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Großbritannien stimmt für EU-Austritt
Karin Kortmann
Karin Kortmann

24.06.2016

ZdK-Vizepräsidentin fordert christliches Handeln nach Brexit-Votum Für das europäische Haus

"Wir müssen uns als Christen mehr gegen den Vertrauensverlust in der Politik engagieren." Dieses Fazit zieht die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Karin Kortmann, nach der Brexit-Abstimmung bei domradio.de.

domradio.de: Sie sind jetzt gerade in Irland bei einem europäischen Laien-Treffen und geografisch ganz nah dran. Wie ist dort vor Ort der Brexit aufgenommen worden?

Karin Kortmann (Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken): Mit großer Erschütterung. Wir haben gestern Abend noch gedacht, die Hoffnung und die Einsicht würden gewinnen und der Populismus kriege eine klare Absage. Und heute Morgen beim Frühstück waren alle - und wir sind hier aus 16 Nationen - nur geschockt über dieses Ergebnis. Wir haben uns heute Morgen mit der Frage beschäftigt, was eigentlich Versöhnungsarbeit ist. Geschichten, die wir dazu aus Nordirland präsentiert bekommen haben, zeigen uns, wie fragil unsere Gesellschaften sind und wie stark sie auch Einflüssen ausgesetzt sind. Man braucht dafür besonnene und verantwortliche Politiker, die für den gemeinsamen Zusammenhalt kämpfen und nicht für die Re-Nationalisierung, wo sie alles auf eine Karte setzen. Das Ergebnis haben wir dann heute Morgen gehört und es macht uns traurig, betroffen und ein Stück weit auch fassungslos angesichts dessen, was wir jetzt über Monate mitbeobachten mussten.

domradio.de: Ihr Generalsekretär, Dr. Stefan Vesper, hat auf seiner Facebook-Seite als Reaktion auf den Brexit geschrieben, die Europäische Union müsse jetzt ganz dringend durch Reformen gestärkt werden. Worin sehen Sie die dringendsten Reformen?

Kortmann: Die populistischen Argumente für eine neue nationale Stärke in Großbritannien haben zu diesem Ergebnis geführt. Dafür sind David Cameron und Boris Johnson ganz klar verantwortlich, denn sie haben ihr Land mit Äußerungen, die Großbritannien zu einem politischen und wirtschaftlichen Desaster führen werden, gespalten. Deswegen gilt es jetzt ganz dringend, die verantwortlichen Kräfte, die es auch in Großbritannien gibt, wieder mit ins Boot zu holen und nicht vorschnell Türen und Fenster zu schließen, sondern sich weiter auf den Verhandlungsweg zu machen. Gleichzeitig sollte man auch dafür eintreten, dass dieses großartige Friedensbündnis Europa nicht dem Populismus geopfert wird, sondern dass wir alle miteinander dafür Verantwortung tragen, eben diese Werte, die Europa verbinden - den Freiheitsgedanken, den Friedensgedanken - vertrauensbildend neu zu stabilisieren. Dafür sind wir als Christenmenschen auch in einer besonderen Form verantwortlich und nicht nur die Politiker und Politikerinnen.

domradio.de: Sie sprechen die christliche Verantwortung an. Glauben Sie, dass diese Abspaltung, die wir jetzt erleben, auch etwas damit zu tun haben könnte, dass es Europa an einer gemeinsamen religiösen Grundlage fehlt?

Kortmann: Soweit gehe ich nicht. Das würde ich nicht so sehen, sondern hier waren die Re-Nationalisierungstendenzen entscheidend und der Wunsch, sich stärker von so einem Unionsbereich zu verabschieden, wo falsche Annahmen in der Bevölkerung zu Unverständnis geführt haben. Nein, ich glaube, man muss jetzt an der Stelle eher noch einmal mit Fakten kommen. Wenn wir jetzt aufgrund der Wirtschaftsdaten wissen, dass durch den Brexit eine Million Arbeitsplätze in Großbritannien in Gefahr sind und es zu einem Wachstumseinbruch von sechs Prozent  kommt - das ist die Prognose der Bank of England - und wir gleichzeitig auch wissen, dass 63 Prozent der britischen Exporte in die EU gehen, dann wissen wir, dass Großbritannien damit auf ein wirtschaftliches Desaster zusteuert und Menschen aus diesen Prozessen heraus in weitere Armutsspiralen hineingeraten. Denn dieses Land ist ja doppelt gespalten. Es ist regional gespalten, da sich Menschen, die aus den alten Industriestandorten kommen, für einen Verbleib ausgesprochen haben, weil sie die Vorteile sehen, die ihnen überall in der Europäischen Union Garantien für Wirtschaft und Arbeitsplätze geben. Andererseits gibt es diejenigen, die zu den Vermögenden gehören und sagen: Das können wir als Land alles selber erarbeiten. Das ergibt eine Spaltung.

Zudem, und das bereitet mir extrem viel Sorge, war es eine Generationenfrage. Wenn nämlich von der Alterskohorte der 18 bis 24-jährigen 64 Prozent  für einen Verbleib in der Europäischen Union gestimmt haben und von den 25 bis 49-jährigen noch mal 45 Prozent, aber die 65-jährigen und Älteren zu 58 Prozent für den Ausstieg waren, dann zeigt es ja, dass eine älter werdende Generation darüber abgestimmt hat, jungen Menschen eine Zukunft zu verbauen. Dagegen müssen wir gemeinsam angehen und da haben wir als Christen einen ganz besonderen Beitrag zu leisten. Wir müssen deutlich machen, was eigentlich der Friedensgedanke dieses europäischen Hauses ist. Der Vertrauensverlust, der in der Politik existiert, muss wieder repariert werden und dafür müssen wir werben. Das mag ich an dieser Stelle nicht den Briten alleine überlassen, sondern da müssen wir auch mit unserem christlichen Menschenbild enorm viel beitragen. Das versuchen wir gerade hier in diesen Tagen in Maynooth bei Dublin. Wir fragen uns nämlich, was wir als Christen für Möglichkeiten haben, uns nochmal viel stärker auch politisch und gesellschaftspolitisch Gehör zu verschaffen und zu engagieren.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(dr)

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