Klaus Wowereit (Mitte) und Michael Müller (rechts)
Klaus Wowereit (Mitte) und Michael Müller (rechts)

11.12.2014

Klaus Wowereit zur Rolle der Religionen und Kirchen "Für die Hauptstadt lebenswichtig"

Heute ist die Amtszeit von Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit zu Ende gegangen - der Dialog der Religionen spielte darin eine wichtige Rolle. Ein Rück- und Ausblick im Interview.

KNA: Herr Wowereit, in kaum einer anderen Stadt Deutschlands leben so viele unterschiedliche Religionen relativ friedlich zusammen wie in Berlin. Aber es gibt auch Anschläge auf Synagogen, Kirchen und Moscheen. Macht Ihnen das Sorgen?

 

Wowereit: Es ist für diese Stadt lebenswichtig, dass Menschen mit unterschiedlichen Religionen, Kulturen und auch Lebensweisen friedlich miteinander zusammenleben. Das hat bislang weitgehend geklappt, trotz der Übergriffe, die es leider auch gegeben hat. Aber internationale Konflikte wie die Auseinandersetzungen in der arabischen Welt werden auch nach Berlin getragen. Es ist Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft, dass sie sich von solchen Attacken klar distanziert und aktiv um Akzeptanz und Verständnis für die gesellschaftliche Vielfalt wirbt.

 

KNA: Sie haben selbst durch den Berliner "Dialog der Religionen" einen Beitrag geleistet. Wie ist Ihre Bilanz?

Wowereit: Bislang ist es ein Erfolg, aber am Anfang war das sehr kompliziert. Wir haben gesagt, dass wir diesen Dialog nicht vorgeben wollen, sondern nur den Rahmen. Den Dialog müssen die Religionsgemeinschaften selber führen. Wir sind da noch nicht am Ende des Prozesses. Ich wünsche mir besonders, dass die großen Kirchen sich noch mehr beteiligen, auch vor Ort in den Gemeinden.

KNA: Wie in vielen deutschen Städten ist derzeit auch in Berlin der Zustrom von Flüchtlingen ein Problem. Wie sollte die Hauptstadt langfristig darauf reagieren?

Wowereit: Ich kann mich noch gut an die Jahre erinnern, als wir Turnhallen zur Verfügung stellen mussten, weil so viele Flüchtlinge kamen. Selbst das hat diese Stadt bewältigt. Deshalb glaube ich nicht, dass man hier von objektiven Kapazitätsgrenzen reden sollte.

Aber die Herausforderung ist da, die Unterbringung muss menschenwürdig sein und wir müssen den Flüchtlingen zeigen, dass sie willkommen sind. Die Haltung der Kirchen ist da eindeutig, aber in der Praxis ist vieles nicht immer leicht umsetzbar. Insofern brauchen wir die Kirchen als verlässliche Partner - auch für Konflikte, die es immer wieder gab und die es vielleicht sogar verstärkt geben wird.

KNA: Ein strittiges Thema ist aber der Religionsunterricht. Die Kirchen beklagen, dass die staatliche Förderung dafür seit über zehn Jahren nicht erhöht wurde und sie immer mehr aus Eigenmitteln zuschießen müssen ...

Wowereit: Wir finanzieren den Religionsunterricht, wie es ja auch in anderen Bundesländern der Fall ist. Es ist richtig, dass der katholische Religionsunterricht in bestimmten Teilen der Stadt wegen der geringen Teilnehmerzahl in einer schwierigen Situation ist. Dort müssen die Kinder teilweise schulübergreifend zusammengefasst werden, und das ist dann teuer und schwer zu organisieren. Aber da muss die katholische Kirche auch selbst einen Schwerpunkt setzen. Zu den vertraglichen Grundlagen des Religionsunterrichts gibt es die Bereitschaft zu reden. In welchem Umfang sich da etwas verändern kann, wird gerade mit beiden Kirchen verhandelt.

KNA: Die Deutsche Bischofskonferenz will die katholische Präsenz in Berlin stärken, auch und vor allem im Wissenschaftsbereich.

Befürworten Sie das?

Wowereit: Ich begrüße es, dass die katholische Kirche jetzt selbst diese Überlegungen anstellt. Ich finde es gut, wenn sie in der Hauptstadt sichtbar ist und ihre Positionen deutlich macht. Dazu gehört auch die wissenschaftliche Ausbildung. Ich glaube, dass es Gesprächsbereitschaft bei den Universitäten und beim Senat gibt, wenn die Entscheidungen bei der Kirche getroffen sind.

KNA: Demnächst sind Sie zwar nur noch einfacher Bürger Berlins, aber weiterhin Katholik. Hat der Berliner Katholik Klaus Wowereit eine Erwartung, was den neuen Erzbischof betrifft?

Wowereit: Es muss auf jeden Fall eine Persönlichkeit sein, die offen ist für eine Metropole wie Berlin, die bereit ist, über die eigenen Kirchengrenzen hinaus den interreligiösen Dialog nach vorne zu bringen. Ein Erzbischof - und hoffentlich dann bald auch Kardinal -, der auch die Ökumene ernst nimmt und sich sozial engagiert. Das war bei Kardinal Woelki in hervorragender Art und Weise gegeben. Ich bedaure außerordentlich, dass er nach Köln zurückgekehrt ist - aber: gut für Köln. Ich bin sehr gespannt, wer Nachfolger wird. Es sollte eine Person sein, die auch national wahrgenommen wird.

KNA: Haben Sie als Katholik verfolgt, was im Moment in Rom diskutiert wird? Bei der Familiensynode ging es auch um homosexuelle Partnerschaften und neue Wege in der Seelsorge. Wie bewerten Sie, was der Papst jetzt anstößt?   Wowereit: Ich habe das über die Medien verfolgt. Aus meiner Sicht ist da zu wenig passiert, das hat mich allerdings auch nicht gewundert. Die Rolle des neuen Papstes wird immer ein wenig verklärt, da sind die Erwartungshaltungen sehr hoch.

Ich weiß nicht, ob er in der Lage und willens ist, die katholische Kirche insgesamt zu reformieren. Das muss man noch abwarten. Ich denke, bei den großen Themen dieser Welt sollte sich die katholische Kirche öffnen. Tradition ist gut, in manchen Dingen hänge auch ich an Traditionen, aber man muss sich auch weiter entwickeln. Die Einstellung zur Homosexualität ist aus meiner Sicht inakzeptabel, das sehen auch viele Katholiken so.

KNA: Gibt es noch ein kirchliches Thema, das Ihnen am Herzen liegt?

Wowereit: Bezogen auf Berlin: Ich hoffe, dass ich die Umgestaltung der Hedwigskathedrale noch miterleben darf. Das Loch stört mich sehr und ich fand es gut, dass Kardinal Woelki dieses Thema so weit vorangetrieben hat, dass wir jetzt einen Architektenentwurf für eine Umgestaltung haben. Die Bundesregierung will ihren finanziellen Beitrag leisten, und auch das Land Berlin wird sich sicherlich nicht verschließen. Trotzdem ist das Thema kontrovers, und ich hätte nicht geglaubt, dass das so eine Emotion hervorruft, vor allem im Osten Berlins und bei einigen in den östlichen Ländern.

Aber die Hedwigskathedrale muss dringend saniert werden. Das ist auch eine Aufgabe für die gesamte Kirche in Deutschland. Der protestantische Berliner Dom wird oft symbolisch genutzt wichtige Ereignisse. Ich würde mich freuen, wenn die Hedwigskathedrale da eines Tages ebenbürtig wäre.

Ludwig Ring-Eifel und Gregor Krumpholz
(KNA)

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