Hans-Gert Pöttering
Hans-Gert Pöttering

01.07.2016

Ehemaliger EU-Parlamentspräsident zu Folgen des Brexit-Votums "Europäische Einigung ist ein zutiefst christliches Anliegen"

Der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, dringt nach dem Brexit-Votum der Briten darauf, auch das Positive der europäischen Idee in den Blick zu nehmen. Zudem ruft er die Christen auf, offensiv für Europa einzustehen.

Dabei denke er an die "Freiheits- und Friedensgemeinschaft" Europäische Union, sagte der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung am Donnerstagabend in Bonn. "Darüber müssen wir mehr sprechen." Allerdings müsse sich "sicher auch einiges ändern". Zu dem geplanten EU-Austritt meinte er: "Mich macht das unglaublich traurig." Und weiter: "Daraus müssen wir lernen."

Gemeinsame europäische Asyl- und Einwanderungspolitik

In Europa müssten Probleme dort gelöst werden, wo die Menschen auch Lösungen erwarteten, etwa in der Flüchtlingsfrage. Darauf könne man nicht nur mit Hundestaffeln und Tränengas reagieren, denn: "Es wäre ein Armutszeugnis für die Werte der Europäischen Union, die sich gründet auf Menschenwürde." Pöttering sprach sich für eine gemeinsame Asyl- und Einwanderungspolitik aus, die eine "geordnete Einwanderung" ermöglichen würde. Er äußerte sich bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung, von "Christ & Welt" in der "Zeit" sowie des Hauses der Geschichte in Bonn.

Zuvor hatte Pöttering in einem Beitrag für die fünf Zeitungen der Verlagsgruppe Bistumspresse (Sonntag) in Osnabrück geschrieben, dass das Brexit-Votum "mehr als nur ein Warnschuss" sei. Nach den Abstimmungen in Dänemark und in den Niederlanden sei dies innerhalb von sieben Monaten "der dritte und folgenreichste Sieg von EU-Gegnern". Ein "Weiter so!" könne es für die EU nicht geben.

Christen aufgerufen, für Europa einzustehen

Es bedürfe eines mutigen Bekenntnisses zur EU, so Pöttering. Auch müsse "bewusst falschen Behauptungen der Gegner Europas" energischer widersprochen werden. Hier stünden Politik, Medien, Kirche und Zivilgesellschaft in der Pflicht. Besonders die Christen seien aufgerufen, offensiv für Europa einzustehen.

"Die europäische Einigung ist in erster Linie ein Projekt der Versöhnung und damit zutiefst christliches Anliegen", betont der bekennende Katholik. Dieser Versöhnungsgedanke werde heute von Europaskeptikern attackiert, "die fremden- und religionsfeindliche Parolen hoffähig machen".

Rückbesinnung auf gemeinsame Geschichte

Laut Pöttering muss die EU jetzt mit konkreten Ergebnissen zeigen, "dass sie Teil der Lösung für aktuelle Herausforderungen" wie die Migrationsfrage ist. "Wir brauchen einen gemeinsamen Grenz- und Küstenschutz, um unsere Außengrenzen zu schützen, eine gemeinsame, am christlichen Menschenbild ausgerichtete Asylpolitik und eine solidarische Lösung zur Verteilung von Flüchtlingen."

Neben einer rationalen müsse es auch eine emotionale Bindung der Menschen an die EU geben, schreibt Pöttering. Dies sei nur durch eine Rückbesinnung auf die gemeinsame Geschichte zu erreichen. "Denn diese lehrt uns: Unsere Heimat, unsere Nation und Europa sind untrennbar miteinander verbunden." Heimat und Nation seien ohne Europa schutzlos und ein Europa, das Heimat und Nation verneint, ein Europa ohne Wurzeln.

(KNA)

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