Das Gefängnis Anísio Jobím in Manaus
Das Gefängnis Anísio Jobím in Manaus
Angehörige von Häftlingen vor dem Gefängnis
Angehörige von Häftlingen vor dem Gefängnis

03.01.2017

Blutige Gefängnisrevolte in Brasilien "Unter aller Menschenwürde"

Die Gefängnisrevolte mit über 50 Toten in Brasilien geht laut Medienberichten auf rivalisierende Drogenbanden zurück. Schwester Petra Pfaller aus Brasilien sieht hingegen die unmenschlichen Haftbedingungen als Ursache.

Zur Person: Schwester Petra Pfaller ist Missionarin Christi und stellvertretende Vorsitzende der katholischen Nationalen Gefängnispastoral in Brasilien. Sie arbeitet seit 22 Jahren in der Gefängnisseelsorge eng mit dem bischöflichen Hilfswerk Adveniat zusammen.

domradio.de:  Es heißt, ein Drogenkrieg stecke hinter dieser Revolte. Was meinen Sie?

Sr. Petra Pfaller: Es ist immer eine offizielle Entschuldigung von der Regierung, dass die Drogenkriege die große Gewalt in den Gefängnissen provozierten. Es ist sicher ein Aspekt, aber die Situation in den brasilianischen Gefängnissen ist ein richtiger Horrorfilm. Die großen Überbelegungen durch die vielen Gefangenen, die ohne Gerichtsurteil oft jahrelang in Untersuchungsgefängnissen sitzen – das sind 40 bis 60 Prozent aller Inhaftierten  - revoltieren die Menschen, die in diesen Höllen Brasiliens eingesperrt sind.  

domradio.de: Also Sie sehen mehr die unmenschlichen Bedingungen in den Gefängnissen als Ursache für die Revolte?

Pfaller: Ja, ich habe dieses Gefängnis in Manaus selbst vor zwei Jahren besucht. Es fehlt an grundsätzlichen persönlichen Hygieneartikel, an juristischem und medizinischem Beistand. Die medizinische Versorgung ist fast gleich Null. Und in einer Zelle mit acht Betten sind 30 bis 40 Menschen eingepfercht. Das ist unter aller Menschenwürde. Und es ist ganz klar, dass solche Zustände Revolten hervorbringen. Jeder kleine Streit kann zu einer großen Rebellion werden.

domradio.de: Was für ein Gefängnis ist Manaus?

Pfaller: Manaus hat ein Gefängniskomplex, davon sind in vier Gefängnissen Revolten ausgebrochen. Vergangene Nacht gab es wieder fünf Tote. Die Meldung von 54 Toten wird wahrscheinlich nicht das endgültige Ergebnis sein. Hinzu kommt: Das Gefängnis in Manaus ist ein privatisiertes Gefängnis. Der Staat hat also die Sicherheitsfrage an eine Sicherheitsfirma vermietet. Und diese Firma hat natürlich kein Interesse an Resozialisierungsmaßnahmen wie beruflicher, pädagogischer oder psychologischer Betreuung. Für sie ist jeder Mensch, der im Gefängnis sitzt, ein Wirtschaftsfaktor. Je mehr, desto lukrativer.

domradio.de: Wer sind die Menschen, die ins Gefängnis gesteckt werden?

Pfaller: Zwei Drittel der Menschen in brasilianischen Gefängnissen sind jugendliche Erwachsene im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Die meisten leben auf den Favelas unter der Armutsgrenze und sind dunkelhäutig. Sie erhalten keinen staatlichen Rechtsbeistand, weil er in Brasilien nicht funktioniert. Wir von der Gefängnisseelsorge haben in den letzten Monaten bereits gewarnt, dass in ganz Brasilien in allen Gefängnissen so eine Rebellion, so ein Massaker passieren kann.

Die Richter, die Staatsanwälte, die Pflichtverteidiger und andere wissen Bescheid. Es gibt genügend Fotos und Filme oder anderes Informationsmaterial über die Situation in den Gefängnissen. Aber leider machen die öffentlichen Behörden mit ihrer repressiven Politik weiter – einsperren und die Augen schließen. Und schieben es dann auf die Drogenkartelle.

Das Interview führte Silvia Ochlast

(dr)

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