Vor allem die Kinder leiden im Jemen
Vor allem die Kinder leiden im Jemen

23.10.2016

Millionen im Jemen auf der Flucht Eingeschlossen und vergessen

Die Feuerpause im Bürgerkriegsland Jemen verraucht - wieder einmal. Keine der Konfliktparteien denkt daran, die Waffenruhe zu verlängern. Die Bevölkerung hat ohnehin keine Hoffnung mehr auf ein baldiges Ende des Krieges.

In Tais, der drittgrößten Stadt des Jemen, haben die Menschen nichts davon mitbekommen, dass sich die Konfliktparteien auf eine dreitägige Waffenruhe geeinigt hatten. Die Stadt, die mal berühmt war für ihren Kaffee, ist heute ein Symbol für das Leid der Menschen in dem Bürgerkrieg. "Tais ist von allen Seiten umzingelt", sagt Naschwan al-Hami, der Direktor des ärztlichen Dienstes in Tais. "Wegen des Beschusses mussten die Hilfslieferungen eingestellt werden." Schiitische Huthi-Milizen haben die Stadt von den Hügeln ringsum aus unter Feuer genommen.

Vor dem Krieg lebten mehr als 600 000 Menschen in der Stadt. Wie viele es jetzt sind, kann man nicht sagen, weil zahlreiche Menschen vor den Kämpfen geflohen sind. Auch Jehad Ali machte sich vor sechs Monaten auf den Weg in die 275 Kilometer entfernte Hauptstadt Sanaa. "Wir haben alles zurückgelassen", klagt die junge Frau. "Trotz der Waffenruhe können wir nicht zurück und nachschauen, was von unserem Haus noch übrig ist und unsere Sachen holen." Wie sie äußern viele im Jemen, dass ihnen die Waffenruhe nichts bedeutet.

Viele Binnenflüchtlinge

Jehad Ali ist eine von mehr als 2,2 Millionen Flüchtlingen, die innerhalb des Jemen auf der Flucht sind. Die meisten Menschen, die ihre Heimat wegen der Kämpfe aufgeben mussten, sind innerhalb der Landesgrenzen unterwegs. Der Jemen liegt im Süden der arabischen Halbinsel. Im Norden hält Saudi-Arabien die Grenzen dicht, im Osten der Oman. Der Rest ist Meer. Nur rund 200 000 Menschen sind nach UN-Angaben ins Ausland geflohen.

Die Lage im Land ist katastrophal: Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung seien auf humanitäre Hilfe angewiesen, sagte der Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Adrian Edward. "Die meisten Flüchtlinge leben unter unvorstellbaren Bedingungen." Viele hätten sich in öffentlichen Gebäuden oder verlassenen Rohbauten eingerichtet. Die Wasserversorgung sei in Teilen des Landes zusammengebrochen. Mehr als zwei Millionen Menschen sind nach UN-Angaben akut unterernährt, die Hälfte davon sind Kinder.

"In Sanaa haben wir uns allmählich an die Situation gewöhnt", erzählt der 30-jährige Abdulrahman al-Haifi. "Die Menschen gehen bis spät in die Nacht raus und versuchen, ihr Leben weiterzuleben". Nur wenige Stunden nach dem Ende der dreitägigen Feuerpause flog die von Saudi-Arabien angeführte Koalition erneut Luftangriffe auch auf die Hauptstadt Sanaa.

Die Stadt war im Herbst 2014 von den schiitischen Huthi-Rebellen eingenommen worden, die jemenitische Regierung wurde ins Exil vertrieben. Saudi-Arabien griff im März 2015 in den Konflikt ein und fliegt seitdem Luftangriffe auf Rebellenstellungen. Das sunnitische Königreich fürchtet, dass der schiitische Iran, der die Rebellen unterstützt, zuviel Macht in der Region gewinnt.

USA in Distanz zu Saudi-Arabien

Mehr als 4.000 Zivilisten sind nach UN-Angaben bereits seitdem im Jemen ums Leben gekommen. Anfang Oktober starben mehr als 140 Menschen bei der Bombardierung einer Trauerfeier in Sanaa. Die USA gehen seitdem ein wenig auf Distanz zu Saudi-Arabien. Die Amerikaner unterstützen die saudische Koalition unter anderem mit Luftbetankung und beschossen zuletzt selbst Huthi-Stellungen von Kriegsschiffen aus. Im November vergangenen Jahres hatte das US-Außenminister einen Waffendeal mit Saudi-Arabien in Höhe von rund 1,29 Milliarden Dollar genehmigt. Nach Regierungsunterlagen ging es dabei um die Lieferung von knapp 40 000 Teilen Luft-Boden-Munition.

Simon Henderson vom Washingtoner Institut für Nahost-Politik kritisierte die US-Politik kürzlich. Amerika müsse auf eine Verlängerung der Waffenruhe drängen, schrieb Henderson in der Zeitschrift Foreign Policy. Anschließend könne man über eine erneute Teilung des Jemen verhandeln, schließlich gebe es den heutigen Staat erst seit Anfang der 1990er Jahre. "Der Schritt wäre für alle Konfliktparteien nur logisch." Denn ein Ende der Kampfhandlungen ist unwahrscheinlich.

Die vom Iran unterstützten Rebellen kontrollieren neben der Hauptstadt große Teile des jemenitischen Nordens - und damit ein Gebiet, in dem rund 20 Millionen Menschen leben. Die international anerkannte Regierung hat ihren Sitz mittlerweile in die südjemenitische Hafenstadt Aden verlegt und operiert von dort aus.

Von den UN geleitete Friedensverhandlungen scheiterten zuletzt immer wieder. Dennoch rief der UN-Sonderbeauftragte für den Jemen die Konfliktparteien kurz Ablauf der Waffenruhe am Wochenende zu einer Verlängerung der Feuerpause auf. Der Ruf verhallte - und die geplagte Bevölkerung hört ohnehin schon nicht mehr hin.

Simon Kremer und Amal al-Yarisi
(dpa)

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