich gefallen, was der Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Aleppo auf die Beine gestellt hat. Christen und Muslimen helfen gemeinsam den Hilfsbedürftigen. Es werden jeden Tag zehntausend warme Mahlzeiten ausgeteilt, Hilfsgüter verteilt und die Familien in ihren Notunterkünften besucht. Man muss ja daran denken, dass in West-Aleppo 500.000 Vertriebene aus Ost-Aleppo leben und in dieser ganzen Trümmerlandschaft von Ost-Aleppo sich immer noch 100.000 Menschen aufhalten.

Dort kommen die Mitarbeiter des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes hin und besuchen die Menschen auch dort. Das machen Christen und Muslime gemeinsam, doch zwischen den Muslimen - Schiiten und Sunniten - sind sehr tiefe Gräben entstanden. Aber auch zwischen Christen und Muslimen herrscht gewisses Misstrauen. Und da sind solche Initiativen, wo man gemeinsam den Notleidenden hilft, ein Zeichen der Hoffnung und eine Friedensbrücke, über die wir weiter gehen sollten.

domradio.de: Misereor hat in den letzten sechs Jahren 3,6 Millionen Euro bereitgestellt. Wie kann man Sie unterstützen?

Bröckelmann-Simon: Wir werden das, was wir bisher getan haben, weiter fortsetzen. Das heißt: Die Grundversorgung für die Notleidenden und Vertriebenen in Syrien, die Betreuung der Kinder und Jugendlichen in den Sozialzentren, die Unterstützung der kirchlichen Gesundheitsarbeit in Krankenhäusern und Polikliniken. Außerdem versuchen wir die Wasserversorgung sicher zu stellen. Wir wollen dazu beizutragen, dass die Kinder, die jetzt nicht zur Schule gehen können, trotzdem ihre schulische Ausbildung fortsetzen können.

Das tun wir in Zusammenarbeit mit den dort tätigen Religionsgemeinschaften - mit Syrern oder Libanesen - und wir werden das natürlich auch in diesem Jahr fortsetzen. Wir halten eine Plan-Summe von 1,8 Millionen Euro vor und jede Spende, die wir dafür erhalten, ist natürlich extrem willkommen - weil wir dann mehr tun können für die Notleidenden im Land.

Das Gespräch führte Tobias Fricke.

(DR)

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