Bischof Stephan Ackermann
Bischof Stephan Ackermann

13.01.2015

Bischof Ackermann zieht Bilanz zum Missbrauchsskandal "Einen Schlussstrich darf es nicht geben"

Ende Januar 2010 machte Jesuitenpater Mertes am Berliner Canisiuskolleg Fälle sexuellen Missbrauch an Schülern bekannt. Damit löste er eine riesige Missbrauchsdebatte aus. Bischof Ackermann über Fehler und Glaubwürdigkeit.

KNA: Bischof Ackermann, Ende Januar 2010 kamen die ersten Missbrauchsfälle an die Öffentlichkeit. War das aus heutiger Sicht ein guter oder ein schlechter Tag für die katholische Kirche?

Bischof Stephan Ackermann (Bistum Trier, Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz): Ein schmerzlicher Tag, aber unterm Strich muss man sagen, es war ein guter Tag, denn er hat zu einem Reinigungsprozess und zu mehr Wahrheit und Klarheit geführt. Aber der Prozess ist noch lange nicht zu Ende.

KNA: Die Missbrauchsfälle selbst lagen ja oft Jahrzehnte zurück. Ist das Thema zu lange vertuscht und unter den Teppich gekehrt worden?

Ackermann: Sicher wurden hier Fehler gemacht. Aber da steht die Kirche mitten in der gesamten Gesellschaft, in der das Thema viel zu lange tabuisiert war. Und da haben die Verantwortlichen in der Kirche leider keine Ausnahme gemacht.

KNA: Wie sehr hat die gesamte Missbrauchsdebatte seit 2010 die Kirche verändert?

Ackermann: Das Problembewusstsein für sexualisierte Gewalt ist heute ganz anders als vor fünf Jahren. Etwa in der Weise, wie wir Hinweisen nachgehen, auf Betroffene hören, Vertrauensvorschuss schenken. Wir haben eine ganz andere Kultur im Umgang mit den Opfern, eine neue Sensibilität.

Das gilt, meine ich, auch für den Umgang mit Macht und Machtmissbrauch insgesamt. Wir sind viel aufmerksamer etwa für Fragen finanzieller oder struktureller Macht. Ich glaube, dass wir heute in vielen Bereichen sensibler geworden sind, weil die Thematik des sexuellen Missbrauchs wie ein Katalysator auch andere Prozesse mit angestoßen hat. Sicher ist die Kirche hier offener und ehrlicher geworden.

KNA: Auf der anderen Seite hat die Debatte auch zu einer gewaltigen Vertrauenskrise und zum Anstieg der Kirchenaustritte geführt ...

Ackermann: Der Schaden ist aber nicht nur durch die Debatte entstanden, sondern durch die schlimmen Vergehen vorher! Natürlich hat das Ansehen der Kirche gelitten. Und es ist auch schmerzlich für mich als Missbrauchsbeauftragten, wenn ich sehe, was wir alles in den letzten fünf Jahren getan haben, und dass es trotzdem weiterhin so viele Vorbehalte gegenüber der Kirche gibt. Da bleibt noch viel zu tun, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

KNA: Was waren die wichtigsten Schritte zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle?

Ackermann: Es fing an mit der Berufung des Missbrauchsbeauftragten, dann kam die Hotline, die ja sehr stark von Betroffenen in Anspruch genommen wurde - aber auch von Opfern, die gar nicht aus dem kirchlichen Bereich kamen. Als nächstes haben wir die Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener durch Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz völlig überarbeitet und die Präventionsrahmenordnung in Kraft gesetzt.

Weitere Elemente waren Hilfen für die Opfer, Gespräche und die materielle Anerkennung für das erlittene Leid - eine wirkliche "Entschädigung" kann es ja nicht geben. Und bis heute sind wir dabei, den ganzen Bereich von unabhängigen Experten wissenschaftlich erforschen und aufarbeiten zu lassen.

KNA: Was aber beim ersten Anlauf nicht geklappt hat, als Sie die Zusammenarbeit mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer aufgekündigt haben ...

Ackermann: Eine bittere Erfahrung, weil ja auch gleich wieder der Verdacht laut wurde, die Kirche wolle doch nicht alles aufklären. Im Nachhinein betrachtet, haben wir uns da wohl angesichts des öffentlichen Drucks etwas überstürzt in dieses Projekt begeben und mussten Lehrgeld zahlen.

Doch jetzt bin ich froh, dass das neue Forschungsprojekt auf einer breiteren Basis steht, weil neben der kriminologischen Sicht auch psychologische, sozialwissenschaftliche und institutionelle Aspekte untersucht werden.

KNA: Missbrauchsbeauftragter ist ja vermutlich nicht gerade der "Traumjob", um den sich alle Bischöfe reißen. Was hat Sie in den letzten fünf Jahren persönlich am meisten berührt?

Ackermann: An erster Stelle steht die Erschütterung über die vielen Einzelschicksale aus den Briefen und persönlichen Gesprächen. Das meiste hätte ich mir nie vorstellen können und viele der Schilderungen werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Das Zweite ist natürlich eine Ernüchterung beim Blick auf unsere Kirche, der Zwang zu einer schonungslosen Offenheit und Ehrlichkeit.

Das heißt aber nicht, dass meine Liebe zur Kirche und meine Glaubensüberzeugung darunter gelitten hätten. Das Dritte ist Dankbarkeit gegenüber den Betroffenen, die ja ihr Vertrauen gezeigt haben, indem sie sich uns anvertraut haben trotz ihrer schlimmen Erfahrungen mit Kirchenvertretern. Und ein letzter Punkt: Ich durfte immer wieder erleben, dass Menschen - auch solche, die gar nicht kirchlich gebunden sind - ihre Hilfe anbieten und sich mit großem Engagement hier einbringen. Das ist eine wichtige Erfahrung, die mich auch dankbar macht. Denn alleine hätten wir das nicht bewerkstelligen können.

KNA: Wie geht es jetzt weiter? Oder anders gefragt: Wann ist Schluss mit der Missbrauchsdebatte?

Ackermann: Einen Schlussstrich kann und darf es nicht geben. Das Thema wird bleiben. Momentan steht auf der Ebene der Bischofskonferenz das Forschungsprojekt im Mittelpunkt. Zudem haben wir ja beschlossen, 2018 die Leitlinien und die Rahmenordnung erneut zu überprüfen und bei Bedarf zu überarbeiten. Und die Präventionsarbeit bleibt natürlich ein Dauerthema, um neue Missbrauchsfälle zu verhindern, so gut es eben geht. Das Thema kann nie abgehakt werden, denn wir müssen die Sensibilität wachhalten.

Hier gilt es auch, positiv nach vorne zu schauen in dem Sinn, dass die Bereiche Kinderschutz und Kinderrechte insgesamt gestärkt werden.

Es gibt ja auch neue Themen - etwa Missbrauch und Mobbing im Internet und über die sozialen Netzwerke. Hier müssen wir dranbleiben. Das Thema wird sich stetig verändern, aber ein Ende kann und darf es hier nicht geben.

Das Interview führte Gottfried Bohl.

Gottfried Bohl
(KNA)

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