Urteil gegen Soldaten polarisiert Israel
Urteil gegen Soldaten polarisiert Israel

05.01.2017

Urteil gegen Soldat in Israel erhitzt die Gemüter "Wie würden wir uns verhalten?"

Ein israelischer Soldat ist vor einem Militärgericht wegen Totschlags verurteilt worden. Er hatte im März 2016 in Hebron einem palästinensischem Attentäter in den Kopf geschossen und ihn so getötet. Das Urteil erregt die Gemüter.

domradio.de: Hat Sie dieses Urteil überrascht?

Johannes Gockeler (Leiter des Landesbüros der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Jerusalem): Ich schaue da als Gast drauf. Aber eigentlich sollte uns das nicht überraschen. Im Grunde ist das ein normaler demokratischer Vorgang. Die israelische Armee hat ihre Regeln und es gilt, solche Pflichtverstöße zu ahnden.

domradio.de: Aber das Urteil heizt die Lage, die sowieso schon angespannt ist, weiter an. Viele Juden in Israel haben den jungen Soldaten als Helden gefeiert und Premier Netanjahu redete sogar von "Begnadigung". Wie ist denn die Stimmung im Land gerade?

Gockeler: Diese Stimmen, die Sie ansprechen, zeigen die hohe Emotionalität. Das Militär spielt in diesem Land natürlich eine große Rolle. Die Mehrheit der Israelis hat in der Armee gedient oder dient noch weiterhin. Bei diesem Soldaten wurde auch davon gesprochen, dass er ja "unser aller Kind" sei.

domradio.de: Also viele erkennen sich selber wieder?

Gockeler: Darum kann Netanjahu von "Begnadigung" sprechen, weil sich die Menschen stark mit den Problemen der Soldaten identifizieren. Sie sagen: "Wir alle könnten in so einer Situation in Hebron sein!" Sie stellen sich die Frage: "Wie würden wir uns denn in so einer Stresssituation, in der unsere jungen Leute ja da sind, verhalten?" Daher kommt die Unterstützung für diesen Soldaten.

domradio.de: Aber ist die Stimmung so einseitig, oder erleben sie es auch anders?

Gockeler: Ich saß gestern in Tel Aviv im Restaurant und am Nachbartisch brach eine große Diskussion zwischen einem Linken und einer Soldatin aus. Er meinte, das sei ein Mörder und der müsse so verurteilt werden. Aber es ist sehr komplex und nicht immer entlang der Grenzen von politisch rechts und links.

domradio.de: Es gibt ja in Israel auch kritische Stimmen beispielsweise zum Siedlungsbau in den Palästinenser-Gebieten. Sind diese Kritiker denn zufrieden mit dem Urteil?

Gockeler: Ich weiß nicht, ob man das vermischen kann. Da wird schon sehr stark auf den Einzelfall geschaut. Letzten März gab es viele Messerattacken und das nicht nur in den Palästinenser-Gebieten sondern auch im israelischen Teil Jerusalems.

Das zeigt auch wieder die große Emotionalität und das ist viel entscheidender. Aber natürlich nutzen alle Lager diesen Fall jetzt für sich und jeder interpretiert das Urteil jetzt nach seinem Gusto.

domradio.de: Nimmt der Schuldspruch vielen Palästinensern vielleicht sogar Argumente gegen Israel?

Gockeler: Das glaube ich nicht. Es gibt viele vergleichbare Fälle. Das hier ist ein sehr drastischer Fall, weil der Palästinenser ja schon am Boden lag, als auf ihn geschossen wurde. Die allgemeine Diskussion ist aber auch: "Wie verhalten wir uns, wenn plötzlich in der Öffentlichkeit jemand ein Messer rausholt?“ Und: "Müssen wir die Terroristen alle töten?" Das sind die moralischen Fragen.

domradio.de: Sie arbeiten mit jungen freiwilligen Helfern aus Deutschland zusammen, die im sozialen Bereich arbeiten. Wie erleben die Helfer und Helferinnen die aktuelle politische Debatte?

Gockeler: Die Helfer und Helferinnen arbeiten ja vor allem im sozialen Bereich, also in Schulen, in Altenheimen, in Archiven. Da erleben sie den normalen israelischen Arbeitsalltag und alle Gruppen dieser sehr vielfältigen Gesellschaft. Sie werden da auch mit den verschiedensten politischen Meinungen konfrontiert.

domradio.de: Was sagen Sie diesen Menschen?

Gockeler: Mein Rat ist an diese Menschen, da zuzuhören und zu merken, dass die eigenen deutschen Maßstäbe nicht immer passen. Ich nenne das immer "sich produktiv verwirren lassen". Das bedeutet, dass man merkt, dass nicht immer alles schwarz und weiß ist in dieser Gesellschaft und in diesem Konflikt. Das machen die jungen Leute, die überwiegend nach dem Abitur, also mit 19 oder 20 Jahren hier her kommen, sehr gut. Das macht die Arbeit hier auch sehr beglückend.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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