Aleppos zerstörte Altstadt
Aleppos zerstörte Altstadt
Menschen in Aleppo
Menschen in Aleppo

24.01.2017

Syrienkonferenz in Kasachstan will schlichten Ein Grundstein für Frieden?

Von Frieden ist Syrien weit entfernt. Nun ruhen die Hoffnungen auf neuen Verhandlungen, die in Kasachstan begonnen haben. Russland und die Türkei hatten zu diesem Treffen eingeladen. DRK-Generalsekretär Reuter war vort Ort in Syrien.

domradio.de: Sie waren in Damaskus und Homs. Wie ist die Lage dort? Wie haben Sie die beiden Städte erlebt? 

Christian Reuter (Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes): Das Bild, das in den Medien von Syrien gezeigt wird, ist deutlich anders, als es in Wirklichkeit ist. Wir sollten es differenzierter sehen, als wie wir uns das vorstellen. Es gibt weite Landstriche in Syrien, in denen man sich durchaus "normal" bewegen kann. Wenn man über Damaskus nach Homs reist, hat man das Gefühl in einem relativ sicheren Land unterwegs zu sein. Das ist auch die Wahrheit.

Genauso ist es die Wahrheit, dass in weiten Gebieten wie rund um Aleppo mit unterschiedlicher Intensität Krieg herrscht. Es ist also ein durchaus differenziertes Bild, aber eines ist klar: Nach sechs Jahren Bürgerkrieg gibt es große humanitäre Notstände.

domradio.de: Wie kann es sein, dass einige Stadtteile komplett zerstört sind und wenige Kilometer weiter der Alltag ganz normal weiter geht und die Menschen dort fast nicht betroffen sind?

Reuter: Das ist nicht nur einige Kilometer weiter der Fall. Schauen wir nach Homs, eine der ehemals größten Städten Syriens mit zwei Millionen Einwohnern. Dort gibt es einen großen Stadtbereich. Man kann dort eine "ganz normale" Stadt erleben. Geht man jedoch über eine der Hauptstraßen, die 20 Meter weiter in Richtung Altstadt liegt, findet man flächendeckende Zerstörungen. Die Altstadt wurde flächendeckend bombardiert. Das erinnert an Köln am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Das resultiert natürlich daraus, dass bestimmt Stadtteile – in dem Falle in Homs oder Aleppo, belagert sind. Belagert heißt, dass die Regierungstruppen bestimmte Bereiche einschließen. Es gibt auch umgekehrt in Syrien Städte und Bereiche, in denen Regierungstruppen eingeschlossen sind. Wie bei einer Belagerung üblich, werden die, die belagert werden, systematisch bombardiert. Insofern entsteht die Situation, dass, wenn man nur eine Straße überquert, alles anders sein kann. 

domradio.de: Ende Dezember wurde eine Waffenruhe beschlossen. Die Vereinen Nationen beklagen, dass Hilfslieferungen trotz des Waffenstillstandes die Menschen nicht erreichen. Haben Sie das auch beobachtet?

Reuter: Ja. Das Deutsche Rote Kreuz unterstützt über seine Schwestergemeinschaft, den Syrischen Roten Halbmond, rund fünf Millionen Menschen jeden Monat mit Grundnahrungsmitteln. Der Waffenstillstand ist das Eine. Das Andere ist das richtige Leben. Es kämpfen dutzende Gruppen untereinander und gegeneinander. Nur weil ein Waffenstillstand beschlossen ist, heißt das noch nicht, dass man sich wieder ganz normal durch das ganze Land bewegen kann. Wir versuchen dieses Problem mit örtlichen Verhandlungen zu lösen. Entweder fahren wir in einem Konvoi durch das Land oder wir versuchen uns spezielle Genehmigungen zu holen, dauerhaft Hilfe leisten zu dürfen. 

domradio.de: Seit gestern finden in Kasachstan Syrien-Gespräche statt. Hatten die Menschen, denen sie begegnet sind, Hoffnung, dass die Gespräche etwas bringen, oder sind sie mittlerweile nach so vielen gescheiterten Anläufen desillusioniert?

Reuter: Die Leute hier sind nach sechs schweren Jahren müde. Sie wollen einfach Frieden haben. Natürlich wissen sie von den Gesprächen in Kasachstan, aber der Glaube, dass dadurch der Konflikt tatsächlich gelöst werden kann, ist relativ gering. Im Moment steht bei vielen Menschen im Vordergrund, das tagtägliche Überleben zu bewältigen und sicherzustellen.

domradio.de: Was sind Ihre Erwartungen?

Reuter: Meine Erwartung ist, dass sich Prozesse des Waffenstillstands weiter vertiefen. Dass die Menschen und unterschiedlichen Gruppen wieder miteinander ins Gespräch kommen und dass es mindestens zu einer Perspektive auf weitergehende Gespräche, die einen Grundstein für eine mögliche friedliche Ordnung darstellen können, kommt. Aber ich muss sagen, dass ich Friedensgespräche mit einem erfolgreichen Ende – wie wir sie uns vielleicht in Mitteleuropa vorstellen, nicht sehe.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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