28.11.2016

Philosoph Joas findet Kirchen politisch oft zu einseitig "Das Evangelium ist auch unpolitisch"

Der Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas warnt die Kirchen in Deutschland davor, sich in politischen Fragen zu einseitig zu positionieren. Als Beispiel führte der Sozialwissenschaftler die Haltung in der Flüchtlingspolitik an.

"Es darf nie so scheinen, als wäre die politische Linie der Kirchenführung selbstverständlich verpflichtend in irgendeinem Sinn für alle Mitglieder der Kirchen", sagte Joas am Montagmorgen im Deutschlandfunk. Mit einer solchen Haltung könnten die Kirchenleitungen ähnlich wie die Politik viele Menschen verprellen und in die Arme von Populisten treiben.

Starre Haltung in der Flüchtlingspolitik

In der Flüchtlingspolitik habe "vor allem die evangelische Kirche" uneingeschränkt die Linie von Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstützt. Dies sei zwar "aus gut nachvollziehbaren Gründen" geschehen, so Joas, doch sei es sehr gefährlich, wenn man dabei "selbst so abwertend redet über diejenigen, die Bedenken gegenüber dieser Politik haben, dass dasselbe Phänomen, das gegenüber den politischen Parteien eintritt, auch gegenüber den Kirchen in Deutschland eintreten kann".

Christliche Politik ist für Joas nichts Eindeutiges. Zwar dürften und müssten die Kirchen "Grenzen dort setzen, wo eindeutig politische Richtungen existieren oder sich formieren, die gegen christliche Werte verstoßen". Allerdings müssten sie das mit großem Fingerspitzengefühl tun und dürften "nicht jede politische Richtung, die von den Auffassungen der Kirchenleitungen abweicht, als tendenziell unchristlich etikettieren".

Blick in andere Länder

"Das Evangelium in sich ist unpolitisch", ergänzte der Wissenschaftler. Daher sei es zwar als Leitlinie für individuelles Verhalten geeignet, aber nicht im selben Maße für die Lösung politischer Fragen. Deshalb dürften die Kirchen in Deutschland auch ihre Haltung zu Migration und Flucht nicht als alternativlos betrachten. In anderen Ländern, so Joas, gebe es Kirchenvertreter, die eine sehr restriktive Flüchtlingspolitik unterstützten und dies auch christlich begründeten.

Der Blick über die Grenzen zeige außerdem, dass in anderen Ländern "von der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit hoch moralisch argumentiert wird, aber mit Tendenzen gegen die Eheschließungsmöglichkeit von Homosexuellen beispielsweise, die sich die deutsche evangelische Kirche nicht zu eigen machen würde." Es gebe also, so Joas weiter, "eine Fülle von Politiken, die als christlich gerechtfertigt werden, und die Eindeutigkeit ist in keinem dieser Fälle vorhanden und darf deshalb nicht so einfach in Anspruch genommen werden".

(KNA)

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