Pater Nikodemus Schnabel
Pater Nikodemus Schnabel
LKW-Anschlag in Jerusalem
LKW-Anschlag in Jerusalem

09.01.2017

Pater Nikodemus will weiter am Frieden in Israel mitwirken Ein Buch mit Seiten voller Leid

Nachdem ein Attentäter am Sonntag in Jerusalem israelische Soldaten getötet hat, stellen sich die Israelis die Frage, wie das passieren konnte. Pater Nikodemus Schnabel berichtet, wie er als Deutscher Jerusalem nach der Tat erlebt.

domradio.de: Wie fühlen Sie sich gerade in Jerusalem?

Pater Nikodemus Schnabel (Prior Administrator der Dormitio-Abtei in Jerusalem): In Jerusalem geht das Leben relativ normal weiter. Natürlich ist das eine unglaublich traurige Sache und wir als Mönche werden das tun, was wir immer tun: Alle Bewohner dieser Stadt vor Gottes Gebet tragen. Jerusalem ist wie ein großes Buch mit lauter Seiten voller Leid. Es ist eine Seite mehr dazugekommen.

Wir werden weiter Gott um Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung anflehen. Was den Islamischen Staat betrifft: Der reklamiert natürlich gerne Mal solche Taten für sich. Ich bin kein Geheimdienst-Spezialist. Da überlasse ich es den Experten, zu klären, wer hinter dem Anschlag steckt. Dass es auch Sympathisanten des IS hier gibt, ist natürlich vorstellbar. Aber da bin ich kein Fachmann.

domradio.de: Bei den vier Toten handelt es sich nach Angaben der Rettungskräfte um drei junge Frauen und einen Mann. Sie alle gehörten zu einer Gruppe von Soldaten, die gerade aus einem Bus ausgestiegen sind, um sich auf einen nahen Aussichtspunkt zu begeben. Die Soldaten sind alle bewaffnet. Wieso konnte der Angriff nicht verhindert werden?

Pater Nikodemus: Das ist eine spannende Frage. Da habe ich gestern Abend gemerkt, wie unterschiedlich die Diskussionen in den deutschen Medien und hier sind. In Deutschland war natürlich eine ganz starke Betroffenheit da. Und man hat diskutiert, ob das Brandenburger Tor in den Farben Israels angestrahlt werden sollte. Hier war eine andere Diskussion sehr schnell da. In Deutschland hat man in Videos gesehen, wie die Rettungskräfte kommen. Hier wurde überall das Überwachungsvideo gezeigt. Darin konnte man die 40 Soldaten sehen, wie der LKW kommt, überfährt, nochmal wendet und den Mann – der Tourguide, der den Attentäter erschossen hat. Man sieht, wie die Soldaten fliehen und später sieht man erst, dass da noch ein Soldat durchlädt. Der Tourguide hat ja gesagt: 'Das kann doch nicht sein. 40 Soldaten und die schießen nicht und ich muss den umlegen.'

In den israelischen Medien wurde dann ganz stark die Diskussion geführt, was das möglicherweise mit dem Urteil zu tun hat gegen den Soldaten, der wegen Totschlags verurteilt wurde. (Der Soldat hatte einen palästinensischen Attentäter erschossen, nachdem dieser schon wehrlos am Boden lag. Anm.d.Red.) Man hat gesagt, dass die Soldaten jetzt eine Schere im Kopf haben, sich nicht mehr trauen, zu schießen. Andere haben gesagt, dass das unfähige Soldaten sind.

Deutsche und Israelis haben den Kitt, dass wir sagen: Nie wieder Auschwitz. Aber der Kitt hat unterschiedliche Konsequenzen. Wir Deutschen sagen: Nie mehr Täter. Die Israelis sagen: Nie mehr Opfer. Tatsächlich gibt es in den israelischen Medien eine sehr heftige Diskussion: Wie konnte es sein, dass wir in der Situation als Soldaten so dumm ausgeschaut haben? Eine Diskussion, die ich zur Kenntnis nehme, und doch merke, dass ich anders ticke - obwohl ich schon 14 Jahre im Land bin. Ich bin dann doch eher der typisch Deutsche, der betroffen ist.

domradio.de: Schauen wir nochmal kurz auf den Ort des Geschehens. Ost-Jerusalem ist ja ein sehr umstrittenes Gebiet: Es wurde 1967 von den Israelis erobert, aber es wird von den Palästinensern beansprucht. War so eine Tat an so einem Ort zu erwarten?

Pater Nikodemus: Das ist schwierig zu sagen. In Jerusalem ist man solche Taten ja schon gewohnt. Es ist ein Hotspot: Ost-Jerusalem ist ein sehr heikles Gebiet. Völkerrechtlich ist es eher einem künftigen Staat Palästina zuzurechnen, aus israelischer Sicht ist es Teil der ewigen ungeteilten Hauptstadt Jerusalem. Das sind unterschiedliche Erzählungen über diesen Ort. Und gerade Soldaten anzugreifen, hat ein gewisses Geschmäckle. Aber da bin ich durch und durch Mönch. Ich fange da nicht an zu analysieren. Dafür bin ich auch nicht hier. Ich bin der, der mit seinen Mitbrüdern im Kloster ist. Wir versuchen eine Oase des Friedens und des Durchschnaufens zu sein und alle Menschen so zu behandeln, dass sie Menschen und Kinder Gottes sind. Egal ob Juden, Christen, Muslime, Drusen oder Atheisten. Das ist unsere Botschaft. Tatsächlich sind wir eher bestärkt, weiter zu sagen: Diese Stadt, dieses Land, hungert nach Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung. Und wir versuchen mit unseren armseligen Mitteln, die wir als Mönche haben, daran mitzuwirken.

Das Interview führte Verena Tröster.

(dr)

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