Romani Rose
Romani Rose

20.08.2016

Romani Rose über die Verantwortung der Kirche "Bis heute keine Antwort vom Papst"

Er ist das Gesicht der Sinti und Roma in Deutschland. Romani Rose leitet den Zentralrat der Minderheit seit seiner Gründung 1982. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag. Kurz zuvor sprach Rose im Interview von seiner Hoffnung auf eine solidarische Flüchtlingspolitik.

KNA: Herr Rose, die historischen Studien zur Rolle der Kirche in der NS-Zeit füllen Bibliotheken. Wo sehen Sie noch einen blinden Fleck?

Romani Rose (Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma): Im Blick auf die Verfolgung und Ermordung Hunderttausender Sinti und Roma durch die Nazis hat die deutsche Kirche ihre Geschichte viel zu wenig aufgearbeitet. Nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus und des Kriegs wurden sehr schnell christlich-jüdische Gesellschaften gegründet, um Vertrauen zurückzugewinnen. Anders bei meiner Minderheit.

KNA: Sehen Sie eine Mitverantwortung der Kirche für die NS-Verbrechen?

Rose: Grundlage der Verfolgung von Sinti und Roma waren die nationalsozialistischen Rassegutachten. Und diese basierten sehr oft auf Angaben der katholischen Kirche. Bis ins 16. Jahrhundert zurück wurden die Kirchenbücher und Taufregister durchsucht. Selbst ein 'Achtel-Zigeuner' galt als rassisch minderwertig. Und auf der Grundlage dieser 'Gutachten' folgte die Anweisung zur 'Evakuierung' - so der verschleiernde Begriff für die Deportation in die

Konzentrations- und Vernichtungslager. Kardinal Marx hat sich vor einiger Zeit sehr engagiert bei der Aufarbeitung des Schicksals von Sintikindern in den katholischen Kinderheimen seiner Diözese, eine Initiative, die der Zentralrat sehr positiv sieht.

KNA: Sie selbst wurden unmittelbar nach Kriegsende geboren, sind aber dennoch von der Verfolgung geprägt.

Rose: Die Nazis haben 13 Mitglieder meiner Familie ermordet. Und mein Vater erzählte mir von seinem Versuch, den Münchner Kardinal Michael Faulhaber zur Hilfe für die Sinti und Roma gewinnen, die nach Auschwitz deportiert wurden. Aber er wurde im März 1943 im Erzbischöflichen Palais in München von Faulhabers Sekretär abgewiesen. Das war in unserer Familie immer präsent. Erst 2013 hat eine Tübinger Kirchenhistorikerin in Faulhabers Nachlass einen Tagebucheintrag gefunden, der die Erzählung meines Vaters belegt: Der Kardinal notierte, dass ihn ein Zigeuner um Hilfe für 14.000 Brüder im Glauben bat. Und er hält dann fest: 'Nein, kann keine Hilfe in Aussicht stellen.'

KNA: Verbittert Sie das?

Rose: Nein, ich habe meinen Glauben nicht verloren. Aber mein Appell ist, dass sich die Kirche im Blick auf meine Minderheit gründlicher mit ihrer Geschichte auseinandersetzt: Denn was hat meine Kirche getan, als Hunderttausende Sinti und Roma - 'Schwestern und Brüder im Glauben' - der Verfolgung und Vernichtung ausgesetzt waren?

KNA: 1988 gab es im Speyerer Dom einen großen Gottesdienst, der sich genau diesen Fragen stellte.

Rose: Ja, aber leider blieb das ein einzelnes Ereignis. Auch meine Versuche, Papst Benedikt XVI. um ein Gespräch zu bitten, sind gescheitert. Gemeinsam mit einem Holocaust-Überlebenden haben wir ihn

2007 am Rande einer Generalaudienz auf dem Petersplatz um die Gelegenheit gebeten, über die NS-Verfolgung der Sinti und Roma, aber auch über die bis heute andauernde Diskriminierung in vielen europäischen Staaten berichten zu dürfen. Auch über den deutschen Papstbotschafter haben wir es versucht. Bis heute haben wir keine Antwort erhalten.

KNA: Sie beschreiben eindringlich die schwierige Lage ihrer Minderheit etwa in Ungarn, Bulgarien, Rumänien oder Tschechien. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die deutsche Flüchtlingspolitik und die Einstufung der Westbalkanstaaten als sichere Herkunftsstaaten?

Rose: Ich möchte die Balkanländer auf keinen Fall mit Syrien oder anderen Kriegsländern vergleichen. Es ist eine völlig andere Situation. Dennoch ist es verantwortungslos, Menschen in Staaten abzuschieben, wo es viele Mechanismen der Ausgrenzung und Apartheid gibt. Sinti und Roma sind dort wegen ihrer Abstammung im gesamten gesellschaftlichen Leben chancenlos. Sie werden gezielt ihrer Verelendung zugeführt. Das ist auch nach internationalem Verständnis das Gegenteil eines sicheren Herkunftslandes.

KNA: Gerade die jüngsten Anschlägen werden eine großzügige Flüchtlingspolitik kaum erleichtern.

Rose: Die Bundesrepublik kann nicht alle Asylsuchende in unserem Land aufnehmen. Aber sie muss ihren Einfluss geltend machen, damit dieser Rassismus in den Heimatländern aufhört. Wir müssen helfen, den populistischen und ausländerfeindlichen Strömungen das Wasser abzugraben. Das gilt übrigens auch für Länder wie Italien mit der Lega Nord oder Frankreich mit der Front National.

Das Gespräch führte Volker Hasenauer.

(KNA)

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